Sonntag, 30. Juli 2017


[Festival] Amphi
22.-23. Juli  2017
Tanzbrunnen, Köln

Nach einigen Verwerfungen in meinem privaten Umfeld überlegte ich lange, ob ich in diesem Jahr überhaupt wieder auf das Amphi Festival nach Köln fahren sollte. Letzten Endes konnte ich mich dann allerdings doch zusammenreißen und meinen Festivalbesuch wie ursprünglich geplant antreten. Ein adäquate Unterkunft und die Akkreditierung hatte ich glücklicherweise schon lange im Voraus organisiert - auch meine Chefin erhob keine Einwände gegen meinen kurzfristigen Urlaubswunsch.


So kann ich dann, wenn auch ein wenig später als geplant, am Freitag meine Fahrt nach Köln antreten. Die gesamte Strecke ist praktisch eine einzige Baustelle, zumindest fühlt es sich bereits nach einigen Kilometern für mich so an. Dennoch komme ich sehr gut voran und erreiche die Domstadt am frühen Nachmittag, noch vor dem einsetzenden Feierabendverkehr. Nach kurzer Suche finde ich sogar noch einen bezahlbaren Parkplatz in unmittelbarer Nähe des Hotels. So spare ich mir die, deutlich teureren, Festivalparkplätze und vermeide auch das hoteleigene Parkhaus - das pro Tag mit sehr sportlichen 25 Euro berechnet wird, wie mir ein anderer Festivalbesucher mit entsetztem Gesichtsausdruck im Foyer beim Einchecken erzählt.


Mein Zimmer befindet sich im obersten Stockwerk, beinahe in der hintersten Ecke. Der Gang kommt mir bereits jetzt unendlich weit vor, als ich mein Gepäck hinter mir her schleife. Nach einer kurzen, aber dringend notwendigen, Pause steht traditionell noch ein kurzer Abstecher in die Kölner Innenstadt auf dem Programm. Ich bin nicht der einzige schwarz Gekleidete, der an diesem Tag über die Hohenzollernbrücke in Richtung der Domplatte schlendert und die Blicke der "normalen" Passanten sind durchaus interessant. In der Stadt selbst verläuft sich das Ganze dann ein wenig, wobei doch das eine oder andere ausgefallene Fetisch-Outfit die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Zum Abschluss des kleinen Stadtbummels verzichte ich auf das obligatorische Steak und gönne ich mir stattdessen ein sehr leckeres Buffet mit Pizza, Pasta und Salaten. Schwer beladen mit den notwendigsten Einkäufen (und gut gesättigt) schleppe ich mich zurück ins Hotel.


Jetzt fehlt nur noch ein adäquates Abendprogramm - zwei Optionen stehen dabei für mich zur Auswahl: Die grandiosen Der Fluch spielen in der Kölner Innenstadt im The Cage; alternativ gibt es natürlich die Warm-Up-Party für das Amphi. Da es doch schon relativ spät ist, fällt die Entscheidung dann letzten Endes doch auf die Veranstaltung am Tanzbrunnen, die fußläufig vom Hotel aus zu erreichen ist. Außerdem kann ich mir bei der Gelegenheit auch gleich mein Festivalbändchen abholen. Auch zu dieser vorgerückter Stunde stehen noch lange Schlangen vor den Kassenhäuschen. Die Dame bei der Presseakkreditierung sorgt für eine kurze Schrecksekunde, da sie meinen Namen nicht auf der Gästeliste findet. Nach längerer Suche taucht der Eintrag doch noch auf - allerdings nicht da, wo wir ihn vermutet hätten. Nachdem diese Formalitäten geklärt sind, besorge ich mir noch schnell eine Eintrittskarte für die Party, die im Theater schon in vollem Gange ist.


Warm-Up-Party mit Ronan Harris am Mischpult
Vor allem im Biergarten vor der Halle tummeln sich viele finstere Gestalten und nutzen das immer noch hervorragende Wetter, um zu trinken, zu rauchen und sich dem, in der Szene allgemein beliebten, Schaulaufen zu widmen. Als ich den, ebenfalls recht gut gefüllten, Innenraum betrete läuft grade eine wilde Mischung unterschiedlichster Stile "schwarzer" Musik - sehr gefällig, abwechslungsreich und durchaus tanzbar. Im Laufe des Abends verschiebt sich der Fokus jedoch immer weiter in Richtung harter Elektronik. Normalerweise habe ich damit weniger Probleme, doch heute bin ich nicht so richtig in Stimmung dafür, weswegen ich mich lieber unter das Volk draußen mische. Die Musik wird auch im weiteren Verlauf des Abends nicht wirklich besser und so breche gegen 3 Uhr in Richtung Hotel auf - immerhin habe ich noch zwei lange Tage vor mir...


Den Samstag lasse ich sehr langsam angehen – es war am Vortag wohl doch etwas später als geplant und letzten Tage stecken mir noch in den Knochen. Das Wetter kann sich nicht so wirklich zwischen strahlendem Sonnenschein, finsteren Wolken und Regenschauern entscheiden, was die Kleidungsauswahl zu einem Glücksspiel macht. Nach einem leichten Frühstück komme ich gegen Mittag am Tanzbrunnen an. Die Schlange am Eingang ist überschaubar – dankenswerterweise haben viele Besucher auf große Rucksäcke oder Taschen verzichtet. Das die Security dabei freundlich, entspannt, aber dennoch recht gründlich ist, verstärkt den ersten guten Eindruck. Eisfabrik sind grade mitten in ihrem Set, doch ich will mich erst ein wenig auf dem Gelände umschauen. Sowohl was die Essens- als auch die Getränkeauswahl angeht gibt es auf den ersten Blick keinen Grund zur Klage. Auch haben viele Händler mit Kleidung, Accessoires, CDs und allerlei anderem Schickschnack ihre Zelte aufgebaut. 
Gedränge vor der Hauptbühne
Neben vielen (überteuerten) Sachen von der Stange finden sich hier immer wieder sehr schicke, originelle Stücke, meist in Handarbeit gefertigt. Glücklicherweise bin ich grade in einem dieser Ausstellerzelte als der erste, und heftigste, Schauer des Tages herunterkommt. Innerhalb von wenigen Augenblicken ist das ganze Festivalgelände wie leer gefegt und jeder sucht Schutz vor den herab prasselnden Wassermassen. Genau so schnell ist der Schauer aber auch wieder verschwunden und die strahlende Sonne sorgt in kürzester Zeit für unangenehme Schwüle.
Anstatt mich ins Gewühl vor der Bühne bei Chrom zu stürzen, suche ich mir lieber ein bequemes Plätzchen am Sandstrand, nippe an meinem Getränk und genieße einfach den Tag. Aber irgendwann muss ich schließlich doch aufstehen und mich auf die Suche nach etwas Essbarem machen. Ich glaube, die Auswahl ist seit dem letzten Jahr gewachsen - von der schnöden Bratwurst über den vegetarischen Burger bis zum veganen Wrap aus regionalen Zutaten. Meine Wahl fällt auf Falafel mit Knoblauchsoße (meine Mitmenschen sollen schließlich auch etwas davon haben), der Stand befindet sich ein paar Meter außerhalb des eigentlichen Festivalgeländes am Rheinufer. Als Nachtisch gibt es dann noch ein kleines Eis – zu überraschend akzeptablen Preise und einen Schluck Wasser aus den dankenswerterweise aufgestellten Trinkwasserbrunnen. So gestärkt mache ich mich auf den Weg zur Main Stage, schließlich bin ich ja hier um Musik zu hören.
Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich das letzte Mal Tanzwut gehört habe, aber die Mischung aus Sackpfeifen, elektronischen Elementen und Gitarren gefällt mir immer noch ganz gut. Wenn ich mir die feiernden Menschen um mich herum anschaue, bin ich damit auch nicht alleine. Auch Frontmann Teufel hat sichtlich Spaß an seinem Auftritt, erzählt kleine Anekdoten zu den verschiedenen Stücken und stolziert über die Bühne als würde sie ihm gehören. Leider endet das Set schon nach einer guten dreiviertel Stunde und die Menge zerstreut sich recht schnell. Ich nutze die folgende Umbaupause, um mir den Festival-Sampler und einige andere, erstaunlich preiswerte, CDs zu kaufen - die Shirts sind leider alle schon ausverkauft, zumindest in meiner Größe...
Rechtzeitig zu Lord of the Lost bin ich dann wieder am Tanzbrunnen. Fürs Auge wird hier sicherlich etwas geboten, allerdings werde ich mit der Musik der Band nicht wirklich warm. Einige Stücke, wie beispielsweise „Six Feet Underground“ gefallen mir richtig gut, während sich mir bei anderen Liedern die Fußnägel rollen. So schaue ich lieber noch kurz an der Theater Stage vorbei, wo grade Frozen Plasma die Besucher mit ihrem sehr gefälligen Synthie-Pop recht gut unterhalten. Leider habe ich nur Zeit für zwei oder drei Lieder, bevor ich wieder an die Hauptbühne muss.
Es darf auch mal gerockt werden

Das erste (und bisher einzige) Mal hatte ich Diary of Dreams irgendwann im letzten Jahrtausend im Mainzer KUZ gesehen und war seinerzeit schwer beeindruckt gewesen. Nachdem ich sie dann einige Jahre komplett aus den Augen verloren hatte, gehört sie hier zu meinem Pflichtprogramm. Mal elektronisch, mal rockig aber immer spannend liefert die Band einige ihrer bekanntesten Stücke ab. Bei einigen Lieder, beispielsweise „The Curse“, gibt es dann auch Verstärkung von Torben Wendt, der kurz darauf mit seiner eigenen Band Diorama auf dem Schiff auftritt. Diary of Dreams sind tatsächlich so gut, wie ich sie in Erinnerung habe und liefern eine mitreißende Show.
Nach dem Auftritt von Adrian Hates und seinen Mitmusikern bleiben viele Besucher gleich an Ort und Stelle stehen. So kann ich mich nur mit Mühe weiter zu den Absperrgittern vorarbeiten, die ich dann tatsächlich auch mit massivem Schultereinsatz erreiche. Noch während die Techniker letzte Hand an die Instrumente legen, wabert dichter Nebel durch die ersten Zuschauerreihen. Untermalt von einem gesampelten Intro betreten endlich die Fields of the Nephilim die Bühne. Das Set beginnt mit dem langsam mahlenden, 10minütigen "Last Exit for the Lost" - eine ungewöhnliche Wahl, aber ich finde es großartig und lasse jegliche Zurückhaltung fahren. Die Band um Sänger und Frontmann Carl McCoy spielt sich in der folgenden Stunde durch ihre beinahe 35jährige Bandgeschichte. Praktisch jedes Stück, gleich aus welcher Schaffensperiode, wird gefeiert - dabei darf "Psychonaut" ebenso wenig fehlen wie "Mourning Sun" vom gleichnamigen 2005er Album.
Mein ganz persönliches Highlight

Nach diesem großartigen, aber leider viel zu kurzen, Set stellt sich mir die Frage, wo ich den Abend ausklingen lasse. VNV Nation auf der Main Stage sind zweifellos ein großartiger Live-Act, aber ich habe sie in den letzten Jahren schon sehr, sehr oft gesehen. Auf der Theater Stage sorgen Die Krupps für gepflegte Unterhaltung, allerdings empfinde ich die Atmosphäre in dem vollen Saal immer als etwas klaustrophobisch. Die dritte Option wäre noch der Abstecher auf die Orbit Stage auf der anderen Rheinseite. Nach kurzer Überlegung entscheide ich mich dann tatsächlich für den Clan of Xymox und drücke mich mit anderen wechselwilligen Festivalbesuchern in den Shuttle-Bus.
Die Haltestelle befindet sich auf dem Heumarkt, der zu dieser Uhrzeit noch stark von Einheimischen und Touristen frequentiert wird. Und auch hier gibt es wieder den einen oder anderen verstohlenen Blick auf die Gruppe der merkwürdigen Gestalten, die sich in Richtung Bootsanleger bewegen. Nach einer weiteren stressfreien Taschenkontrolle taste ich mich ganz vorsichtig die steile Gangway zur MS RheinEnergie hinab - dabei ist der Untergrund trocken, ich bin nüchtern und trage vernünftiges Schuhwerk. Andere Besucher haben mit diesem Abgang deutlich mehr Probleme…

Noch ist im Schiff relativ wenig los und die Umbaumaßnahmen nach dem Auftritt von Diorama sind noch in vollem Gange. Auf dem Mitteldeck besorge ich mir noch schnell ein Getränk bevor das eigentliche Gedränge startet. Gut versorgt werfe ich noch einen schnellen Blick auf das erstaunlich umfangreiche Merchandise-Sortiment der Band – allerdings ist jetzt nicht wirklich etwas Herausragendes dabei. Als ich mich dann losreißen kann und unten im Innenraum ankomme, habe ich bereits Probleme ein Plätzchen zu finden. Mit ein wenig Geschiebe und Gerücke arbeite ich mich an das Mischpult heran und habe von dort einen recht guten Blick auf das Geschehen. Während im Hintergrund stimmige Video-Projektionen laufen betreten Clan of Xymox die Bühne. Der Sound kommt glasklar aus den Boxen, nur leider hört man von Sänger Ronny Moorings praktisch gar nichts. Wildes Gestikulieren auf der Bühne und hektisches Drehen am Mischpult bringt leider keinerlei Besserung. Erst nachdem ein Techniker die Kabel auf der Bühne neu angeschlossen hat, ist der sympathische Niederländer vernünftig zu hören. Den Rest des Sets verbringe ich praktisch komplett mit geschlossenen Augen und lasse die ruhige, entspannte Musik auf mich wirken. Kurz vor 22 Uhr geht die Band nach nur einer Zugabe von der Bühne und es wird alles für die anschließende Party vorbereitet.



Bei mir stellen sich dagegen leichte Ausfallerscheinungen ein und ich entscheide mich für den Heimweg. Das Wetter hat sich mittlerweile beruhigt und es ist sommerlich warm, entsprechend tummeln sich noch viele Menschen auf der Uferpromenade. Daher verzichte ich auf den Bus und schlendere entspannt am Rhein entlang in Richtung der Hohenzollernbrücke. Vor mir flaniert eine Dame in weit ausladendem Kleid und mit beleuchtetem Horn auf der Stirn, und ich komme aus dem Schmunzeln nicht heraus als ich die Blicke der Passanten sehe.
Eine kleine Stärkung für den restlichen Weg wäre nicht schlecht, doch vor mir kamen anscheinend auch noch einige andere Leute auf diese Idee und die endlos lange Schlange bei der Burgerbraterei im Deutzer Bahnhofsgebäude schreckt mich ab. Glücklicherweise verfügt die Tankstelle direkt vor meinem Hotel aber über ein breit gefächertes Angebot an Leckereien - in flüssiger wie auch fester Form. Die Mitfahrer im Fahrstuhl hatten offensichtlich eine ähnliche Idee wie ich und haben sich reichlich mit Spirituosen (zu exorbitanten Preisen) eingedeckt. Nach einer kurzen, aber tiefgründigen, Unterhaltung über die Vor- und Nachteile fertig gemixter Cocktails trennen sich unsere Wege wieder und ich schleppe mich mit schweren Füßen und müdem Kopf durch den langen Gang meinem Bett entgegen.
Endlich angekommen genehmige ich mir noch einen kleinen Absacker, verstaue meine Neuerwerbungen und lasse den Tag Revue passieren. Auch ein Blick auf das Programm des zweiten Festivaltages muss noch sein, allerdings bin ich mir immer noch nicht sicher zu welchen Bands ich gehen soll.


Am Sonntag ist der Himmel über Köln bewölkt und offensichtlich hat es in den frühen Morgenstunden geregnet. Da ich nicht übermäßig fit bin lasse ich mir relativ viel Zeit bis ich mich auf den Weg auf das Festivalgelände mache. Da das Frühstücksbuffet im Hotel dieses Jahr mein Budget sprengen würde, nehme ich einen kleinen Umweg in Kauf und mache noch einen kurzen Abstecher zur bereits erwähnten Burgerkette. Um diese Uhrzeit herrscht hier deutlich weniger Betrieb und ich gönne mir ein ausgedehntes (und leicht dekadentes) Frühstück.


Stahlmann haben grade ihren Auftritt beendet als ich den Tanzbrunnen erreiche. Allem Anschein nach ist es heute deutlich voller und es herrscht dichtes Gedränge vor den Ständen und der Hauptbühne. Zum Aufwärmen drehe ich noch eine kurze Runde über das Gelände, komme aber rechtzeitig für den nächsten Auftritt wieder bei der Bühne an. Eigentlich bin ich kein sonderlich großer Fan von Das Ich, aber live ist die Band zweifellos etwas Besonderes. Die Show verzichtet zwar weitgehend auf spektakuläre Effekte und aufwändige Bühnenaufbauten, aber dennoch gelingt es den drei Bandmitgliedern das Publikum mitzureißen. Sänger Stefan Ackermann verlässt sogar während dem Klassiker „Gottes Tod“ die sichere Bühne, überwindet Graben und Absperrung nur um sich im Publikum feiern zu lassen. Die Musik sagt mir zwar immer noch nicht wirklich zu, aber der Auftritt war durchaus beeindruckend. Leider muss ich das Konzert kurz vor Ende verlassen, da schon die nächste Band wartet...
Es geht nicht nur musikalisch ganz schön finster zu

Nachdem ich schon mehrere Konzerte der Horror-Punks von The Other verpasst habe, will ich sie mir zumindest auf dem Amphi nicht entgehen lassen. Bisher habe ich die Theater Stage weitgehend gemieden, doch jetzt dränge ich mich mit den anderen Besuchern in den finsteren Saal. Nach dem hellen Außenbereich brauchen meine Augen eine Zeit lang um sich an die praktisch nicht vorhandene Innenbeleuchtung zu gewöhnen. Auf dem Weg in Richtung Bühne passiert es mir mehr als ein Mal, dass ich versehentlich Menschen anrempele – einfach weil ich sie nicht sehe. Als die fünf Musiker dann mit ihrem Set loslegen wird es auch nicht wirklich heller und ich habe Mühe die Bühnendeko zu erkennen. Sänger Rod Usher fühlt sich anscheinend wohl und führt gut gelaunt durch das nachmittägliche Programm, das sich in erster Linie um Mord, Totschlag und unappetitliche Ernährungsgewohnheiten dreht.
Als ich aus dem dunklen Raum in den gleißenden Sonnenschein trete, beginnen grade Hocico mit ihrer brachialen Industrial-Show auf der Hauptbühne. Das Programm ist mir für diese frühe Stunde dann doch ein klein wenig zu heftig, außerdem hatte ich erst vor wenigen Wochen die Gelegenheit ein komplettes Konzert der beiden zu sehen. Dann widme ich mich doch lieber den Auslagen der verschiedenen Händler, gab es da doch noch einige interessante Dinge zu sehen. Ich habe schon das Hauptzelt in Sichtweite, als auch schon ein weiterer Schauer herunter kommt, der in Intensität dem vom Vortag in nichts nachsteht. Im Zelt herrscht dementsprechend dichtes Gedränge und nur mühsam komme ich zwischen den Ständen voran. 
Mjam Mjam Mjam

Am Vortag war mir hier eine sehr schicke, modifizierte Getränkedose - natürlich mit Tentakel - aufgefallen. Leider war das gute Stück schon weg, als ich mich endlich zum Kauf entschieden hatte. Aber die nette Dame am Stand erklärt sich ohne Umschweife bereit (an dieser Stelle ein dickes Danke an Tanja von abARTig), mir im Laufe der nächsten Tage eine neue Dose zu basteln.
Der Schauer hält ungewöhnlich lange an und als ich das Zelt wieder verlasse, haben die beiden Mexikaner ihr Set bereits beendet. Mir steht der Sinn mittlerweile nach einer kleinen Stärkung, aber Haxe, Pulled Pork, Lachs oder Currywurst sind mir dann doch etwas zu mächtig. Stattdessen gibt es, ganz spießig, Kaffee, Crêpe und eine Waffel. Die Wartezeiten in der Schlange ziehen sich zwar endlos in die Länge, aber immerhin ergeben sich dabei Gelegenheit zu netten Gesprächen mit den umstehenden Festivalbesuchern. Schließlich ergattere ich mit meiner Beute sogar einen Sitzplatz, von dem aus ich zumindest einen Teil der Bühne sehen kann, wo grade Combichrist loslegen. Eigentlich möchte ich gar nicht mehr aufstehen – die Sonne scheint, ich bin gesättigt, sitze grade sehr gemütlich und unterhalte mich mit meinen Sitznachbarn. Aber es hilft alles nichts, ich muss weiter!

Es geht wieder zurück in das finstere, volle Theater, in dem es die Klimaanlage kaum schafft für ein wenig frische Luft zu sorgen. Nur wenige Strahler und zwei Fackeln erleuchten spärlich die Bühne, während der Innenraum in tiefste Finsternis getaucht bleibt. Ordo Rosarius Equilibrio zelebrieren ihren Auftritt und obwohl ich die Band schon ewig nicht mehr gehört habe, hat sie nichts von ihrer Faszination verloren. Ich schließe einfach nur die Augen und lasse mich mit Stücken wie „A World not so beautiful“ oder „Three is an Orgy“ treiben. Mir kommt es zwar deutlich kürzer vor, doch nach gut 45 Minuten verabschieden sich Tomas Pettersson und seine Mitmusiker und die Lichter werden ein klein wenig hochgedimmt. Ich schließe mich einem Pulk an, der in Richtung Ausgang drängt, die nächste Band steht bereits in den Startlöchern.
Stephan Groth hat die Menge im Griff
Glücklicherweise ist der Weg zur Main Stage nicht sonderlich weg, wo schon dichtes Gedränge vor dem Auftritt von Apoptygma Berzerk herrscht. Die Norweger um Stephan Groth liefern quasi eine Best-of-Show der letzten 20 Jahre ab. Das Publikum feiert jedes der Stücke und lässt sich dabei auch vom einsetzenden Nieselregen nicht sonderlich beeindrucken. Der Band gelingt es mit „Deep Red“, „In This Together“ und auch dem Cover von „Major Tom“ die Menge in Bewegung zu bringen und es gibt, soweit ich das sehen kann, niemanden der am Tanzbrunnen noch still steht. Leider kann ich nicht auf die Zugabe warten, denn für das letzte Konzert muss ich wieder auf die Orbit Stage.

Wieder geht es mit dem Shuttle auf die andere Seite des Flusses, wo Kirlian Camera das Festival für mich beschließen werden. Eine Kleinigkeit zu Essen wäre auch nicht schlecht, allerdings sind die meisten Speisen bereits ausverkauft und das Schnitzelbrötchen, auf das schließlich meine Wahl gezwungenermaßen fällt, ist eher trocken und geschmacksneutral, aber immerhin warm. Zumindest habe ich vom Sonnendeck einen großartigen Ausblick auf Köln, den Rhein und die vielen Menschen die an beiden Ufern entlang schlendern und den Tag genießen. Als immer mehr Festivalgänger auf den kleinen Anleger drängen, beeile ich mich wieder in den Innenraum des Schiffes zu kommen. Erstaunlicherweise hat sich dieser innerhalb weniger Minuten gefüllt – aber ich kann mir praktisch den gleichen Platz wie am Vortag sichern. Kurz darauf betreten die Musiker, stilsicher wie immer, in Sturmhaube, Anzug und mit Taschenlampe die Bühne. Lediglich Sängerin Elena Fossi hält sich noch vornehm im Hintergrund und kommt erst mit kurzer Verzögerung ans Mikrofon. Ich habe die Band in den letzten Jahren öfters live gesehen, trotzdem werden sie einfach nicht langweilig und Stücke wie „Full Eclipse“ kann ich mir wieder und wieder anhören.
Doch auch dieses Konzert endet leider viel zu früh und nach einem kurzen Abstecher zum Merchandise-Stand stellt sich für mich die Frage, ob ich nun zurück zur Theater Stage zur After-Show-Party oder doch lieber zurück ins Hotel gehe.

Letzten Endes entscheide ich mich dann doch dafür, den Abend auf meinem Zimmer ausklingen zu lassen. Wirklich fit bin ich nicht mehr und die kommende Woche verspricht stressig zu werden. Aber bevor ich ins Hotel zurückkehre gibt es noch ein Eis an der Tankstelle – das habe ich mir verdient!
In weiser Voraussicht hatte ich mich vor der Reise nach Köln mit fertig gemixten Cocktails aus der Dose eingedeckt. Zum Ausklang des Amphi werden einige davon, ganz stilvoll im Zahnputzbecher, verkostet. Die Geschmackserlebnisse reichen hier von absolut ekelhaft (Swimming Pool) über merkwürdig, aber nicht schlecht (Mojito) bis hin zu sehr lecker und fruchtig (Zombie). Als ich dann endlich das Licht ausmache ist es schon erschreckend spät und ich muss aufpassen, dass ich den Termin zum Aus checken nicht verpasse.


Immer diese Entscheidungen...
Ich mag das Amphi einfach! Die Bandauswahl ist immer recht gut durchgemischt und deckt eigentlich alle Aspekte der „schwarzen“ Musikszene ab; auch wenn es in diesem Jahr recht elektronisch zu ging. Das Festivalgelände hat eine angenehme Größe, weitläufig genug mit ruhigen Rückzugsorten, aber immer noch überschaubar um schnell die Örtlichkeit wechseln zu können. Dazu kommt die entspannte, familiäre Atmosphäre, das schicke Ambiente am Rheinufer mit Aussicht auf den Kölner Dom, die verschiedenen Shopping-Möglichkeiten auf dem Festivalgelände und die direkte Nähe zur Innenstadt. Kritikpunkte des letzten Jahres haben die Veranstalter behoben, beispielsweise einen Zugang zur Theater Stage direkt vom Festivalgelände aus eingerichtet; auch die Schließfächer waren eine recht gute Entscheidung. Das die MS RheinEnergie mit der Orbit Stage, bedingt durch den niedrigen Wasserstand, auf der anderen Rheinseite vor Anker gehen musste, war zwar ärgerlich, aber durch den Shuttle-Verkehr fiel dieser Umstand erstaunlich wenig ins Gewicht. Auch hier haben die Organisatoren sehr gute Arbeit geleistet und für einen reibungslosen Ablauf gesorgt. Das die Konzerte mittlerweile recht früh beginnen und enden liegt an den Vorgaben der Kölner Stadtverwaltung, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Besonders für die ersten Bands ist es extrem undankbar schon mittags (und meist bei strahlendem Sonnenschein) zu spielen. Generell fühlt es sich für mich immer ein klein wenig seltsam an, „dunkle“ Bands bei Tageslicht zu sehen; dafür war die Beleuchtung auf der Orbit Stage angenehm gedämpft und bei der Theater Stage praktisch nicht vorhanden.
Natürlich hatte ich auch in diesem Jahr wieder Überschneidungen und ich hätte zeitweise an drei Orten gleichzeitig sein müssen. Da die Klontechnologie leider noch nicht so weit fortgeschritten ist, musste ich Prioritäten setzen. Dies fiel mir meist nicht so schwer, eigentlich bedauere ich nur Rummelsnuff und Esben & the Witch verpasst zu haben. Sogar das Wetter war, von dem einen oder anderen wirklich heftigen Schauer abgesehen, deutlich angenehmer als in den Jahren davor.

Sonntag, 14. Mai 2017

[Konzert] Welle: Erdball
Support: The Sexorcist
Samstag, 6. Mai 2017
Schlachthof, Wiesbaden
Wenn Welle: Erdball die bundesdeutschen Clubs und Hallen mit einer neuen Sendung bespielen, machen sie regelmäßig Station im Rhein-Main-Gebiet. So weit ich mich zurück erinnern kann waren sie dabei immer in der Opelstadt Rüsselsheim (von einem kurzen Abstecher nach Bingen abgesehen) zu Gast. Auf ihrer aktuellen Vespa 50N Special Tour bricht die Band mit dieser langjährigen Tradition und tritt in der großen Halle des Wiesbadener Schlachthofs auf, um ihre neue EP Gaudeamus Igitur dem geneigten Hörer vorzustellen.


Im Gegensatz zu vielen anderen Musikern legt die Band Wert auf Pünktlichkeit und so betritt exakt um 20 Uhr das Duo The Sexorcist die Bühne um das Publikum auf den Hauptact einzustimmen. So richtig will dieses Unterfangen mit Stücken wie „Brandenburg“, „Tokio“ oder „Vegan“ jedoch nicht gelingen. Die harten Beats zusammen mit den expliziten, provokanten (und nicht ganz Ernst gemeinten) Texten kommen nicht übermäßig gut an – immerhin haben eine Handvoll Besucher vor der Bühne sichtlich Spaß. Der Rest des Publikums hat sich über die gesamte Halle verteilt, redet, trinkt, oder hat sich gleich ganz vor die Tür der Halle verzogen. Das gut 45minütige Set endet schließlich mit einer sehr eigenwilligen Interpretation des NDW-Klassikers „Skandal im Sperrbezirk“ - für mich das beste Stück der Vorband.

Kaum ist der letzte Ton verklungen räumen Chris L. und Gunnar Kreuz die Bühne, während die hauseigenen Techniker hektisch letzte Hand an die Verkabelung und die Bühnendekoration legen, damit es ohne größere Verzögerung weiter gehen kann.


Tatsächlich ist die Umbaupause in Rekordzeit abgeschlossen und Welle: Erdball machen sich für ihren großen Auftritt bereit. An den Bühnenrändern knattern schon fröhlich (nach anfänglichen Startproblemen) die beiden Vespas mit denen die vier Bandmitglieder, ganz im Sinne des Tourmottos, auf die Bühne fahren. Derweil läuft „Gaudeamus Igitur“, der Titeltrack der neuen EP aus den Boxen. Nachdem die Musiker ihre Positionen eingenommen haben und das Konzert traditionell mit „Funkbereit!“ einleiten, sehe ich im Publikum viele fragende Gesichter. Auch ich bin etwas verwirrt, stehen dort oben mit Honey und Lady Lila nur 50 Prozent der bekannten Besetzung. Doch statt einer Erklärung folgen „Vespa 50N Special“ und „Nur mit mir allein“ vom neuen Tonträger, bei denen sich Honey und Lady Lila am Mikrofon abwechseln. Bei „Nerdfaktor 42“ hat dann endlich der Commodore C64, das eigentliche Aushängeschild der Band, seinen Einsatz. Zum ersten Mal an diesem Abend kommt tatsächlich Bewegung ins Publikum – es ist auch schwer sich dem minimalen, aber eingängigen Rhythmus zu entziehen. Das folgende „Stirb mir nicht weg“ entstand im letzten Jahr Jahr im Rahmen eines Workshops auf dem Amphi-Festival und gedenkt im Intro der prominenten Toten des Jahres 2016. Erst danach liefert Honey eine Erklärung für das Fehlen der beiden Bandmitglieder und stellt gleichzeitig den Ersatz auf der Bühne vor. Sowohl A.L.F. als auch Fräulein Venus stehen für die laufende Tour aus familiären Gründen leider nicht zur Verfügung, stattdessen übernimmt Andy Berberich, normalerweise der Mann im Hintergrund, die Tastenarbeit, während Emma Peel für Mikrofon und Moderation zuständig ist.
Schon ein paar Jahre ist das folgende „Der Türspion“ alt, das vom Publikum trotzdem nach Kräften gefeiert wird und vor allem mit einer gelungenen optischen Präsentation unterhalten kann. „Die letzte Chance zu leben“ liefert eine sehr spezielle Mischung aus Alleinunterhalter-Keyboards, einem Bubble-Gum-Refrain und einem beinahe schlagerhaften Vortrag von Honey. Eine sehr gewöhnungsbedürftige Nummer, die sich aber unbestreitbar im Gehörgang festsetzt und den ganzen Saal zum Tanzen bringt. Ähnlich eingängig aber deutlich ruhiger, und für mich eines der Highlights von Gaudeamus Igitur, ist das von Lady Lila vorgetragene „L'inconnue de la Seine“. Es folgt das stampfende „20.000 Meilen unter dem Meer“, bei dem vor allem der Refrain hängen bleibt. Schließlich endet der erste Teil des Sets nach einer guten Dreiviertelstunde mit „FanFanFanatisch“, der wohl bisher tanzbarsten, druckvollsten Nummer des Abends. In der, leider nur halb vollen, Halle gibt es zu diesem Zeitpunkt eigentlichen niemanden mehr der still steht.

Die sich daran anschließende Pause dürfte die kürzeste sein, die ich jemals auf einem Konzert erlebt habe. Während die beiden Moderatorinnen von der Bühne gehen, stöpseln Andy und Honey einige (zu kurze) Kabel um und verschieben Instrumente. Schon nach handgestoppten zwei Minuten geht es wieder mit der Sendung weiter.

Ganz in weiß und mit aufblasbaren Flügeln betritt Lady Lila die Bühne um den zweiten Teil mit „1000 Engel“ zu eröffnen. Hier ist es vor allem die Optik die überzeugen kann; dem Stück selbst fehlt, wie ich finde, das gewisse Etwas. Nach diesem etwas ruhigeren Intermezzo ziehen Welle: Erdball das Tempo mit „Wir wollen keine Menschen sein“ wieder deutlich an. Treibende Beats, eine einfach gestrickte Melodie und den eingängigen Text – mehr braucht es nicht um gut 600 Leute zum Tanzen zu bringen. Die Hymne der Verschwörungstheoretiker, „23“, darf natürlich nicht fehlen, ebenso wie „Die Liebe der 3. Art“. Hier bekommt der treue C64 eine kurze Verschnaufpause während die komplette Musik zu dem Stück von einem Nintendo DS geliefert wird. Über 20 Jahre alt ist mittlerweile „Wo kommen all die Geister her“ - und für mich immer noch eines der besten Stücke der Band. Das Theremin, mit seinem extrem charakteristischen Klang, hat an diesem Abend einen Wackelkontakt und gibt stellenweise merkwürdige Geräusche von sich und auch der Text wurde in einigen Passagen den aktuellen technischen Gegebenheiten angepasst. Mittlerweile wird jedes Stück gefeiert und das komplette Publikum bewegt sich im Takt der Musik.
 

Ein Standard auf Konzerten der Band ist schon seit vielen Jahren „Schweben, fliegen, fallen“, bei dem die beiden Moderatorinnen riesige Bälle ins Publikum werfen, die sich zu begehrten Trophäen entwickelt haben. Die Stimmung ist zu diesem Zeitpunkt großartig, die Besucher singen lautstark mit und auch die Band hat sichtlich Spaß an dem Auftritt. Eine kurze Verschnaufpause gibt es mit dem Frühwerk „Ich bin nicht von dieser Welt“ und „Alles Lüge“ vom 2006er Album Chaos Total. Als ein Ölfass auf die Bühne gerollt wird jubelt der Saal, denn die erfahrenen Konzertgänger wissen, dass nun „Arbeit adelt“ folgt. Extrem eingängig und tanzbar ist dieses Stück ebenfalls schon seit Jahren völlig zu Recht ein Publikumsliebling. Während sich Honey ein wenig zurückzieht übernehmen Emma Peel und Lady Lila das Mikrofon und sorgen mit dem „8-Bit-Märchenland“ für eine dringend benötigte Ruhepause. Zwischen „VW Käfer“ und „Feuerwerk“ darf der Hinweis auf die obligatorischen Unterschriftenlisten und Spendenaktionen am Merchandise-Stand nicht fehlen. Schon seit Jahren unterstützt die Band den Deutschen Tierschutzbund e.V. und die SOS-Kinderdörfer, so auch bei diesem Auftritt in Wiesbaden.


Nach knapp zwei Stunden kündigt Honey das baldige Ende des Konzertes an, allerdings wäre so ein kurzer Auftritt ungewöhnlich für die Band. Als dann der Sound von Triebwerke aus den Boxen dröhnt ist es Zeit für „Starfighter F-104g“, ein weiterer Fixpunkt bei den Auftritten. Während Papierflieger von der Bühne ins Publikum fliegen, werden in der Halle die letzten Reserven mobilisiert und ausgelassen getanzt. Anscheinend hat die Band immer noch Lust zu spielen und diesem vermeindlich letzten Stück folgt das von mir sehr geschätzte, zuckersüße „Poupée de Cire“ bei dem wieder Lady Lila das Mikrofon übernimmt. „Graf Krolok“, „Deutsche Liebe“ und das lautstark geforderte „Monoton & Minimal“ müssen ebenfalls gespielt werden, obwohl Honey jedes Lied als das wirklich allerletzte ankündigt. Schließlich geht die Sendung dann doch zu Ende und Welle: Erdball verabschieden sich mit „Es geht voran“ dann tatsächlich nach "nur" 2 1/2 Stunden in den Backstage-Bereich.



Meist folgen die Konzerte von Welle: Erdball einem bestimmten Schema und auch dieser Auftritt im Schlachthof in Wiesbaden sollte dabei keine Ausnahme bilden. Der erste Teil des Sets konzentrierte sich weitgehend auf das Material der neuen Sendung, während der zweite, deutlich längere Teil einen Querschnitt durch das beinahe 25jährige Schaffen der Band bietet. Auch die Kostümwechsel der beiden Moderatorinnen, die zahlreichen Accessoires, Filmprojektionen und die nüchternen, lakonischen Moderationen von Honey gehören eigentlich schon lange zum Standardprogramm. Und obwohl ich im Laufe der Jahre schon bestimmt bei sieben oder acht Konzerten war, wird es dennoch nicht langweilig. Die Stimmung im Publikum war schlicht großartig, die Band hatte Spaß und die Setlist aus neuem Material und liebgewonnenen Klassikern schaffte es (fast) immer die Lieblingslieder der Zuhörer punktgenau zu treffen. Wirklich perfekt wäre der Auftritt noch mit „Die Moorsoldaten“ gewesen, aber ich will mich nicht beschweren – wo bekommt man noch so viel gute Unterhaltung für sein Eintrittsgeld geboten. Im Laufe der Jahre ist es Welle: Erdball gelungen die Mischung zwischen Musik, optischer Präsentation und Show zu perfektionieren. Natürlich muss man diese Art der minimal-elektronischen Musik mögen – dann bekommt man aber auch ein fantastisches Konzerterlebnis geboten.
Auch der dazugehörige technische Rahmen passte an diesem Abend. Die Leute hinter den Mischpulten hatten Sound und Licht hervorragend im Griff; einzig die Vocals der Moderatorinnen hätten stellenweise etwas lauter sein können. Ansonsten gab es, wie eigentlich in letzter Zeit immer im Schlachthof, rein gar nichts von dieser Seite auszusetzen.



Montag, 1. Mai 2017

[Konzert] Courtesans
Samstag, 22. April 2017
The Water Rats,London

Ich steckte schon mitten in den Reisevorbereitungen für meinen diesjährigen London-Urlaub und den Besuch der SALUTE, als ich Mitte März eine ominöse Mail in meinem Posteingang fand. In dieser wurde ein „secret gig“ von The Raging Whoremoans angekündigt, einer Band von der ich bisher noch nie gehört hatte. Es dauerte einige Augenblicke bis ich realisierte, dass es sich dabei um die Courtesans, eine vierköpfige Band aus London handelt, deren beide Alben ich in der Vergangenheit rezensiert hatte. Im Hinterzimmer von The Water Rats, einem kleinen Pub in Kings Cross, sollte die Veröffentlichung der neuen EP Better Safe Than Sober mit einer Handvoll Gäste gefeiert werden. Da dies wunderbar mit meinen Urlaubsplänen zusammenpasste und die vier Damen wohl leider nicht in absehbarer Zeit zu einer Tour aufs Festland kommen, sagte ich natürlich gerne zu.


Nachdem ich schon seit 6 Uhr morgens auf den Beinen bin und den Großteil des Tages auf einer anstrengenden Messe verbracht habe, bleibt mir nur wenig Zeit mich im Hotel auszuruhen und durchzuschnaufen. Da ich mir nicht sicher bin wie lange der Weg quer durch die Stadt dauert, setze ich mich gegen 21.30 Uhr in die Bahn in Richtung Kings Cross. Die Fahrt geht erstaunlich schnell und ich habe vor Ort noch ein bisschen Zeit mich umzusehen. Natürlich bin ich zu früh am The Water Rats und der Türsteher schickt mich quer durch den gut gefüllten Pub in den Hinterraum. Bisher haben sich noch nicht übermäßig viele Besucher hierher verirrt und ich kann mir einen Platz an einem der Tische sichern. An der Bar muss ich dann zu meinem Entsetzen feststellen, dass hier Wodka mit Bitter Lemon praktisch unbekannt ist und der Barkeeper stattdessen Zitronenlimonade zum Mischen nimmt – eine traumatische Erfahrung.

Ich habe es mir grade gemütlich gemacht, da werde ich vom Tontechniker auch schon wieder aus dem Raum gescheucht; es müssten noch einige Vorbereitungen abgeschlossen werden. Die Wartezeit im Pub überbrücke ich mit einem weiteren Getränk, während aus den Boxen 1980er-Wave läuft – kurioserweise auch das unsägliche „99 Luftballons“. Kurz nach 23 Uhr ist dann anscheinend doch alles bereit und die Tür in den Hinterraum öffnet sich wieder. Die Stühle sind zwischenzeitlich alle besetzt und so suche ich mir eine gemütliche Ecke auf der anderen Seite des Raumes, unmittelbar an der Bühne. Die Stimmung ist erstaunlich locker und familiär; viele der Besucher sind deutlich jünger als ich und kommen anscheinend aus dem direkten Umfeld der Band.



Das Intro bestreitet die Singer-Songwriterin Cherie, die sich selbst auf der Gitarre begleitet. Vier Stücke, allesamt langsam, melancholisch und mit zerbrechlich wirkender Stimme vorgetragen, laden dazu ein, die Augen zu schließen und einfach zuzuhören. Wobei das für mich grade nicht ohne Risiko ist, bin ich doch nicht mehr wirklich fit. Bevor ich jedoch laut schnarchend unter die Bühne rutsche, besorge ich mir lieber noch etwas zu trinken – was mich dann wieder ein wenig aufweckt.
Nach einer kleinen Pause startet das Intro vom Band, doch schon nach wenigen Sekunden streikt die Technik und Sängerin Sinéad muss die Panne überbrücken. Nachdem die Probleme behoben sind, legen Bassistin Agnes, Gitarristin Saffire und Schlagzeugerin Vikki mit „Scream“, dem Opener des ersten Albums
1917, los – während die Sängerin vor der Bühne entspannt an ihrem Bier nippt. Während der Song langsam Fahrt aufnimmt ist die Band mittlerweile vollständig und liefert eine schöne Einleitung ab, auch wenn der Gesang doch sehr leise ist. Beim folgenden „Liberate“ kommen die Vocals deutlich kräftiger aus den Lautsprechern, und auch die Zuschauer trauen sich ein wenig weiter an die Bühne heran – allerdings erst nach expliziter Aufforderung. Danach kommt auch tatsächlich Bewegung in die gut 50 geladenen Besucher und die meisten wippen zumindest im Takt mit.
Während mir „Mesmerise“ in der Album-Version nicht ganz so gut gefällt ist die Live-Version eine ganz andere Angelegenheit. Hier schaffen es die vier Damen den Druck aufzubauen, den ich bei dem Stück vermisst habe. Ob dies nun an der Bühnenpräsenz der Band liegt, an der heimeligen Pub-Atmosphäre, an meiner eigenen Stimmung oder an einer Mischung dieser Komponenten kann ich nicht eindeutig festmachen – auf jeden Fall eins meiner Lieblingsstücke an diesem Abend. Für einen Gänsehautmoment sorgt anschließend „Lullaby“ das, praktisch nur von Bass und Schlagzeug getragen, mit mehrstimmigem Gesang aufwarten kann. Der ganze Raum lauscht andächtig und wiegt dezent im Takt mit, wahrscheinlich das atmosphärisch dichteste und intimste Stück an diesem Abend. Etwas schwungvoller geht es bei „Fubar“ zur Sache, das ich bisher noch nicht kannte. Ruhige und rockige Passage wechseln sich hier ab und es kommt wieder etwas mehr Bewegung in die Zuschauer. Zusammengehalten wird das Stück durch das Schlagzeug von Vikki Frances, die stoisch ihren leicht scheppernden Beat schlägt, während ihre Mitmusikerinnen ihre Parts drumherum drapieren. Es folgt mein ganz persönliches Highlight, „Genius“ vom Debüt, das vor allem durch den mehrstimmigen Gesang lebt. Wieder ist es das Schlagzeug, das hier dominiert, werden Gitarre und Bass nur sehr reduziert zum Einsatz kommen – von der Schlussphase des Stückes einmal abgesehen. „Knowhere“, „John Doe“ und „Feel the Same“ stammen von der neuen EP und sorgen dafür, dass das Publikum nach den vorangegangenen, etwas ruhigeren Stücken wieder etwas mehr Einsatz zeigt.
Auch das folgende „Monkey Logic“ habe ich bisher noch nicht gehört, allerdings gefällt mir das Stück recht gut. Wütend gerappte Vocals werden von gesampelten Sprachschnipseln und einem zuckersüßen Chorus unterbrochen, wechseln in normalen Gesang nur um dann wieder im Sprechgesang zu enden. Die Musik orientiert sich am Cross-Over der 1990er Jahre und kommt trotz einer gewissen Härte und Aggressivität doch sehr melodisch aus den Boxen. Die Band beschließt den Abend mit „A Little Bit Of Luck“, eigentlich eine Dance-Nummer aus dem Jahr 2000. Das Schlagzeug gibt den Rhythmus vor, während Bass und Gitarre sich zu Beginn auffällig zurück halten und erst später ihren richtigen Einsatz haben. Die Vocals pendeln zwischen verschiedenen Tonlagen und Geschwindigkeiten, ein schöner Kontrast, der gut zur Instrumentierung passt. Das Stück gefällt mir deutlich besser als das Original und liefert einen gelungenen, aber leider viel zu frühen, Abschluss für dieses Konzert.


Nach dem letzten Stück leert sich der Raum erstaunlich schnell und ich beeile mich die Damen am Merchandise-Stand zu treffen. Während ich darauf warte das jemand einen Stift zum Signieren organisiert, habe ich die Gelegenheit mich ein wenig mit Agnes und Sinéad zu unterhalten und mir das restliche Merch-Angebot anzuschauen. Schließlich habe ich die Unterschriften der vier Musikerinnen auf den CDs die ich für eine Freundin mitbringen soll und überlege ob ich noch zur After-Show-Party mit DJ Oestrogen bleibe. Bald sehe ich jedoch ein, dass ich mich langsam auf den Weg machen muss, will ich im Hotel ankommen.
Glücklicherweise fahren die Londoner U-Bahnen mittlerweile auch nachts, so dass ich mich nicht mit Nachtbus oder Taxi quer durch die Stadt quälen muss. Nach gut einer halben Stunde erreiche ich schließlich, mittlerweile ziemlich fertig, mein Hotel. Ich schaffe es grade noch mich ins Bett zu schleppen, wo ich dann auch einen Großteil des folgenden Sonntages verbringe.


Die Courtesans liefern an diesem Abend ein tolles und sehr familiäres, wenn auch leider viel zu kurzes, Konzert ab. Die Bandmitglieder sind entspannt, machen Späße mit dem Publikum, beklagen sich über den Biermangel und liefern einen guten, energiegeladenen Auftritt ab. Abgesehen von den kleinen Problemen zu Beginn des Konzertes macht der Tontechniker seinen Job sehr ordentlich und findet eine ausgewogene Balance zwischen Instrumenten und Stimmen. Der Sound ist deutlich rauer und dreckiger als auf CD, was den Stücken aber sehr gut zu Gesicht steht. Zwei, drei Stücke habe ich auf der Setlist vermisst; entschädigt wurde ich dafür aber unter anderem mit einer ziemlich guten Cover-Version von „A Little Bit Of Luck“ und dem wirklich überzeugenden „Mesmerise“.

Wer sich selbst einen Eindruck von der Musik der vier jungen Damen machen möchte, findet auf der Homepage der Band mehrere Lieder und Videos.


Donnerstag, 27. April 2017

[Messe] SALUTE '17
Samstag, 22. April 2017
ExCeL,London


Die letzten beiden Jahre hatte ich leider aus beruflichen Gründen auf den Besuch der SALUTE, eine der größten Miniaturen- und Tabletop-Messen überhaupt, in London verzichten müssen. Diesmal begann ich schon Ende 2016 mit den Reisevorbereitungen: Buchungen für Flug, Hotel und Veranstaltung waren schnell erledigt - Dank schwachen Pfundkurses auch einigermaßen erschwinglich. Sogar der Urlaub wurde problemlos genehmigt und ich konnte einige Tage dran hängen um mich von den Strapazen der Messe zu erholen. Einzig der Umtausch des Geldes schien eine größere Sache zu sein. Konnte ich in früheren Jahren einfach zu meiner Hausbank gehen und mir das gewechselte Geld mitnehmen, so musste ich nun eine Woche im Voraus bestellen, die gewünschte Stückelung angeben und noch einige andere Formalitäten abwickeln. Nachdem ich diese Hürde gemeistert hatte, war es lediglich eine Geduldsfrage bis zu den Osterfeiertagen zu warten und dann den Flieger in Richtung des Vereinigten Königreichs zu besteigen.


Da ich praktisch komplett durch die ganze Stadt muss um die ExCeL-Messehallen zu erreichen, mache ich mich an einem erstaunlich sonnigen Samstag Morgen kurz nach 7 Uhr auf den Weg in die Docklands. Die U-Bahn ist erfreulich leer, was das Umsteigen und den Stationswechsel deutlich vereinfacht. Ausnahmsweise sind in diesem Jahr auch keine wichtigen Haltestellen wegen Bauarbeiten gesperrt und ich kann dankenswerterweise auf die Bus- und Taxi-Odysseen der letzten Jahre verzichten. Als ich die ExCeL nach gut einer Stunde erreiche sind schon deutlich mehr Menschen auf den Beinen – in erster Linie liegt das wohl an der parallel stattfinden Anmeldung für den London Marathon in einer der benachbarten Hallen. Ich kann mir grade einen kurzen Überblick verschaffen, da werden auch schon die Tore für die Wartehalle geöffnet, damit die zu erwartenden Horden nicht die Durchgänge blockieren.
Während sich die Halle langsam aber stetig füllt, nutze ich die Zeit um einen Blick in meine Goodie Bag zu werfen. Leider finde ich hier keines der „Golden Tickets“ mit Einkaufsgutscheinen, sondern nur die üblichen Sachen. Die traditionelle Messefigur mit einer Fahnenträgerin zur Zeit der Russischen Revolution (dem Thema der diesjährigen SALUTE), eine Miniatur zu Wild West Exodus, einem Steampunk-Western-SciFi-Tabletop sowie einen Gutschein für eine dritte Figur, einen schnöden Zombie. Natürlich liegt auch der obligatorische Würfel in der Tüte, zusammen mit den Flyern und Rabattscheinen für verschiedene Stände. Mich interessiert aber aktuell eher das Begleitheft zur Veranstaltung. Hier finden sich nicht nur Artikel über das diesjährige Thema und die Vorstellung einzelner, besonderer Projekte, sondern auch die Übersicht über Händler und Spieltische – natürlich lag mein Plan, den ich mir in den Wochen zuvor ausgearbeitet hatte, zu Hause.
Schließlich haben die Organisatoren ein Einsehen, die eigentliche Messehalle wird kurz nach 10 Uhr geöffnet und die Massen setzen sich langsam und überaus gesittet in Bewegung. Kein Vergleich zu den traumatischen Erlebnissen auf der SPIEL in den letzten beiden Jahren.


Wie eigentlich immer, führt mein Weg zu den Herren, die Damen blieben diesmal zu Hause, von Freebooter Miniatures. Die Crew von Werner Klocke hat ein paar schicke Neuheiten im Gepäck, deren Kauf ich allerdings auf einen späteren Zeitpunkt verschiebe. Nach einem kurzen Schwatz mache ich mich daran meine eigentliche Shopping-Liste abzuarbeiten. Diese ist in erstaunlich übersichtlich ausgefallen, obwohl ich noch für Freunde einige Kleinigkeiten mitbringen soll.
Los geht es bei Warlord Games, die in den letzten Jahren rasant gewachsen sind und mittlerweile auch jenseits des historischen Tabletops ihre Anhänger finden. Schnell habe ich die beiden gesuchten Boxen gefunden und lasse mir noch ein wenig Zeit, um die Neuheiten zu betrachten. Das Fantasy-Skirmish-Kampagnenspiel Frostgrave hat sich mittlerweile auch hierzulande eine recht große Spielerschaft erarbeitet und hier konnte ich einen Blick auf kommende Erscheinungen und die mittlerweile erstaunlich umfangreiche Miniaturenauswahl werfen. Ganz frisch hinzu gekommen ist Test of Honour, bei dem sich kleine Samurai-Trupps gegenüberstehen. Die Figuren verkaufen sich augenscheinlich gut und auch das MDF-gelaserte Gelände macht auf dem Spieltisch eine sehr gute Figur. Besonders gespannt war ich allerdings auf das Doctor Who-Tabletop Into the Time Vortex, dass bereits seit zwei Jahren angekündigt ist. Einen ersten Vorgeschmack gibt es nun mit Exterminate!. Wie der Name vermuten lässt stehen sich in diesem, wie ich finde sehr einfach gehaltenen Skirmish-Spiel, Daleks und Cybermen gegenüber. Ich werde es sicherlich im Auge behalten, aber die große Starter-Box muss ich nicht den restlichen Tag mit mir herum schleppen – von der Heimreise ganz abgesehen.
Meine nächste Anlaufstelle ist etwas versteckt gelegen und ich finde den Stand erst beim dritten Anlauf. Studio Miniatures haben eine reichhaltige Auswahl an modernen Zombie-Miniaturen und für ein kleines Spiele-Projekt brauche ich noch einige Nazi-Zombies. Daneben gibt es an diesem Tag zum ersten Mal die neuen, an Horror- und Splatterfilme angelehnten, Figuren zu kaufen. Hier muss ich mich tatsächlich zusammenreißen, um nicht das komplette Sortiment einzupacken. Für den Anfang reichen mir aber drei Blister - zur Not kann ich immer noch später nachordern.
Mittlerweile stehen schon die ersten Exponate für den Malwettbewerb in den Vitrinen und ich nehme mir ein paar Minuten Zeit um einzelne Stücke gründlich zu betrachten. Das Niveau hat in den letzten Jahren doch merklich angezogen und meine Figuren, mit denen ich 2008 noch eine Kategorie gewinnen konnte würden höchstens noch als gehobenes Mittelmaß durchgehen. Nichtsdestotrotz werde ich weiter an meinem Diorama basteln (das eigentlich schon dieses Jahr eingeplant war) und hoffen, dass ich es für den Wettbewerb im nächsten Jahr fertig stelle. Dieser kleine Abstecher hat mich zwar ein wenig deprimiert aber auch motiviert und nach einer kurzen Mittagspause mit Sandwich, Scotch Egg und Gebäck geht es schließlich weiter zur Runde 2.


Auf meinem Plan habe ich als nächstes Modiphius stehen, die es in Rekordzeit geschafft haben, sich auf dem Rollenspielmarkt einen Namen zu machen. Damit nicht genug, dehnen sie ihre Aktivitäten mittlerweile auch auf den Brettspiel- und neuerdings auf den Tabletop-Bereich aus. Lange angekündigt, nun endlich fertig, packe ich die Regeln für Achtung Cthulhu! ein, das Skirmish-Tabletop zum gleichnamigen Rollenspiel. Hier stehen die tapferen, in okkulten Künsten bewanderten, Alliierten den fiesen Nazi-Schergen gegenüber, die sich mit allerlei Mythos-Kreaturen verbündet haben. Die Kernstruktur des Spielsystems ist eine Variante des schon länger bekannten Dystopian Legions und funktioniert eigentlich recht solide, ohne dabei das Rad neu zu erfinden. Über das, mit einem Banner angekündigte, Fallout – Wasteland Warfare kann mir allerdings auf Nachfrage niemand wirklich greifbare Informationen liefern. Auf jeden Fall wird es ein Tabletop, angesiedelt im Setting des gleichnamigen Computerspiels und zumindest die ersten Render der Figuren sehen vielversprechend aus. Über einen konkreten Erscheinungstermin, Kosten oder gar Fragen zur Art des Systems konnte/wollte/durfte mir keiner der Anwesenden beantworten. So bleibt mir nur gespannt zu warten, wie die Umsetzung aus der virtuellen Welt auf den heimischen Spieltisch funktionieren wird. [Edit: Der Veröffentlichungstermin wurde mittlerweile in einer Pressemeldung für November 2017 bestätigt; weitere Details folgen.]
Nachdem ich auch noch die letzten Einkäufe, zumeist nur Kleinkram, erledigt habe, kann ich mich endlich auf die Spieltische konzentrieren. Zum einen handelt es sich dabei um Demotische von Herstellern oder Händler, bei denen die Besucher neue, kommerziell erhältliche Systeme antesten können. Ein Höhepunkt der Veranstaltung für mich sind jedoch die Tische der zahlreichen „Wargaming Clubs“, die ihre selbst entwickelten Spiele vorstellen. Leider kann ich in der kurzen Zeit nur eines davon antesten und zwei weiteren zumindest zuschauen. Sehr lustig ist das Hexenrennen um die Unsichtbare Universität, angesiedelt auf der Scheibenwelt von Terry Pratchett. Präsentiert vom Grantham Strategy and Gaming Club entwickelt sich der Flug auf den Besen ziemlich schnell zu einer wüsten Schlägerei, bei der meine Hexe gegen einen unglücklich platzierten Gargoyle knallt und auf den letzten Metern ausscheidet. Auch die spielerische Umsetzung von Jurassic Park des Bexley Reapers Wargaming Club mit riesigen Plastiksauriern die in einem urzeitlichen Wald Jagd auf Menschen machen, macht einen sehr spaßigen Eindruck. Einige Spieltische, eher mit konventionellen Systemen bestückt, beschäftigen sich auch mit dem Thema der diesjährigen SALUTE, der Russischen Revolution. Eine Fortsetzung findet die gewaltige Schlacht The Brotherhood of Mars aus dem letzten Jahr: Gespielt nach Warhammer 40.000-Regeln treffen hier normale Infanterie-Soldaten, Kriegsmaschinen und ein gutes Dutzend gewaltiger Titanen aufeinander um sich gegenseitig in den Staub des Roten Planeten zu treten. Soweit ich mitbekommen haben es die acht Spieler in sechs Stunden immerhin bis zur dritten Runde geschafft.
Mir fallen in diesem Jahr gleich mehrere Spiele ins Auge, die mit Western-Thematik in der Spielergunst punkten wollen. Da ist das mit großem Aufwand präsentierte Wild West Exodus von Warcradle Studios mit seinem extrem wilden Mix aus Western, Steampunk und Science Fiction. Weder das Spielsystem noch die Figuren (von einigen Ausnahmen abgesehen) sprechen mich dabei aber wirklich an. Viel besser gefällt mir das relativ einfach gehaltene System von Dead Man's Hand, das bereits in einer deutschen Übersetzung vorliegt. Mit der Erweiterung The Curse of Dead Man's Hand verabschiedet sich Great Escape Games vom rein historischen Tabletop und integriert fantastische Aspekte in den Spielablauf. Das macht auf den ersten Blick einen durchaus praktikablen Eindruck – allerdings finde ich einen Großteil der hierfür erscheinenden Figuren schlicht scheußlich. Einer meiner aktuellen Lieblinge ist dagegen das Western-Steampunk-Crossover-Spiel Malifaux, für das es zwar keine spektakulären Neuheiten auf der Messe gibt, aber dafür einige hübsche Demotische und Schnäppchen, die in kurzer Folge in meinen Rucksack wandern. Zwischendurch nehme ich mir immer mal wieder die Zeit für ein Schwätzchen mit Bekannten denen ich zufällig über den Weg laufe oder hole mir Shopping-Tipps ab.
Da ich es die letzten beiden Jahre leider nicht auf die SALUTE geschafft habe, muss ich auch unbedingt am Stand der South London Warlords, den Organisatoren der Veranstaltung, vorbei um mir die letzten Messefiguren zu holen. Für den lächerlichen Preis von einem Pfund pro Miniatur wandern auch diese in meinen Rucksack, zusammen mit noch einigen Würfeln, einem Shirt, mehreren Buttons und anderem Kleinkram. Der Erlös aus dem Verkauf dieser Sachen kommt wie immer einigen Charity-Projekten zu Gute, entsprechend großzügig zeigen sich auch die Käufer, die den Stand im Laufe des Tages fast vollständig leer räumen.
Ein Blick auf die Uhr lässt mich leicht panisch zusammenzucken – nur noch zwei Stunden bis die Messe schließt und ich habe nicht mal annähernd alles gesehen, von meinem noch nicht befriedigten Konsumbedürfnis ganz zu schweigen.


Nachdem am Stand von Steamforged Games praktisch den ganzen Tag über reger Andrang herrschte haben sich die Reihen mittlerweile deutlich gelichtet und ich kann riskieren, mich ein wenig umzusehen. Ein Teil der Aufregung ist sicherlich der Season III ihres Fantasy-Football-Spiels Guild Ball geschuldet, das mit den Farmern auch ein neues Team vorweisen kann. Ebenso großes Interesse herrscht bei der Umsetzung des Computerspiels Dark Souls, dass in Kürze auf den Markt kommen sollte. Mich spricht allerdings weder das Gameplay noch die Optik an – wobei mir auch die Computerversion seinerzeit nicht sonderlich zugesagt hat.
Ich kann nicht über die SALUTE gehen, ohne bei einigen Figurenherstellern vorbei zu schauen. Grade Kevin White von Hasslefree schafft es immer wieder, neue, schicke Miniaturen zu veröffentlichen, die ich unbedingt haben will – und wahrscheinlich nie anmalen werde. Vor eine größere Entscheidung werde ich nebenan bei Heresy gestellt. Mit der „Madame“ steht hier ein wirklich großartiges (wenn man auf Tentakel steht) Modell in der Vitrine. Finanziell wäre der Brocken für mich eben noch so im Rahmen, aber das Gewicht spricht schließlich doch gegen eine Kaufentscheidung. Dennoch eine der Figuren, die in absehbarer Zeit in meine Sammlung wandern wird. Auch bei Fenris finde ich einige Kleinigkeiten, vor allem Geländestücke, für die ich bei meinen kommenden Projekten Verwendung finde. Figone aus Frankreich sind ebenfalls mit einer Auswahl ihrer hochpreisigen, aber sehr schönen Figuren vor Ort. Leider habe ich den Stand zu spät entdeckt und die Büste, für die ich mich interessiere ist schon seit geraumer Zeit ausverkauft. Bei Knight Models interessierte mich das momentan schwer im Trend liegende Batman Miniature Game. Tolle (aber leider auch sehr teure) Figuren der bekannten Charaktere aus dem DC-Universum, ein neuer Kampagnenband und eindrucksvolles Gelände machen den Stand zu einem Anziehungspunkt. Nebenbei entdecke ich in einer der Vitrinen auch die ersten Figuren für das demnächst erscheinende Harry Potter-Tabletop. Die Filmcharaktere sind ziemlich gut getroffen, leider stehen sie noch nicht zum Verkauf. Nachdem in den letzten Jahren der Schwerpunkt auf massiven Spielplatten lag, scheint dies sich nun gewandelt zu haben und Spielmatten sind aktuell schwer im Trend. Vor allem Deep-Cut Studio haben praktisch für jedes System eine oder mehrere Varianten im Angebot. Die Druckqualität ist ausgesprochen hoch, es stehen mehrere Materialien zur Auswahl und auch die Preise sind durchaus akzeptabel. Allerdings spricht das Gewicht und die Größe gegen einen Kauf auf der Messe. In diesem Fall bevorzuge ich dann doch den Versandweg. Neben viel neuem Material für ihre bestehenden Miniaturenlinien stellt Perry Miniatures in diesem Jahr auch ihr erstes eigenes Spielsystem vor. Mit TravelBattle kann der Tabletop-Junkie napoleonische Schlachten im Kleinstformat schlagen. Eine nette Idee, allerdings nicht meine bevorzugte Thematik.
Eine letzte Anlaufstation sind für mich GCT Studios, die erst vor kurzem mit The Pioneers Program ihr Spektrum in den Brettspielbereich ausgedehnt haben. Allerdings bin ich in erster Linie wegen Figuren für das fantastisch-asiatische Skirmish-Tabletop Bushido hier. Die Neuerscheinungen für meine beiden Fraktionen halten sich in einem sehr überschaubaren Rahmen, aber es gibt einige sehr schicke Modelle, die ich mir nur zum Malen hole – leider ist der Panda-Kampfmönch allerdings schon ausverkauft.


Während ich langsam in Richtung Ausgang schlendere schaue ich immer wieder in die deutlich gelichteten Auslagen der verschiedenen Stände um vielleicht doch noch ein letztes Schnäppchen zu machen. Auch sonst macht sich in der Halle langsam Aufbruchstimmung breit; die Spieltische werden abgeräumt, die Figuren aus den Vitrinen geholt und die Einnahmen gezählt. Ich sehe zwar noch einige durchaus interessante Dinge, die aber zu sperrig oder zu zerbrechlich sind, als dass ich sie auf der Heimreise mitnehmen könnte. So begnüge ich mich damit Flyer, Prospekte und Visitenkarten einzusammeln und mir die Sachen später zu bestellen.
Nach einer weiteren Stunde in der Bahn komme ich schließlich ziemlich kaputt im Hotel an, wo ich meine (erstaunlich magere) Ausbeute sichte. Die Zeiten der exzessiven, wahllosen Miniatureneinkäufe sind bei mir anscheinend vorbei – dafür liegen nun einige ausgewählte, teils rare Stücke vor mir. Glücklicherweise ist der Konsum aber nur ein Teilaspekt der SALUTE: Mindestens ebenso wichtig ist mir mittlerweile das ganze Drumherum – die Testspiele, das Fachsimpeln mit Gleichgesinnten oder der Malwettbewerb.


Für mich zählt diese Veranstaltungen nach wie vor zu den schönsten und angenehmsten ihrer Art. Die Besucher sind, unabhängig von Alter, Herkunft oder bevorzugtem Spielsystem, ausgesprochen entspannt, man kommt schnell ins Gespräch und tauscht sich über die verschiedensten Aspekte des Hobbys aus. Natürlich kann ich in diesem kurzen Text nicht jeden Stand und jedes Spielsystem, das ich an diesem Tag gesehen habe erwähnen, davon abgesehen, dass ich nicht gar nicht die Zeit hatte, mir alles so genau anzuschauen, wie ich es gewollt hätte. Auf jeden Fall habe ich auch in diesem Jahr wieder viele spannende Dinge gesehen, mir Inspirationen für eigene Projekte geholt und neue Kontakte geknüpft. Vor allem die Präsentationen der zahlreichen Wargame-Clubs sind immer wieder faszinierend, selbst wenn die wirklich spektakulären Sachen in diesem Jahr ein wenig fehlten.

Ein paar mehr Bilder gibt es HIER.

Montag, 6. Februar 2017

 
[Messe] Spielwarenmesse 2017
Donnerstag, 2. Februar 2017
Nürnberg

Alle Jahre wieder versammelt sich auf der Spielwarenmesse in Nürnberg alles, was in der Branche Rang und Namen hat zum großen Schaulaufen. Hier werden nicht nur die kommenden Neuerscheinungen präsentiert, es gibt auch die Gelegenheit sich im besten Licht zu zeigen. Daneben ist die Messe ein guter Zeitpunkt um Geschäfte abzuwickeln, neue Trends zu begutachten, zu sehen, was die Mitbewerber auf dem hart umkämpften Spielemarkt zu bieten haben, oder einige Fachvorträge zu besuchen. Im Gegensatz zur SPIEL in Essen steht dabei allerdings nicht das Spielen selbst im Vordergrund, sondern eher der wirtschaftliche Aspekt, was auch sehr schön am Publikum zu sehen ist. Grade auf dem deutschen Spielemarkt tut sich aktuell einiges - der französische Verlag Iello hat seine Kooperation mit dem Heidelberger Spieleverlag beendet und agiert nun zusammen mit Hutter Trade - Heidelberger hat dagegen mit Asmodee fusioniert, die ihr Firmengeflecht damit um ein weiteres Schwergewicht erweitern. Auch der britische Tabletopgigant Games Workshop scheint wieder etwas aktiver zu werden und drängt verstärkt in den Brettspiel-, aber auch in den Modellbaubereich, was aktuell in einer Zusammenarbeit mit Revell mündet.


Wie in den Jahren zuvor blieb mir auch 2017 wieder nur Zeit für einen eintägigen Abstecher nach Nürnberg, der dann entsprechend straff organisiert sein musste. Nach einigen Mails blieb mir zwischen den Terminen (theoretisch) noch genug Zeit mir auch den Rest der Messe anzuschauen. Fahr- und Eintrittskarte waren ebenfalls schnell beschafft und sogar der nötige Urlaub wurde, trotz grassierenden Grippewelle im Büro, anstandslos genehmigt. Und so machte ich mich dann, müde und verschlafen, früh morgens auf den Weg zum Bahnhof von wo aus mich ein Zug nach Frankfurt und anschließend nach Nürnberg bringen sollte. Tatsächlich war meine Bahn pünktlich und in Frankfurt wartete schon der ICE auf mich. Auch dieser Streckenabschnitt verlief ruhig und ereignislos, da hatte ich schon deutlich schlimmere Erfahrungen gemacht – sogar das W-LAN funktionierte, zumindest die meiste Zeit über. Einzig der Mitreisende gegenüber trübte mit seinem sehr ausdauernden und enthusiastischen Schniefen ein wenig die ansonsten entspannte Reise.


Wie in jedem Jahr führt mich mein erster Gang direkt vom Bahnhof zum Pressezentrum der Messe und dieses Mal bekomme ich sogar noch ein Schließfach – etwas woran ich in den vorherigen Jahren regelmäßig gescheitert bin. Nach einer kurzen Sichtung der ausliegenden Flyer und Presseinformationen mache ich mich auf zur ersten Runde durch die Messehallen. Mein Fokus liegt zwar eindeutig im Bereich der Brett- und Gesellschaftsspiele, aber natürlich lasse ich mir, als passionierter Tabletop-Spieler und Miniaturenmaler, nicht die Gelegenheit entgehen, bei einigen Firmen aus diesem Bereich vorbeizuschauen.


Sehr zentral gelegen und damit eine meiner ersten Anlaufstellen ist wie immer der Stand des spanischen Farbenherstellers Acrylicos Vallejo. Neben einigen neuen Hilfsmitteln zur Geländegestaltung fällt vor allem die neue Airbrush-Farbserie Mecha Color auf, die auf die Bemalung der gleichnamigen japanischen Kampfroboter abzielt. Daneben gibt es eine Vorführung zum Weathering, zum Altern von Modellen, zu sehen und ich kann mich nur mühsam losreißen und meinen Weg zum britischen Tabletop-Hersteller Games Workshop fortsetzen. Gerne hätte ich gewusst, wie es mit den Brett-, Karten- und Rollenspielen weitergeht, nachdem die Zusammenarbeit mit Fantasy Flight Games im letzten Jahr beendet wurde. Auch künftige Neuerscheinungen für die Tabletop-Spiele der Briten wollte ich mir anschauen. Allerdings findet sich am Stand nur eine (sehr kleine) Vitrine mit alten Miniaturen und ein Display in dem einige, ebenfalls schon recht betagte, Boxen präsentiert werden. Meine Fragen werden vom Standpersonal freundlich aber doch recht eindeutig abgewiegelt - sinngemäß in etwa „Leider können wir Dir darüber nichts sagen, wir sind nur zum Verkaufen hier!“. Hier habe ich doch tatsächlich etwas mehr erwartet, wirklich überrascht bin ich, nach der schwachen Vorstellung in Essen, aber auch nicht. Bei einem kurzen Abstecher zum Pinselhersteller Leonhardy lasse ich mir die Adressen einiger regionaler Händler geben, da der Hersteller leider keine Direktkunden beliefert und ich unbedingt einige Pinsel aus der Kappel-Serie haben möchte.
Als ich die Halle 10 erreiche läuft bei Kosmos grade die Vorführung einiger Zaubertricks, und trotz angestrengtem Beobachten kann ich nicht erkennen, wie die Kugeln unter den drei Bechern ausgetauscht werden. Passend dazu präsentiert der Verlag drei neue Sets mit verschiedenen Zaubertricks. Auch einen Barbie-Experimentierkasten gibt es neu im Sortiment, wobei da Farbwahl und Thematik immer noch den gängigen Klischees entsprechen. Die schon obligatorische Neuerscheinung für Catan liefert mit Die Legende der Seeräuber einige zusammenhängende Szenarien, die sich um die Ankunft der Freibeuter auf der einstmals so friedlichen Insel drehen. Sehr schick ist die Präsentation der drei demnächst erscheinenden Spiele aus der EXIT-Serie ausgefallen. Ein Teil des Messestandes ist zu einem plüschigen Salon umgebaut und die Besucher können hier selbst eine kurze Runde spielen. Mit Die verbotene Burg, Die Station im ewigen Eis und Die vergessene Insel wird wieder thematisch ein breites Spektrum abgedeckt. 5 Minute Dungeon ist ein kooperatives Kartenspiel, bei dem die Spieler unter Zeitdruck den Endgegner im Verlies besiegen müssen. Der erste Eindruck ist vielversprechend und die Illustrationen sind witzig – sicherlich ein Spiel, das ich mir genauer anschauen werde, wenn es im Mai auf den Markt kommt. Das Deduktionsspiel Sherlock sieht ebenfalls sehr nett aus, über den Spielmechanismus habe ich aber noch keine weitergehenden Informationen. In diesem Jahr wahrscheinlich unvermeidlich ist Luther – Das Spiel. Hier bereisen die Spieler Deutschland auf den Spuren des Reformators, sammeln Erfahrungspunkte und versuchen das berühmte Portrait Cranachs zu vervollständigen. Daneben gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Neuerscheinungen zu sehen, allerdings reicht meine Zeit leider nur für einen Schnelldurchlauf.
Weiter führt mich mein Weg in die entgegengesetzte Ecke der Halle. Am Stand von Q Workshop informiere ich mich über die neuesten Würfelkreationen des polnischen Herstellers. Vor allem bin ich neugierig auf die angekündigten Cthulhu-Metall-Würfel, die im nächsten Monat über eine Crowdfunding-Kampagne finanziert werden sollen. Die nette Dame am Stand kann mir sogar die Prototypen dieser Würfel zeigen und lässt mich einige Probewürfe machen - leider darf ich aber nicht fotografieren oder gar mitnehmen. Einen Gang weiter, wo sich die letzten Jahre der Stand des Heidelberger Spieleverlag befand stehen nur noch einige Vitrinen mit Neuheiten. Für Fragen und das komplette Verlagsprogramm werde ich in den ersten Stock zum Stand von Asmodee verwiesen.
Doch bevor ich mich auf den Weg dorthin mache gehe ich noch weiter zu Pegasus, die sich wieder im Spiele-Café niedergelassen haben. In Mein Traumhaus können die Spieler ihre wildesten Inneneinrichtungsfantasien ausleben. Optisch sehr hübsch, spricht mich allerdings weder die Thematik noch der Spielablauf sonderlich an – eher ein klassisches Familienspiel. In eine ähnliche Richtung geht Cottage Garden, bei dem die Spieler ihre Gartenparzelle mit ansprechenden Gewächsen ausstatten müssen. Viel spannender finde ich dagegen Axio von Reiner Knizia, hier werden Symbole aneinander gereiht um Punkte zu bekommen. Mit den geometrischen Formen vielleicht kein besonderer Blickfang, aber durchaus anspruchsvoll und spannend. Ansonsten sind schon wieder zahlreiche große und kleine Erweiterungen für die unendliche Munchkin-Serie in Arbeit. So konzentrieren sich die Booster Wilde Welpen, Krasse Kätzchen und Hipster auf einen bestimmten Themenschwerpunkt, während Grimme Mären sich mit der Märchenwelt auseinander setzt. Zum Munchkin-Sammelkartenspiel konnte ich aber leider keine Informationen finden. Dennoch ist es immer wieder erstaunlich, dass es den Autoren gelingt, aus dem Thema so viel heraus zu holen.
Da ich schon wieder hinter meinem Zeitplan hinterherhinke, verzichte auf eine ausführliche Tour durch die Neuheiten und kehre zurück in Halle 10 um mir nun den ersten Stock vorzunehmen.

Bei Iello gibt es mehrere Spiele zu entdecken, die in der Endphase ihrer Produktion sind und im Laufe des Jahres veröffentlicht werden. Neben neuen Erweiterungen zur King of Tokyo-Serie ist für mich vor allem Mountains of Madness interessant. In diesem, auf der Geschichte von H.P. Lovecraft basierendem, kooperativen Brettspiel müssen sich die Spieler unter Zeitdruck einen Weg durch die Antarktis bahnen. Zumindest optisch macht das Spiel schon einen sehr guten Eindruck und auch aus spielerischer Sicht scheint es interessant, wenn auch ein wenig chaotisch, zu werden. Ebenfalls sehr hübsch, aber thematisch für mich nicht ganz so spannend, ist Bunny Kingdom von Richard Garfield, bei dem die Spieler mit ihren Nagern eine Landkarte besiedeln, Dörfer, Städte und Burgen errichten und dem Land seine Bodenschätze entreißen. Das Spiel bietet eine Mischung aus Draftmechanismus, Worker Placement, niedlichen Illustrationen und sehr opulenter Ausstattung und sollte gegen Ende des Jahres erscheinen. Im letzten großen Spiel, Arena: For the Gods, stehen sich bis zu vier Spieler mit ihren mythischen Helden gegenüber und versuchen die Gegner in den Staub der titelgebenden Arena zu schicken. Die Mechaniken sind eher aus dem Tabletop-Bereich bekannt und so dürfte das Spiel ein weiteres Bindeglied zwischen den Genres werden.
Amigo haben, wie gewohnt, eine ganze Palette kleiner, schneller Würfel- und Kartenspiele dabei, die sich in erster Linie an jüngere Spieler richten. Schon obligatorisch ist ein Vertreter der Bohnanza-Serie, diesmal zum 20jährigen Jubiläum; auch das hinterhältige Zwergenspiel Saboteur bekommt mit Das Duell neues Material für einen oder zwei Spieler. Bei den Neuheiten sorgen Lecker Mammut!, Schwarz Rot Gelb Extreme und Deja-Vu für eine gewisse Hektik am Spieltisch. Bei allen drei Spielen geht es im Prinzip darum, zeitgleich mit den anderen Spielern, möglichst schnell Karten in seinen Besitz zu bringen. Vom Grundprinzip ähnlich, spielen sich alle drei Neuerscheinungen recht unterschiedlich und bieten bei der Sammlung von prähistorischen Tieren, abstrakten Formen oder alltägliche Gegenstände kurzweilige Unterhaltung. Die Spiele sind zwar nett anzuschauen, eignen sich auch für eine schnelle Runde zwischendurch, aber mir fehlt dann doch ein wenig der Tiefgang. Andererseits bin ich nicht unbedingt die Zielgruppe für diese drei Spiele und jüngere Spieler dürften daran sicherlich Spaß haben.
Nebenan bei Schmidt Spiele liegt der Fokus ebenfalls auf dem Spielernachwuchs. Vor allem das unkomplizierte Würfelspiel Raffzahn dürfte Freunde finden, die sich um die Zähne/Punkte streiten. Auch Mistkäfer! ist ein eher lockeres Würfelspiel dass sich an spielebegeisterte Familien richtet. Etwas mehr Anspruch bringt Valletta auf den Tisch, bei dem die Spieler Rohstoffe sammeln müssen um mit diesen eine prächtige Stadt zu errichten. Das Spiel sieht sehr hübsch aus und auch die Umsetzung der Thematik scheint gut gelungen zu sein. Für Zocker die Aufbauspiele mögen ist es sicherlich einen Blick wert. Ganz besonders freue ich mich auf ein anderes Städtebauspiel - Citadels. Ursprünglich unter dem Namen Ohne Furcht und Adel veröffentlicht, wurde das Spiel überarbeitet und mit neuen Illustrationen ausgestattet. Auch die beiden Erweiterungen, eine davon nie in Deutschland erschienen, haben den Weg in die Box gefunden. Für mich schon beinahe ein Pflichtkauf!
War Asmodee vor gut zehn Jahren nur eingefleischten Spiele-Fanatikern ein Begriff, so kommt mittlerweile niemand mehr an dem französischen Verlag vorbei. Unter seinem Dach tummeln sich eine ganze Legion von Herstellern - das jüngste Mitglied in diesem Konglomerat ist der Heidelberger Spieleverlag, mit dem Anfang des Jahres fusioniert wurde. Entsprechend wächst auch die Standfläche von Jahr zu Jahr - allerdings ist die Aufteilung am Hauptstand diesmal etwas unglücklich. Die Neuheiten werden in einem langen, schmalen Schlauch präsentiert, in dem es regelmäßig zu Staus, Engpässen und kleineren Unfällen kommt. Dennoch drücke ich mich (mehrfach) durch den Gang um einen Blick auf die Spiele zu werfen. Besonders gespannt bin ich auf Arkham Horror – Das Kartenspiel, bei dem jeder Spieler ein Kartendeck zusammenstellt und sie gemeinsam versuchen die Großen Alten zu bekämpfen. Inhaltlich zwar nichts Neues in dieser Spielserie, aber spielerisch unterscheidet sich das Kartenspiel doch merklich von den anderen Teilen. Andere Ableger aus diesem Spieleuniversum sind ebenso ausgestellt, so die zweite Edition von Villen des Wahnsinns die sinnvoll Brettspiel und App verknüpft oder die neuen Erweiterungen zu Eldritch Horror und Das Ältere Zeichen. Auch zahlreiche, verschwenderisch ausgestattete, Brettspiele sind hier zu bewundern. Einige davon wurden im letzten Jahr über Crowdfunding-Kampagnen finanziert und werden nun für den regulären Markt veröffentlicht. So beispielsweise das apokalyptische The Others, bei dem sich eine kleine Gruppe von Helden gegen eine ganze Flut von Dämonen und korrumpierten Menschen stellen muss. Ein sehr dynamischer Spielablauf, sehr ansehnliche Figuren, ein höllischer Schwierigkeitsgrad und das Potential für unzählige Erweiterungen dürften dem Spiel viele Fans einbringen. Auch Zombicide mit seinen Seasons und dem Ableger Black Plague nimmt erstaunlich viel Raum ein – allerdings dürfte das Thema mittlerweile ziemlich durch sein. Mit Figuren in niedlicher Chibi-Optik präsentiert sich Arcadia Quest, bei dem ebenfalls schon einige Erweiterungen erschienen sind. Hier stellen die Spieler kleine Trupps aus Helden zusammen, bekämpfen die vom Spiel gesteuerten Monster und natürlich auch die Mitspieler. Über mehrere ineinander übergehende Szenarien sammeln die Spieler so Gold, Erfahrung und Gegenstände um ihre Helden kontinuierlich aufzuwerten. Das letzte „große“ Spiel, das ich mir anschaue ist Fireteam Zero, bei dem eine kleine Eliteeinheit Soldaten den okkulten Machenschaften der Nazis im Zweiten Weltkrieg Einhalt gebieten soll. Optisch und von der Ausstattung recht eindrucksvoll, thematisch nicht unbedingt originell bietet das Spiel für den Genrefreund dennoch eine willkommene Abwechslung.
Daneben hat der Verlag noch Dutzende Spiele aufgebaut, doch der Messetag neigt sich langsam dem Ende entgegen und ich habe praktisch nur vier der zwölf Hallen gesehen. 
Auch bei Verlagen wie Hutter Trade, Queen Games oder Abacusspiele reichte meine Zeit leider nur für ein kurzes Sichten der ausgestellten Neuheiten und einige kurze Notizen.


Einen Abstecher in die Halle 12 kann ich mir dennoch nicht verkneifen, haben sich doch hier Branchengrößen wie Lego, Revell oder Hasbro niedergelassen. Bei Lego liegt der Fokus natürlich auf den beiden Kinofilmen die in diesem Jahr anlaufen. Neben Batman- und Ninjago-Figuren erscheinen zudem noch zahlreiche andere Sets, so beispielsweise das Yellow Submarine der Beatles, Produkte aus dem Star Wars-Universum oder Gebäude aus der City-Serie. Entsprechend herrscht hier dichtes Gedränge und ich beschränke mich auf einen kurzen Blick in die Vitrinen. Eine etwas schräge Kombination liefert Hasbro mit den Geschützen aus der Nerf Nitro-Serie. Diese Kanonen nutzen nicht mehr die bekannten Pfeile, sondern feuern kleine, weiche Autos ab, die durch einen Parcours mit Hindernissen und Sprungschanzen fliegen. Ebenfalls sehr skurril ist Pipi Party, bei dem die Spieler vermeiden müssen, vom Wasserstrahl aus der kleinen Toilette getroffen zu werden. 
Schließlich setze ich meinen Weg zum Modellbauer Revell fort und bekomme dort tatsächlich etwas Neues zum Thema Warhammer 40.000 zu sehen. Die Kooperation mit dem Tabletophersteller Games Workshop trägt erste Früchte – Ork- und Space Marine-Bausätze zu günstigen Preisen werden zusammen mit Farben und Pinsel für den Einstieg ins Tabletop-Hobby angeboten. Ansonsten wächst das Sortiment der Star Wars-Raumschiffe beständig an, auch allerlei Fahrbares, von der winzigen Drohne bis zum massiven Tieflader ist zu sehen. Auf extra eingerichteten Probestrecken können die Besucher erste Fingerübungen mit der Fernsteuerung machen.
Für den Rückweg muss ich mich mittlerweile sputen, aber ich will die Messe nicht verlassen, ohne wenigstens kurz bei den Modelleisenbahnen vorbei zu schauen. Für ein Miniaturenprojekt benötige ich Material für einen Wasserfall und werde sowohl bei NOCH als auch bei Woodland Scenics fündig. Das freundliche Standpersonal bei letztgenanntem Aussteller gibt mir sogar eine kurze Anleitung um einen realistischen Wasserfall in kleinem Maßstab zu bauen
Die Messehalle hat sich merklich geleert als ich meine Sachen im Pressezentrum zusammensuche und mich Weg zum Pressetreffen zu machen. Dieser letzte Programmpunkt des Tages ist für mich eines der heimlichen Highlights der Messe. Hier hat man die Gelegenheit an leckeren Cocktails zu nippen, sich mit den Kollegen auszutauschen und schließlich noch eine Kleinigkeit zu essen.


Der Weg zum Bahnhof führt mich dann durch praktisch leere Hallen, nur an einigen wenigen Ständen wird mehr oder minder wild gefeiert. Ich nutze die relative Ruhe um noch einige letzte Eindrücke der diesjährigen Spielwarenmesse in mich aufzunehmen, bevor es auf die Heimfahrt geht.


Wie schon die Hinfahrt so verläuft auch die Heimreise schon beinahe erschreckend pünktlich und ohne größere Zwischenfälle. Auf die volltrunkene Dame, die sich zwei Reihen hinter mir unter ihren Sitz übergibt, hätte ich zwar ebenso verzichten können, wie auf die fünf lautstarken Jugendlichen, die mich an einem kurzen Schläfchen hindern.




Die Merchandise-Spirale dreht sich auch in diesem Jahr wieder kräftig. Die Vorreiterrolle übernimmt in dieser Hinsicht, wenig überraschend, die Star Wars-Serie. Praktisch kein Produkt, auf das nicht der markante Schriftzug oder das Konterfei eines Charakters aufgedruckt ist. Andere Filme aus dem Disney-Imperium stehen diesem allerdings kaum nach und aus jedem noch so obskuren Film wird ein Maximum an Lizenzgebühren herausgeholt. Die großen Comicverlage Marvel und DC nutzen diese Gelddruckmaschine ebenfalls um den Fans auch den letzten Cent aus der Tasche zu ziehen. Dabei empfinde ich manche Sachen zwar als nervig, aber durchaus nachvollziehbar, beispielsweise Action- oder Sammel-Figuren zu den Charakteren. In den letzten Jahren treibt diese Industrie aber vermehrt seltsame Blüten, wie den Fellhocker im Chewbacca-Design, den Strickpullunder für Iron Man oder einen aufblasbaren Deadpool, der eher Ähnlichkeit mit einer Sex-Puppe hat. Zahlreiche Fachvorträge zur Lizenzverwertung gehören folgerichtig zum normalen Messeprogramm und viele der ausliegenden Fachzeitschriften beschäftigen sich mit diesem Thema.


Vor allem interessant war für mich der plötzliche Umschwung, was die Schwerpunkte angeht: Waren letztes und vorletztes Jahr Zombies in allen möglichen Varianten unglaublich dominant vertreten, so gab es diesmal mit Zomlings nur einen Hersteller, der auf die Untoten gesetzt hatte. Stattdessen galoppierten an gefühlt jedem zweiten Stand Einhörner in den unterschiedlichsten Varianten durch die Deko. Ganz gleich ob als Kunststoff-Variante von Schleich, als korpulente Plüsch-Figur von Nici oder als Spielmais-Skulptur bei fischer. Natürlich beschwere ich mich nicht wirklich darüber, konnte ich doch zum Schluss keine Zombies mehr sehen, aber nach einem Tag Messe hat sich ein schreiendes Pink in meine Netzhaut gebrannt. Sogar vor meinem geliebten King of Tokyo machen die gehörnten Pferde nicht halt.
Von diesen kleinen Dämpfern abgesehen war die diesjährige Spielwarenmesse für mich eine durchaus gelungene Veranstaltung. Ich hatte die Gelegenheit eine ganze Menge Neuerscheinungen zu begutachten, mich teilweise sogar intensiver mit ihnen auseinander zu setzen. Zeit für das eine oder andere Schwätzchen blieb auch noch und schließlich konnte ich sogar einige wertvolle Mal- und Modellbautipps mit nach Hause nehmen. Nur ein Tag war (wie eigentlich jedes Jahr) deutlich zu wenig um sich auch nur einen groben Überblick über die ganzen Neuheiten zu verschaffen - manche Hallen durchquerte ich erst nach dem eigentlichen Messeschluss auf dem Heimweg zum ersten Mal. Vielleicht schaffe ich es ja doch irgendwann einmal zwei oder gar drei Tage in Nürnberg zu verbringen, allerdings müsste ich dafür jetzt schon Zimmer buchen, wie mir ein Bekannter sagte.


Die Organisatoren haben, soweit ich das beurteilen kann, in diesem Jahr wieder hervorragende Arbeit geleistet. Alle Abläufe gingen reibungslos vonstatten, weder gab es Gedränge an den Eingängen noch lange Warteschlangen vor den U-Bahn-Stationen; Hallenpläne, Ausstellerverzeichnisse und Neuheitenlisten waren nicht nur auf der Homepage vorhanden, sie lagen auch in den Messehallen selbst aus. Wer den rein elektronischen Weg bevorzugt, konnte mit der dazugehörigen App zusätzlich noch seine Termine koordinieren und entsprechende Anmerkungen eintragen.
Laut der Messe selbst wurde die guten Zahlen von Vorjahr nochmals übertroffen: gut 73.000 Besucher und beinahe 2.900 Aussteller haben die sechs Tage genutzt sich und ihre Produkte dem interessierten Fachpublikum zu präsentieren.