Sonntag, 31. Juli 2016

[Festival] Amphi
23.-24. Juli  2016
Tanzbrunnen,Köln

Nachdem ich im letzten Jahr mit einem etwas zwiespältigen Eindruck aus Köln vom Amphi nach Hause zurückgekehrt bin, hatte ich eigentlich vorgehabt, dem Festival 2016 fern zu bleiben. Das Ambiente der Lanxess-Arena konnte mich nicht wirklich begeistern und auch das diesjährige Line-Up fand ich nur bedingt spannend. Als die Veranstalter jedoch die Rückkehr zum Tanzbrunnen ankündigten war dies für mich jedoch das beste Argument das Festival doch zu besuchen. Und so entschied ich mich relativ spontan doch ein verlängertes Wochenende in Köln zu verbringen. Kurzfristig konnte ich ein ein recht komfortables Hotel (zu einem akzeptablen Preis) buchen, jedoch waren die Karten für die Warm-Up-Party am Freitag schon lange vergriffen.
Da ich im Büro unabkömmlich bin, mache ich mich erst am Freitag Nachmittag auf den Weg in die Domstadt. Glücklicherweise verläuft die Fahrerei ohne großartige Staus und Baustellen, eigentlich sehr ungewöhnlich für diese Strecke, und auch das Einchecken im Hotel ist schnell erledigt. So bleibt mir noch Zeit für einen kleinen Bummel durch die Stadt, wo ich zwei, drei Anlaufpunkte habe, die eigentlich bei jedem Köln-Besuch auf dem Programm stehen. Unterwegs treffe ich Bekannte aus der Gegend um Freiburg, die ebenfalls für das Amphi in der Stadt sind. Nachdem ich mich, länger als erwartet, fest gequatscht habe, muss ich mich beeilen um noch einige Vorräte für das Wochenende zu besorgen.
 

Wieder im Hotel angekommen überlege ich noch kurz einen Abstecher zum Tanzbrunnen zu machen und das Gelände in Augenschein zu nehmen. Doch nachdem ich mich meiner Schuhe entledigt habe fehlt einfach die Motivation noch einmal das Zimmer zu verlassen. So bleibe ich im Bett liegen und schaue mir die beängstigenden Berichte aus München an, die nach und nach durch die verschiedenen Nachrichtensender veröffentlicht werden.
Immerhin bin ich am nächsten Morgen einigermaßen erholt und arbeite mich mit Hingabe durch das wirklich exzellente Frühstücksbuffet des Dorint, bevor es gegen 11 Uhr im leichten Nieselregen in Richtung des Festival-Geländes geht.

Als ich am Tanzbrunnen ankomme höre ich schon von weitem die Lokalmatadore [x]-RX, die trotz der frühen Stunde ein recht derbes elektronisches Programm fahren. Für diese Art von Musik ist es mir allerdings dann doch noch viel zu früh und ich bummele lieber erst einmal über das Gelände. An den meisten Ständen wird noch gebaut, dekoriert oder die Auslage geordnet, einige Aussteller haben es noch nicht einmal zum Festival geschafft und die Vorhänge bleiben zugezogen. Kleidung, Accessoires, Schuhwerk, Schmuck und natürlich Tonträger kann der solvente Festivalbesucher hier erstehen. Auch Exotischeres gibt es zu sehen; so kann man sich bei Father Sebastiaan auf dem Daywalker Market Vampirzähne einsetzen lassen, am Stand von Tinnef gehäkelte Zombiepüppchen kaufen oder ein paar Meter weiter (ich habe leider den Namen des Ausstellers vergessen) selbst geschweißte Steampunk-Deko für die Wohnung erstehen.
 

Zwischenzeitlich stehen die Herren von Solitary Experiments auf der Bühne und bringen schon ein wenig mehr Schwung in die immer recht träge schwarze Masse. Gefälliger, eingängiger und tanzbarer Future-Pop vertreibt bei mir die letzte Müdigkeit und langsam komme ich auf Betriebstemperatur.

Das erste Konzert das an diesem Tag auf meiner To-Do-Liste steht findet jedoch auf der Orbit Stage statt, die in den Innereien der MS RheinEnergie untergebracht ist. Das Schiff liegt einige hundert Meter vom Tanzbrunnen entfernt, in Richtung der Hohenzollernbrücke, vor Anker und so mache ich mich schon frühzeitig auf den Weg um mir einen ordentlichen Platz zu sichern. Nach kurzer Wartezeit und einer erneuten Taschenkontrolle geht es dann auch über die Gangway ins angenehm klimatisierte Innere des Schiffes.
 
Hatten die Veranstalter im letzten Jahr mit der Buchung der Psychobilly-Band The Creepshow aus Toronto das richtige Gespür bewiesen, so war es nur konsequent, das auch 2016 eine Band dieses Genres auf die Bühne musste. Die Wahl fiel dabei auf die Bloodsucking Zombies From Outer Space aus der österreichischen Hauptstadt, die trotz der frühen Stunde (und natürlich der starken Konkurrenz auf den beiden anderen Bühnen), vor recht zahlreich erschienenem Publikum auftreten. Neben der blutig ausgefallenen Deko fallen die recht ungesund aussehenden Musiker ins Auge, vor allem der singende Schlagzeuger Dead Richy Gein ist ein Blickfang. Ansonsten präsentiert sich die Band gut gelaunt und spielt sich durch ihr umfangreiches Repertoire, wobei es mir die beiden Stücke „Vienna Calling“ (ein Falco-Cover) und „Der Kopf deiner Mutter“ vom aktuellen Album Mörder Blues 2 ziemlich angetan haben. Die Leute vor der Bühne tanzen, manche wild und ausgelassen, andere dann doch eher reserviert. Und sogar bei mir auf der Galerie vibriert der Boden ein wenig unter dem rhythmischen Stampfen der Stiefel.
Nach diesem, doch sehr vielversprechenden, Auftakt herrscht am Merch-Stand und auch bei der anschließenden Autogramm-Session reges Gedränge. Die vier gutgelaunten Herren lassen sich, immer noch in ihren Bühnenoutfits, dabei nicht hetzen und jeder bekommt eine Unterschrift, ein Selfie oder kann ein kurzes Schwätzchen mit den Musikern halten.
Die verblieben Zeit bis zur nächsten Band will ich für einen kurzen Abstecher auf das Sonnendeck nutzen um ein wenig frische Luft zu schnappen. Doch schon beim ersten Treppenabsatz bleibt mir die Luft weg; es nieselt immer noch, diesmal etwas stärker, mittlerweile ist die Temperatur jedoch deutlich angestiegen. Dies ergibt eine extrem unangenehme, schweißtreibende Mischung und ich flüchte wieder ins abgedunkelte und klimatisierte Bootsinnere.
Die Umbauarbeiten für Laura Carbone sind schon fast abgeschlossen, daher spare ich mir die Suche nach einer Sitzgelegenheit und nehme wieder meinen Platz auf der Galerie ein. Nicht unbedingt typisch für ein „schwarzes“ Festival spielt die junge Frau aus Mannheim mit ihren drei Mitstreitern durchaus gefälligen Indie-Rock. Die Stücke vom Sirens-Album werden recht gut aufgenommen, allerdings eignet sich die Musik nicht unbedingt zum Feiern. So belassen es die meisten Zuschauer bei wohlwollendem Kopfnicken, lediglich bei „Swans“ und dem grandiosen „Heavy Heavy“ kommt etwas Bewegung in die ersten Reihen. Auch der Rest des Sets gefällt mir recht gut und dies wird sicherlich nicht der letzte Auftritt der jungen Dame gewesen sein, den ich besuche.
Da ich doch etwas lernresistent bin, versuche ich erneut mein Glück oben auf dem Schiff, doch eine wirkliche Verbesserung der Luftqualität hat sich bisher nicht eingestellt. Immerhin regnet es nicht mehr und ich habe die leichte (und wie sich herausstellt, begründete) Hoffnung, dass sich die Wetterlage noch etwas weiter entspannt. Da ich mittlerweile doch ein leichtes Hüngerchen verspüre gebe ich dem schiffseigenen Catering eine Chance und verleibe mir eine Currywurst ein. Nicht unbedingt ein kulinarischer Hochgenuss, aber wahrscheinlich auch nicht viel schlimmer als die anderen Gerichte auf der Speisekarte.

Mittlerweile stehen Larissa Iceglass und William Maybelline auf der Bühne und legen letzte Hand an ihre Instrumente. Ich hatte Lebanon Hanover zwar erst vor wenigen Wochen in der Oetinger Villa in Darmstadt gesehen, aber wenn ich schon die Gelegenheit habe, ein zweites Konzert des Duos zu besuchen, nehme ich dies natürlich auch war. Die Musik der Band ist zwar nur bedingt tanzbar, doch das enthält einen sehr enthusiastischen Fan nicht davon ab wild um sich zu schlagen und zu treten. Nach den mehr oder minder freundlichen Ermahnungen der umstehenden Besucher hält er sich zwar zurück, doch die blauen Flecken bleiben. Während Frau Iceglass für die Vocals bei den unterkühlten, emotionslosen Stücke wie „Hall of Ice“ oder natürlich dem grandiosen „Gallowdance“ verantwortlich ist übernimmt Herr Maybelline bei den eher energischeren Stücken das Mikrofon. Wirklich herausragend ist dabei „Totally Tot“, mit dem sich die Band von der Bühne verabschiedet.
Das Wetter ist zwar immer noch alles andere als angenehm, doch für mein nächstes Konzert muss ich notgedrungen zurück an die Hauptbühne. Vorbei geht es an der Besucherschlange, die auf Einlass in das Theater hofft, wieder durch eine Taschenkontrolle und zu einem kurzen Zwischenstopp an einem der beiden Trinkbrunnen um die Flasche wieder aufzufüllen.

Das Gedränge vor der Bühne hält sich noch in einem überschaubaren Rahmen als ich an der Main Stage ankomme und mir recht weit vorne einen Platz sichere. Auch Tarja habe ich vor gar nicht allzu langer Zeit schon live gesehen; allerdings war der Rahmen doch ein völlig anderer: auf der vorweihnachtlichen „Ave Maria“-Tour in einer kleinen, bestuhlten Location, begleitet von Klavier, Violine und Cello hat Frau Turunen gezeigt, dass sie eine grandiose Sängerin ist. Hier in Köln liegt der Fokus auf der rockigen Seite ihres Schaffens, besonders auf dem kommenden Album The Shadow Self. Nach den doch eher ruhigen Klängen der vorangegangenen Band liefern die fünf Musiker der finnischen Sopranistin doch ein recht heftiges Brett ab. Sehr gut gefallen mir von den neuen Sachen „Demons in You“ und das Muse-Cover „Supremacy“, der Rest ist nicht schlecht, aber auch nicht herausragend. Ansonsten liefert Tarja eine solide Metal-Show, tobt über die Bühne, bangt was die Nackenmuskulatur hergibt und strahlt das Publikum an. Dabei stört mich dann auch beinahe gar nicht mehr, dass die zweite Stimme vom Band kommt und Gitarre sowie Schlagzeug die anderen Instrumente fast vollständig übertönen.
Die Menge verteilt sich nach dem Auftritt überraschend schnell auf die umliegenden Merchandise- und Catering-Stände, während ich noch einige Minuten stehenbleibe um meinen Ohren eine kleine Verschnaufpause zu gönnen. Die Stimme der Dame ist schon recht heftig und hinterlässt bei mir ein leichtes Pfeifen – trotzdem toll und ich werde sicherlich versuchen für die Tour im Oktober ein Ticket zu bekommen. Mittlerweile muss ich mich schon fast beeilen um wieder auf das Schiff zu kommen, da dort das nächste Konzert bald anfängt, das ich auf keinen Fall verpassen will.

Auf den Auftritt von Der Fluch hatte ich mich schon im letzten Jahr riesig gefreut, doch leider musste seinerzeit das Konzert auf Grund der katastrophalen Wetterlage abgesagt werden. Doch die Veranstalter haben Wort gehalten und die Band in diesem Jahr (ebenso wie auch Neuroticfish) wieder auf das Festival geholt um den entfallenen Termin nachzuholen.
Wenig überraschend beginnt das Set mit „Ich bin der Fluch“, dem eine ganze Reihe von Klassikern aus beinahe 30 Jahren Bandgeschichte folgen. Jedes Stück wird von Deutscher W mehr oder minder ausführlich anmoderiert, der sich auch teils bissige Kommentare nicht verkneifen kann. Sehr schön beispielsweise: „Draußen spielt Peter Heppner schöne Musik für schöne Menschen. Was wollt ihr also hier drin?“. Ansonsten liefert die Band ein recht vielseitiges Set, wobei „Herr der Fliegen“, „Gottes Schwert“ und „Der Rabe“ nicht fehlen dürfen. Der Sänger kraxelt dabei die Boxentürme hinauf, hangelt sich an der Galerie entlang und landet, eher unsanft, wieder auf der Bühne – nur um im nächsten Augenblick durch den Zuschauerraum zu streifen. Das Publikum dankt es der Band, singt lauthals die Texte mit und feiert ordentlich. Nach gut 50 Minuten verlassen Der Fluch die Bühne, nur um kurz darauf für das unvermeidliche „Halb Mensch Halb Tier“ zurückzukehren und damit das Konzert standesgemäß zu beschließen.
Die Wahl auf die letzte Band des Tages fällt mir nicht leicht. In der Orbit Stage werden gleich die Goth-Rocker von Nosferatu die Bühne betreten; durchaus reizvoll, aber ich würde gerne den Abend mit ein wenig mehr „Wumms!“ beenden. Nach den bisherigen, eher rockig-gitarrenlastigen Bands wäre ein wenig elektronische Musik eine gelungene Abwechslung. Also ist das Theater der logische Anlaufpunkt, wo mit Front Line Assembly ein Klassiker des Genres auf der Bühne steht, den ich zudem noch nie live gesehen habe. Offensichtlich bin ich jedoch nicht alleine mit meinen Überlegungen, zieht sich die Besucherschlange beinahe unüberschaubar in die Länge. Nach nur wenigen Minuten Wartezeit gebe ich entnervt auf und gehe in Richtung der Hauptbühne, die grade für den Auftritt von Blutengel vorbereitet wird.
Das erfolgreichste Projekt von Chris Pohl ist mir eigentlich viel zu poppig und pathetisch, aber ich habe keine Lust nochmal auf dem Schiff oder beim Theater mein Glück zu versuchen. Der Platz vor der Hauptbühne, und weit darüber hinaus, ist mittlerweile brechend voll und ich bin dankbar, dass es ein wenig aufgefrischt hat als das Set mit einem sehr markanten Drum-Part eingeleitet wird. Gitarre, Schlagwerk und Keyboard begleiten die beiden Vokalisten Ulrike Goldmann und Chris Pohl, hinzu kommen noch drei Damen (anfangs) im Nonnen-Habit. Während die Musik, einschließlich „Sing“ und „Reich mir die Hand“, fast alle meine Vorurteile über die Band aufs Neue bestätigt, kann die Live-Show doch recht passabel unterhalten. Nach einer Handvoll Stücke wird es mir aber schließlich doch zu eng und ich bahne mir meinen Weg an die Strandbar um dort ein wenig die Füße hochzulegen.
Mit einem kühlen Getränk in der Hand, der Musik angenehm gedämpft im Hintergrund, einem bequemen Liegestuhl und mittlerweile tatsächlich angenehmen Temperaturen lässt es sich tatsächlich hier Aushalten – deutlich gemütlicher und entspannter als im letzten Jahr. Und der Blick auf das andere Rheinufer mit Dom und Sommerfest ist ebenfalls großartig!

Nach dem Konzert stellt sich mir die Frage, welche der beiden Aftershow-Parties einen Besuch lohnen. Auf dem Schiff zusammen mit Honey (der von Welle: Erdball) auf die andere Rheinseite fahren, ein Musikstück zusammenschrauben und anschließend noch ein bisschen feiern? Oder doch lieber im Theater die halbe Nacht verbringen um sich von verschiedenen DJs die Gehörgänge durchpusten zu lassen? Nach einem abschließenden Bummel über das Festivalgelände entscheide ich mich für Variante C und mache mich auf den Weg zum Hotel. Nach einem kleinen Umweg über eine nahegelegene Tankstelle, wo erstaunlich viele schwarz gekleidete Gestalten die Alkoholvorräte plündern, schleppe ich mich auf mein Zimmer, entledige mich meiner Stiefel und lasse mich aufs Bett fallen. So langsam macht sich das Alter doch bemerkbar und ich döse noch vor dem Wort zum Sonntag weg.

Dies hat dann allerdings den Vorteil, dass ich mich am Sonntag frisch und ausgeruht auf den Weg in den Frühstücksraum mache. Von meinem Platz aus kann ich recht gut die misstrauischen Blicke der „normalen“ Gäste beobachten, die sie den tätowierten, gepiercten und ausnahmslos in schwarz gekleideten Gestalten zuwerfen, die nach und nach in den Saal schlurfen. Der kleine Junge am Nebentisch kann beispielsweise seinen Blick nicht von der Dame in eleganter Korsage abwenden, die sich am Obstkorb gefährlich weit nach vorne beugt. Und auch die ausweichende Antwort des Vaters auf die Frage warum denn hier die Leute so merkwürdig rumlaufen scheint ihm auch nicht wirklich auszureichen. Nach einem ziemlich leckeren (und sehr unterhaltsamen) Frühstück geht es noch für ein letztes Kräftesammeln aufs Zimmer und dann auch kurz darauf weiter in Richtung Tanzbrunnen.
Wie zu erwarten ist die Anzahl der Zuschauer bei Beyond Obsession und TÜSN am Sonntag morgen sehr überschaubar. Dies hält die Bands jedoch nicht davon ab, ordentlich Stimmung zu machen und die wenigen Unverdrossenen vor der Bühne zum Tanzen zu animieren. Ich bin noch nicht so ganz auf Betriebstemperatur und drehe erst eine gemächliche Runde über das Gelände, wobei ich mir diesmal sehr viel Zeit nehme und die Stände inspizieren. War am Vortag die Sonne praktisch nicht zu sehen gewesen, so knallt sie heute schon früh vom Himmel und ich bemitleide die Leute ein wenig, die sich in schwarzer Latex-Montur, Lack und Leder vor die Tür getraut haben.
War am Vortag das Programm im Theater doch eher elektronisch geprägt, ist die Auswahl heute deutlich differenzierter. Da ausnahmsweise keine Schlange vor dem Eingang steht nuze ich die Gelegenheit um beim schon laufenden Gig von Mantus vorbei zu schauen. Der Saal ist sehr voll, sehr dunkel und ich brauche erst ein paar Minuten um mich zu orientieren. Leider ist das Konzert dann auch schon fast vorbei bis ich mich zu einem vernünftigen Platz vorgearbeitet habe. Der Saal leert sich nur schleppend und ich überlege, ob ich nicht einfach hier drin bleiben soll, folgen doch noch ein oder zwei interessante Konzerte im Theater.
Letzten Endes gehe ich wieder hinaus auf das Festivalgelände um mir an den Ständen einige CDs sowie eine dringend benötigte Kopfbedeckung zu holen, da die Sonne mittlerweile schmerzhaft aufs lichte Haupthaar brennt. Die Musik ist nicht wirklich meins, dennoch schaue ich anschließend bei Unzucht vorbei, um mir zumindest einen kurzen Überblick über die Live-Qualitäten des Quartetts zu machen. Den zahlreichen Besuchern vor der Bühne gefällt es offensichtlich und die Band liefert ein rockiges Set ab, dass auch die letzte Müdigkeit vertreibt.

Nach einer kurzen Pause (und einem lecker Getränk) an der Strandbar geht es zum nächsten Konzert in Richtung Theater. Diesmal ist der Wechsel zur Theater Stage nicht ganz so unproblematisch und ich stehe fast eine halbe Stunde, ohne ein Fitzelchen Schatten, in der prallen Mittagssonne. Die einzigen Fortschritte in der Schlange ergeben sich, wenn Besucher vor mir entnervt aufgeben und wieder auf das reguläre Festivalgelände zurückkehren. Irgendwann schaffe ich es dann doch ins Theater; die sengende Sonne wird im Foyer durch abgestandene, verbrauchte und sehr, sehr warme Luft abgelöst – keine wirkliche Verbesserung; immerhin ist es hier einigermaßen schattig. In der Halle selbst ist die Luft schließlich deutlich angenehmer, verfügt die Location doch über eine funktionierende Klimaanlage. Trotz Umbaupause ist es recht finster und auf meinem Weg zur Bühne stolpere ich mehrmals über Konzertbesucher, die sich einfach auf dem Boden niedergelassen haben.

Irgendwann dröhnt dann auch das Intro durch die Boxen und Ost+Front marschieren auf die Bühne. Häufig als Rammstein-Kopie belächelt liefert die Band doch eine sehr energetische, mitreißende Show ab und das Publikum dankt es ihnen indem es lauthals das „Denkelied“ mitsingt, bei „Fleisch“ das (soweit vorhandene) Haupthaar schüttelt oder zu „911“ wild vor der Bühne pogt. Für mich sicherlich eines der besten Konzerte auf diesem Festival, auch wenn die Texte häufig weit über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus gehen und selbst mir stellenweise zu derbe sind.
Die Entscheidung über die nächste Band fällt mir nicht wirklich leicht. Die Gelegenheit The Devil & the Universe zu sehen bietet sich mir ausgesprochen selten, auch Coppelius machen sich ziemlich rar. Letzten Endes fällt die Wahl aber auf die schwedischen Elektroniker von Covenant.


Zum einen ist das Konzert in Frankfurt, auf das ich ursprünglich wollte, schon lange ausverkauft, zum anderen habe ich die Band, obwohl ich seit dem Debüt Dreams of a Cryotank alle CDs habe, noch nie live gesehen und schließlich will ich wieder draußen ein bisschen durchatmen. Das mit dem Durchatmen funktioniert nur bedingt: die Sonne brennt, vor der Bühne ist es richtig voll und Schatten gibt es praktisch keinen. Das hält Sänger Eskil Simonsson jedoch nicht davon ab, dem Publikum ordentlich einzuheizen, Unterstützung bekommt er dabei von seinen beiden Mitmusikern Joakim Montelius und Daniel Jonasson, die gelegentlich auch das Mikrofon übernehmen. Vor allem Stücke vom neuen Album The Blinding Dark stehen im Fokus des Auftrittes, aber auch Klassiker wie „Figurehead“, „Ritual Noise“ oder das fantastische „Dead Stars“ zum Abschluss werden vom Publikum gefeiert.
Nach diesem, schon ziemlich tollen, Auftritt bin ich völlig durchgeschwitzt, habe einen Sonnenbrand und kann meine Füße kaum noch heben. Auf der Suche nach etwas Erholung schleppe ich mich mühsam erneut zur Strandbar, die mit den wenigen, einigermaßen bequemen, Sitzgelegenheiten auf dem Festival aufwarten kann. Schatten gibt es zwar auch hier keinen mehr, doch es hilft schon, die Beine ein paar Minuten hochzulegen und kurz durchzuschnaufen, bevor es zurück auf die MS RheinEnergie geht. Nach dem üblichen Prozedere (Schlange, Taschenkontrolle, Flaschenentleerung) schaffe ich es grade rechtzeitig auf die Galerie bevor Thomas Elbern mit seinen beiden Kollegen die Bühne betritt.
Vor vielen, vielen Jahren hatte ich Escape with Romeo schon einmal live (damals im Mainzer KUZ) gesehen und mir gefiel die Kombination aus Gitarre und Elektronik seinerzeit recht gut. Die alten Stücke wie „Somebody“ und „Serious“ funktionieren für mich dann auch nach über 20 Jahren noch. Mit dem neueren Material kann ich dagegen nicht so viel anfangen, was aber dem schönen, entspannten Gesamteindruck des Konzertes keinen Abbruch tut.

Eigentlich hatte ich vorgehabt noch eine weitere Nacht in Köln zu verbringen und dann am Montag ganz entspannt den Heimweg anzutreten. Doch durch eine Verkettung unglücklicher Umstände wurde mein Urlaub kurzfristig gestrichen, so dass meine Zeitplanung ein wenig überarbeitet werden musste. Gerne hätte ich mir noch den Auftritt von Spiritual Front oder wahlweise auch den der Editors angeschaut, doch steht mir ein relativ langer Marsch zum Parkplatz und eine noch viel längere Heimfahrt bevor. Am Auto angekommen kann ich mich jedoch erst einmal über einen Strafzettel für Falschparken (unberechtigt) und nach einigen hundert Metern über den Blitzer, der meine Geschwindigkeitsübertretung (diesmal berechtigt) dokumentiert, ärgern. Dessen ungeachtet verläuft die Heimfahrt angenehm unkompliziert, lediglich einen kurzen Zwischenstopp muss ich einlegen, da ich unbedingt eine Pause brauche. Nach einer kleinen Stärkung geht es schließlich auf die letzte Etappe der Heimreise und ich komme, ziemlich kaputt, zu Hause an. Immerhin bleiben mir noch fast fünf Stunden bevor der Wecker klingelt und ich mich wieder auf den Weg ins Büro machen muss.


Im Vergleich zur Lanxess Arena ist der Tanzbrunnen sicherlich die bessere Location. Hier, direkt am Rhein, ist das Ambiente deutlich angenehmer als bei der mehr oder minder seelenlose Deutzer Mehrzweckhalle. Dazu kommen viele nette Kleinigkeiten wie die Strandbar mit ihren Liegestühlen, Cocktails und dem fantastischen Ausblick auf das gegenüberliegende Ufer. Auch die Orbit Stage auf der MS RheinEnergie unterzubringen hat, zumindest für mich, sehr gut funktioniert; der perfekte Ort, um mal ein bisschen abzuschalten und einfach nur die Musik in etwas ruhigerer Atmosphäre zu genießen. Was mir dagegen nur bedingt gefallen hat war die Theater Stage. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, wurde die Halle am Samstag mehrmals so heiß und stickig, dass nur eine beschränkte Anzahl Besucher hinein durften. Die endlose Warterei in der Schlange war ebenfalls nicht schön und auch die Taschenkontrollen waren irgendwann nur noch nervig. Für das nächste Jahr besteht hier sicherlich noch Verbesserungspotential.
Ansonsten haben die Veranstalter ziemlich viel richtig gemacht: Bei der Bandauswahl, den unterschiedlichsten Ausstellern und dem vielfältigen Cateringangebot war eigentlich für jeden etwas dabei. Sicherlich waren die Preise schon grenzwertig, aber zumindest bei den Getränken wurde dies etwas durch die Trinkbrunnen und den Wasserstand abgemildert. Davon abgesehen haben die beiden Kioske am Kennedy-Ufer an diesen beiden Tagen wahrscheinlich das Geschäft des Jahres gemacht.

Technisch gab es an den Auftritten eigentlich nichts auszusetzen – hier waren vielleicht die Vocals zu leise oder dort eine Gitarre zu heftig, aber nichts Gravierendes und die Jungs hinter den Mischpulten haben die Probleme meist rasch wieder im Griff gehabt. Was mich jedoch etwas störte war, dass viele Bands einfach nur ihr Programm herunter gespult haben. Anmoderationen oder sogar ein Dialog mit dem Publikum waren, zumindest bei den Auftritten, die ich gesehen habe, Mangelware, natürlich gab es löbliche Ausnahmen. Auch den häufigen Zugriff auf Gesangs- oder Musikpassagen aus der Konserve fand ich etwas schwach. Gehört dies bei Musikern aus dem elektronischen Bereich vielleicht zum guten Ton, so hätte ich mir grade bei Acts wie Tarja gewünscht, dass sie ihre Stücke entsprechend arrangieren um sie den Gegebenheiten anzupassen. 






Sonntag, 5. Juni 2016

[Convention] Burgevent Stahleck
Samstag, 28. Mai 2016
Burg Stahleck, Bacharach


Alle Jahre wieder lädt der Heidelberger Spieleverlag seine Mitarbeiter, die Mitglieder seines Support-Teams, Partnerverlage, aber auch einige Spieler und Pressevertreter auf die Burg Stahleck in Bacharach am Rhein ein. Dort haben sie die Gelegenheit fast drei Tage lang mit Gleichgesinnten ein Schwätzchen zu halten und natürlich zahlreiche zukünftige Spieleneuheiten zu begutachten und ausgiebig zu bespielen. Am Freitag war ich noch beruflich eingebunden und auch am Sonntag war mein Terminplan schon gut gefüllt, so blieb mir leider nur der Samstag für einen kleinen Abstecher auf die Stahleck.

Da ich nur eine kurze Anreise hatte, konnte ich immerhin ausschlafen und kam relativ ausgeruht gegen 10 Uhr in der zur Jugendherberge umfunktionierten Burg an. Einigen Spielern, die im Burghof frühstückten oder dort die erste Zigarette des Tages rauchten, waren die Strapazen der vergangenen Nacht deutlich anzusehen; gerüchteweise waren die letzten Spielerunden gegen 4 Uhr morgens zu Ende gegangen. Doch davon ließ ich mich nicht beirren und suchte meinen Ansprechpartner im Foyer auf, der mit mir zuerst einen kurzen Rundgang durch die Räumlichkeiten machte und eine erste Einführung gab. Danach schlenderte ich noch einmal in den Burghof um den wirklich spektakulären Blick ins Mittelrheintal zu genießen und mir noch ein oder zwei Lungenzüge frischer Luft zu genehmigen. Mittlerweile waren auch fast alle Aussteller mit dem Frühstück fertig und die Spieltische füllten sich erstaunlich schnell, so dass ich mich auch langsam auf den Weg in den Rittersaal machte. Sehr entspannt und ohne großartiges Gedränge suchten sich die Spielebegeisterten ihre Plätze.


Ich fand meine erste Spielerunde direkt neben dem Eingang bei Czech Games Edition. Da ich, zugegebenermaßen, ein Fan des großartigen Ratespiels Codenames bin, war ich neugierig was sich der Verlag für den Nachfolger ausgedacht hatte. Entsprechende Mitspieler zu finden war kein Problem und da sich der Spielablauf der beiden Spiele nur minimal unterscheidet stand einer schnellen Partie nichts im Wege. Allerdings stellt Codenames Pictures die Spieler vor völlig andere Herausforderungen, denn anstatt der Begriffe sind nun Zeichnungen, fast immer mit sehr frei interpretierbaren Motiven, auf den Karten. Auch mit den Bildern funktioniert die Agentenjagd hervorragend, allerdings macht sie jetzt noch ein paar zusätzliche Knoten ins Hirn. Direkt am Nebentisch wurde die zweite Neuheit Adrenalin ausgiebig angespielt und ich bekam zumindest einen oberflächlichen Eindruck über das Spiel. Ähnlich wie bei einem Ego-Shooter auf dem Computer steuert jeder Spieler seine Figur durch die Korridore eines Raumschiffs oder Gebäudekomplexes, sammelt Waffen und Ausrüstungen und versucht dabei natürlich sich der gegnerischen Figuren zu entledigen. Sicher auch ein Spiel, dass ich mir demnächst etwas genauer anschauen werden.

Nachdem die Agentenjagd mich doch über die Maßen beansprucht hatte, musste ein einfacheres Spiel her. Die Wahl fiel dabei auf Justice League: Hero Dice, das zwar nicht wirklich neu ist, dafür aber mit Flash und Green Lantern zwei frische Superhelden in den Kampf gegen das Böse schickt. Jeder der Helden verfügt dabei über einen eigenen Würfelsatz, mit denen er Treffer gegen die Schurken austeilt und seine Sonderfähigkeiten nutzt. Meine Mitspielerin wählte, ganz klassisch, Batman, ich dagegen wollte etwas Neues ausprobieren und nahm Flash, der zwar nur einen sehr kleinen Würfelpool hat aber, zumindest theoretisch, Dank seiner Fähigkeiten fast unbegrenzt agieren kann. Das zwischen Theorie und Praxis eine recht große Lücke klafft war dann schon nach zwei oder drei Spielrunden abzusehen, das es den Helden nicht mal annährend gelang, die Flut der Bösewichter einzudämmen. So wurde Metropolis schnell überrannt und Flash und Batman mussten sich geschlagen geben. Immerhin schaffte es im Laufe des Tages, kein anderes Team unseren aufgestellten Rekord von exakt 0 Punkten einzustellen - ein kleiner Trost und ein sehr spaßiges, schnelles Spiel.

Da es ausnahmsweise grade nicht regnete, gönnte ich mir eine kurze Auszeit vom anstrengenden Spielen und legte im Burghof eine Pause ein. Einige Demorunden hatten die Regenpause ebenfalls genutzt und sich nach draußen auf die Bierzeltgarnituren verlagert. Nachdem ich ein paar Minuten die, im Vergleich zum Rittersaal, himmlische Ruhe genossen hatte, stürzte ich mich dann doch gleich auf das nächste Spiel. Die Kickstarter-Kampagne zu Xibalba von Voodoo Games wurde vor kurzem erfolgreich beendet und die Macher hatten einen, sehr ansehnlichen, Prototypen mit auf die Burg gebracht. Jeder Spieler übernimmt bei dieser Mischung aus Karten- und Würfelspiel eine Fraktion, erwürfelt Ressourcen, baut damit seine Basis aus, rekrutiert Soldaten und Wissenschaftler und versucht durch Kampf oder Handel an eine außerirdische Substanz zu kommen. Optisch sehr ansprechend macht Xibalba auch spielerisch einen sehr guten Eindruck, auch wenn mein „Würfelglück“ mir hier wieder treu geblieben ist.

Danach machte ich in einer stillen Ecke des Burghofes eine richtige Pause, verspeiste einen kleinen Snack und beobachtete amüsiert die „regulären“ Besucher der Burg, denen das Treiben an den Tischen offensichtlich nicht immer ganz geheuer war. Vor allem die Vudu'-Spieler, unter Anleitung von Autor Marco Valtriani, sorgten mit ihrer merkwürdigen Geräuschkulisse und den skurrilen Verrenkungen für irritierte Blicke.


Zumindest ein wenig ausgeruht und etwas gestärkt, fühlte ich mich bereit für die nächste Runde. Da ich leidenschaftlicher Tabletop-Spieler bin stand als nächstes The Walking Dead - All Out War auf dem Programm. Der Zombie-Hype ist zwar weitgehend abgeklungen, was die Briten von Mantic jedoch nicht daran hindert diese Mischung aus Brettspiel und Tabletop, basierend auf den Comics und der Fernsehserie, zu veröffentlichen. Während jeder Spieler versucht mit seiner Gruppe Überlebender die jeweilige Mission zu erfüllen schlurfen die Zombies, geleitet von den Regelmechanismen übers Brett und stürzen sich auf alles, was sich bewegt. Die Kunststoff-Figuren sind zwar recht nett, allerdings machten die Regeln einen ziemlich unausgegorenen Eindruck. Das Spiel präsentierte sich als sehr statische Angelegenheit, bei der taktische Überlegungen praktisch keinen Einfluss hatten, dafür das Würfelglück umso mehr den Ausschlag über Sieg oder Niederlage gab. Alles in allem für mich eine ziemliche Enttäuschung und ich bin froh, nicht bei der Crowdfunding-Kampagne mitgemacht zu haben.


Direkt nebenan war der richtige Demotisch von Voodoo Games, an dem die Spieler schon einen ersten Ausflug zu den Isles of Terror machen konnten. Nach derzeitigem Planungsstand soll das Spiel im Laufe des nächsten Jahres veröffentlicht werden, machte aber schon einen recht kompletten Eindruck. Auf einer Hexfeldkarte müssen die Spieler eine unbekannte Insel erforschen, Artefakte sammeln und die finsteren Machenschaften der Eingeborenen vereiteln. André Schillo und Martin Müller legen hier eine recht interessante Mischung aus verschiedenen Spielgenres vor, die sich vor allem optisch wieder sehr eindrucksvoll präsentiert und, zumindest vom ersten Eindruck her, ein spannendes, taktisches Spiel verspricht.

Dagegen befand sich die Aufmachung von Viral am Demotisch von Mesaboardgames noch in einem sehr frühen Stadium. Als unterschiedliche Virenstämme müssen die Spieler hier einen menschlichen Körper befallen, sich in die Organe ausbreiten, lästige Antibiotika überstehen und schließlich dafür sorgen, dass alle anderen Viren aus dem Körper entfernt werden. Vielleicht thematisch nicht das netteste Spiel auf der Stahleck, aber sehr gut durchdacht und erstaunlich einfach zu spielen. Sicherlich ein Spiel, dass ich in Zukunft näher im Auge behalten werde.
Da ich mich bisher fast ausschließlich im Rittersaal und im Hof aufgehalten hatte, wollte ich natürlich auch wissen, was in den anderen Räumen gespielt wird. Im Erdgeschoss hatten die italienischen Verlage ihren Platz gefunden, leider ergab sich für mich aber keine Gelegenheit eine Runde The Way of the Panda oder Xi'an von Pendragon anzuspielen. Der Kellerraum war ganz in der Hand von PD Games, wo verschiedene Erweiterungen zu Concordia angetestet werden konnten. Da mich das in der Antike angesiedelte Aufbauspiel nicht wirklich interessierte, warf ich nur einen kurzen Blick auf die neuen, sehr hübsch aufgemachten, Karten zu Hellas, Korsika und Gallien und machte mich wieder auf den Weg in den Burghof.
Mittlerweile war es schon spät geworden und auch die nächsten Unwetterwolken schoben sich durchs Rheintal. Daher wurde für das Abendessen etwas umdisponiert und nur die Grille mit Unmengen an totem, verbranntem Tier und Tofu-Würstchen standen im Freien, während die Beilagen im Keller der Burg aufgebaut wurden. Kaum hatten sich die ersten Spieler ihr Essen auf den Teller geschaufelt als auch schon der erwartete Regen einsetzte und die Plätze unter den großen Schirmen schnell vergeben waren. So zog ich mich mit meinem Burger in den Rittersaal zurück und nutzte die Ruhe und hielt mit einigen Autoren und Spielern, die hier ebenfalls Zuflucht gesucht hatten, noch ein kurzes Schwätzchen und tauschte Eindrücke aus. 
Nach dem Essen blieb ich noch für eine Runde Mob Town am Stand von Trefl. Hier teilen andropomorphe Gangster eine Stadt unter sich auf und versuchen ihre Aufgaben zu lösen. Ein nettes Kartenspiel (und ganz ohne Würfel) mit putzigen Zeichnungen und einem recht hohen „Ärger-Faktor“. Für einen Absacker genau das Richtige!

Eigentlich wollte ich mir noch die abschließende Feuershow von The Burning Dragons anschauen, doch da der Weg zum Auto weit war und ich im finsteren Wald geparkt hatte, nutzte ich eine kurze Regenpause sowie das letzte Licht des Tages und machte mich auf den Heimweg.

Natürlich reicht ein Tag bei weitem nicht aus, alle angebotenen Spiele zu testen, bei einigen war leider nur Zeit für einen kurzen Blick über die Schulter der anderen Spieler. Auf jeden Fall habe ich meiner Beobachtungsliste einige weitere Spiele hinzugefügt, die ich mir sicherlich bei Gelegenheit noch genauer anschauen werden, beispielsweise das sehr imposante In the Name of Odin, die kommenden Erweiterungen zu Potion Explosion und Steam Park oder das Kartenstichspiel Cohort.

Ein riesengroßes Dankeschön an des Team des Heidelberger Spieleverlags für diese spannende, lustige und sehr informative Veranstaltung!

Freitag, 27. Mai 2016

[Interview] The Razorblades


The Razorblades gelten als eine der besten, wenn nicht sogar die beste, Surfrockband Deutschlands und haben sich auch in den Nachbarländern, vor allem durch ihre ausgedehnten Touren, einen beachtlichen Ruf erspielt. Anfang des Jahrtausends gegründet hat das Trio neben zahlreichen Sampler-Beiträgen mit New Songs for the Weird People nun vor kurzem sein sechstes Album veröffentlicht und dies mit einer großen Party im Wiesbadener Kulturpalast gefeiert.

Der Gitarrist, musikalische Kopf und gelegentliche Sänger Rob Razorblade aka Martin Schmidt hat sich, trotz des ausgedehnten Tourkalenders der Band, die Zeit genommen uns einige Fragen zu beantworten. 


Bingen, eine Kleinstadt in Rheinhessen, aus der The Razorblades ursprünglich kommen, ist eigentlich ein ziemlich fruchtbarer Boden für Punk-, Metal- und auch Gothic-Bands. Eine Band die Surfmusik spielt fällt da doch ziemlich aus dem Rahmen. Was war und ist für euch das Spannende, Außergewöhnliche an dieser Musikrichtung und wie kamt ihr um das Jahr 2002 herum darauf Musik zu spielen, die eigentlich seit den 60ern kaum noch jemand hört?  

Mir gefällt an Surfmusik zuerst der Gitarrensound – dieser klare Twang-Sound mit viel Hall und Echo. Dann finde ich es interessant Songs nur mit der Gitarre zu tragen, sprich die Melodie und die ganzen Emotionen eines Stückes auf der Gitarre zu spielen anstatt ein Backing für den Sänger und irgendwann ein Solo zwischen den Refrains abzuliefern – das ist musikalisch eine ganz andere Herausforderung. Die Entscheidung für eine bestimmte Art von Musik geschieht bei mir immer aus einem Grund: Sie gefällt mir und ich möchte sie spielen. Was dann der Rest der Stadt macht oder wie viele Leute diese Musik gerade hören, ist mir relativ egal, Musik ist Kunst und Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, von daher muss man tun, was man tun muss. Für mich hat Surfmusik oder Instrumentalmusik im Allgemeinen immer etwas Cineastisches, ein Western-/Wüsten-/Krimi-Feeling und das finde ich sehr inspirierend. Außerdem finde ich das hohe Energie-Level super – kurze, schnelle Songs, die auf den Punkt kommen und eine klare Melodie haben.
Zum ersten Mal was Surfmusikartiges gehört habe ich mit 18, als ich mit meiner damaligen Band Marvel's Rosary im Vorprogramm der Fenton Weills gespielt habe. – in der Bingerbrücker Turnhalle. Die haben so eine Mischung aus Link Wray-Instrumentals, Filmthemen und Sixties Beat gespielt und das hat mich schwer beeindruckt und ich habe angefangen, selbst in dem Stil Songs zu schreiben. Nach ein paar Jahren in anderen Stilistiken bin ich um die Jahrtausendwende durch die US-Band Slacktone zu dem Stil zurückgekommen. Im Guitar Player war eine Review ihrer ersten CD „Warning! Reverb Instrumentals“. Ich dachte das klingt cool, hab die CD bestellt und hab dann die ganzen 3rd Wave Bands entdeckt, The Mermen, Insect Surfers, Fifty Foot Combo und dachte, ich muss auch so eine Band machen. Zu der Zeit habe ich aber schon nicht mehr in Bingen gewohnt.

The Razorblades sind ja in erster Linie Dein Baby. Inwieweit funktioniert innerhalb der Band der Entstehungsprozess eines Albums? Gibst Du die Linie alleine vor oder beteiligen sich Deine Kollegen gleichberechtigt an Songwriting und Produktion?
 

Ich schreibe die Songs alleine zuhause in meinem Studio, mache eine Vorproduktion mit Bass, Drums und allen Gitarren. Wenn ich genügend Songs zusammen habe, schick ich sie dem Drummer und wir proben sie gemeinsam ein. Auf den letzten zwei Alben habe ich auch Bass gespielt, d.h. wir haben im Studio zuerst die Rhythm-Tracks zusammen aufgenommen und dann hab ich die Gitarren dazu gespielt. Von daher würde ich das mal kreative Diktatur nennen – meine Vorproduktionen klingen schon zu 80% wie das fertige Album. Ralph ändert sicher mal den einen oder anderen Drumpart und da Bass und Drums zusammen eingespielt werden, klingt es lebendiger als meine programmierten Drums, aber ich habe ganz klar das Heft in der Hand und auch die meiste Arbeit…nach dem Aufnehmen mische ich die Platte auch selbst, diesmal mit der Hilfe von Jürgen Lusky (Hofa Studios).

Auf New Songs for the Weird People habt ihr wieder einige Stücke mit Gesang untergebracht, was mir eigentlich sehr gut gefallen hat. Ist das etwas, was ihr in Zukunft stärker ausbauen werdet oder stehen weiterhin die Instrumentalstücke im Fokus?
 

Ich denke die Gewichtung bleibt wie sie ist. The Razorblades sind eine Instrumentalband mit Gesangseinwürfen und das macht live eine Menge Spaß. Eine Platte nur mit Gesangsnummern ist nicht geplant, dafür bin ich dann als Sänger auch nicht variantenreich genug. In Instrumentalsongs kann ich mich wunderbar ausdrücken und werde das auch weiterhin tun.

Das neue Album bietet neben dem klassischen Surfsound einige andere Einflüsse, beispielsweise Punk, Rockabilly oder Pop. Sind das die Sachen die Du auch privat auf den Plattenteller wirfst?  
Ich höre ganz unterschiedliche Musik – Surf, Punk, 70s-Rock, Underground-Kram, Jazz, Blues, Folk und irgendwann kommt dann irgendwas in einem Song raus. Ich versuche mir da keine Beschränkungen mehr aufzuerlegen, wenn ein Song schlüssig klingt, ist mir eigentlich ziemlich egal, woher die Inspiration kommt. Ich gehe da durch Phasen, wo ich bestimmte Sachen höre und die beeinflussen dann eben auch das Songwriting.

Wenn Du auf Konzerte gehst, kannst Du dann den Musiker in Dir abschalten und den Sound voll genießen oder konzentrierst Du Dich auf die technischen Details und achtest mehr auf die Fingerfertigkeit der Musiker?  
Mit 20 hab ich immer nur auf den Gitarristen geschaut, aber mittlerweile hab ich viel mehr Interesse an der Musik im Ganzen und finde dann auch nicht wichtig, ob es virtuos ist oder nicht. Reine Fingerfertigkeit ist oft auch sehr langweilig, denn bei guter Musik geht es um ganz andere Sachen – Struktur, Drama, Sounds, Gefühle. Von daher schau ich mir am liebsten Bands an, die mich eben in der Hinsicht ergreifen, z.B. in den letzten Jahren Black Rebel Motorcycle Club, Dinosaur Jr., Alexander Hacke, PIL, Gemma Ray.

In den letzten Jahren hat die Retro-Welle einige 60er Jahre-Phänomene wieder an die Oberfläche gespült, vom pomadisierten Haar über Petticoats bis hin zum typischen Soulsound dieser Zeit. Hat sich euer Publikum dadurch merklich verändert? Ist die Szene mittlerweile etwas durchlässiger, offener geworden oder stehen immer noch die gleichen Leute wie vor 15 Jahren vor der Bühne?  
Unser Publikum würde ich als alternatives Punkrock-Publikum, im weitesten Sinne sehen…da ist alles dabei vom Surf-Fan über Punks, Skins, Rockabillys, Mods bis hin zu Leuten, die sich keiner Subkultur zugehörig fühlen. Die Retrowellen der letzten Jahre sind meistens eher ein Modeding mit einem Riesen-Hype, wo sich plötzlich sehr viele Leute dran hängen, die eigentlich gar nicht so ein Riesen-Interesse an der Musik haben. Ich glaube, vielen Rockabilly-Weekender-Besuchern geht es mehr um das Event als um die Musik. Offener wird es dadurch eher nicht, da dieses Szene-Ding meist sehr eng ist und sich dann an bestimmten optischen oder musikalischen Details festmacht – und wenn man da ausbricht, passt das oft nicht mehr. Ich fühle mich da mehr dem 80er-Underground verbunden, wo es sehr darum ging individuell und anders als der Rest zu sein, das versuche ich heute noch. Andererseits ist mir ein Rockabilly-, Sixties-Soul- oder Punk-Revival zehnmal lieber als Helene Fischer oder unsäglicher deutscher Soulpop oder der Casting-Show-Müll. Großen Einfluss auf unser Publikum hat das aber trotzdem nicht.

Für Bands, die sich abseits des radiotauglichen Mainstream in musikalischen Nischen bewegen ist es recht schwierig alleine von ihrer Arbeit zu leben. Wie sieht das bei euch aus, habt ihr neben The Razorblades auch noch "normale" Jobs oder wirft die Band genug ab um damit über die Runden zu kommen?  
Ich bin Profi-Musiker seit ich 20 bin und lebe heute von einer Mischung aus dem Geld, das ich mit der Band verdiene – durch Gagen, CD-Verkäufe, Gema-Einnahmen – und anderen Tätigkeiten wie Gitarrenunterricht oder dem Schreiben, zurzeit für Gitarre & Bass. Um zu dritt von einer Band wie The Razorblades zu leben, müsste man 200 Shows im Jahr spielen – das ist kaum möglich und würde wahrscheinlich auch nur bedingt Spaß machen. Unser Drummer Ralph Razorblade ist ebenfalls Profimusiker und Schlagzeuglehrer, während sich der aktuelle Bassist Randy Razorblade in der Woche noch als Sozialarbeiter verdingt.

Du machst nun schon ziemlich lange Musik, ich glaub das erste Mal habe ich Dich mit Zig Zag Wanderer um das Jahr 1990 herum auf einer Bühne stehen sehen. Hast Du Dich bewusst für eine Karriere als Musiker entschieden oder hat sich das im Laufe der Zeit einfach so ergeben? Hast Du die Entscheidung schon einmal bereut, keinen normalen Bürojob zu machen?  
Ich habe mich mit 20 dafür entschieden und es eigentlich nie bereut. Ein normaler Bürojob interessiert mich nicht, mir liegt eher daran mein Leben mit der Sache zu verbringen, die mir wichtig ist und das ist Musik. Klar hat das freiberufliche Dasein auch Nachteile, aber mit denen kann ich besser leben als mit einer Arbeit, die mir keinen Spaß macht. Ich glaub, es gab auch nie eine wirkliche Alternative für mich zum Künstlerdasein und ich bin auch ganz gut darin.

Ihr fahrt praktisch jedes Wochenende quer durch Deutschland und steht auf irgendeiner Bühne. Gibt es außergewöhnliche Konzerterfahrungen, sowohl positive wie auch negative, die Dir im Gedächtnis geblieben sind?  
Mit The Razorblades hab ich schon 600 Konzerte gespielt und vorher waren es bestimmt auch schon ein paar hundert…da fällt es schwer einzelne Ereignisse herauszupicken. Am schönsten sind die Konzerte, bei denen das Publikum von Anfang an dabei ist und wirklich an der Musik interessiert ist – da haben wir jedes Jahr einige davon. Schlimm ist es, wenn das Konzert keinen Sinn macht, sprich es ist kaum Publikum da oder die Leute, die kommen, wollen eigentlich etwas anderes hören. Glücklicherweise halten sich diese Konzerte mittlerweile im Rahmen. Toll sind die Freundschaften, die sich in ganz Europa ergeben haben, die möchte ich nicht missen und davon „handelt“ auch die neue Platte.

Ihr seid ja alle nicht mehr so ganz jung - werdet ihr in fünf oder gar zehn Jahren immer noch in kleinen, obskuren Clubs vor merkwürdigen Leuten Surfmusic spielen?  
So alt sind wir aber auch nicht. Die Frage bekomme ich oft gestellt, finde sie aber auch ein bisschen sinnlos. Was soll man als Musiker anderes machen als seine Musik spielen? Darum geht es…Picasso, Miles Davis, Clint Eastwood und die Rolling Stones haben sich ja auch nicht mit Mitte 40 zur Ruhe gesetzt. Ich will das eigentlich so lange machen, wie ich es möchte und es mir Spaß macht und nebenbei verdiene ich damit ja auch meinen Lebensunterhalt. Von daher würde ich sagen frag mich nochmal in zehn Jahren, dann sehen wir weiter.

Du hast eine, zumindest in Szenekreisen, erfolgreiche, bekannte Band, betreibst Dein eigenes Label, gibst Unterricht und hast zwei Bücher zum Thema Musik veröffentlicht. Gibt es etwas, was Du in Deiner Musikerkarriere unbedingt noch erreichen möchtest?  
Man wünscht sich immer größeren kommerziellen Erfolg, aber ansonsten bin ich eigentlich ganz zufrieden und würde gerne alles weitermachen – neue Platten aufnehmen, Bücher schreiben, auf Tour gehen und mit der Musik leben….that’s it! Die eine Sache, die ich unbedingt noch erledigen muss, habe ich nicht so - es wird sich schon noch etwas Spannendes ergeben. Ich hab auch Ideen für Platten und Projekte neben den Razorblades und die würde ich gerne in den nächsten Jahren realisieren….ab Sommer fange ich damit an.

Martin, vielen Dank für die doch sehr ausführlichen Antworten. Bleibt mir eigentlich nur noch Dir und Deinen Kollegen weiterhin alles Gute, tolle Platten und viele spaßige Konzerte zu wünschen. Ich bin sehr gespannt, Zukunft von Deiner Band zu hören ist und welche weiteren Projekte Du noch anstößt.
Weitere Informationen zur Band, zu den Veröffentlichungen und zum aktuellen Tourplan finden sich unter www.therazorblades.de.

Die Band Gegründet wurden The Razorblades 2002 und legten ein Jahr später ihr Debüt Get Cut By The Razorblades vor. Anfangs noch mit vier Musikern schrumpfte die Band im Laufe der Jahre zum Trio und hat dabei einige Besetzungswechsel durchlaufen. Die einzige Konstante ist dabei Rob Razorblade an der Gitarre geblieben, der von Ralph Razorblade am Schlagzeug und Randy Razorblade am Bass unterstützt wird.

Mittwoch, 11. Mai 2016

[Konzert] The Baboon Show
Support: Kafvka
Dienstag, 10. Mai 2016
Schlachthof, Wiesbaden


Im letzten Jahr überredete mich eine Freundin dazu, mit ihr nach Trier auf ein kleines Festival zu fahren (nochmals ein dickes Danke dafür!), hauptsächlich weil dort auch The Baboon Show spielten. Der Rest des Line-Ups war, zumindest für mich, eher unspannend aber das Quartett aus Stockholm hinterließ bei mir einen sehr nachhaltigen, positiven Eindruck. In den folgenden Monaten stand die Band noch ein oder zwei Mal im Rhein-Main-Gebiet, meinem eigentlichen Einzugsgebiet, auf der Bühne. Allerdings immer nur als Opener für Gruppen, die mich so gar nicht interessierten und zu indiskutablen Preisen. Mit der Veröffentlichung des neuen Albums The World Is Bigger Than You kommt die Band nun jedoch auf Headliner-Tour durch Deutschland und machte dabei auch im Kesselhaus des Wiesbadener Schlachthof Station.

Die Karte war schon lange besorgt, die Vorfreude entsprechend groß und für den nächsten Tag hatte ich mir vorsorglich frei genommen, so dass einem gelungenen Konzertbesuch eigentlich nichts mehr im Wege stand. Entsprechend gut gelaunt verabschiedete ich mich dann auch von meinen Kollegen und wollte eigentlich ganz entspannt hinüber zum Schlachthof laufen um mir dort noch eine kleine Stärkung zu genehmigen. War es die vorangegangenen Tage sehr sonnig und warm gewesen, so schüttete es jetzt aus Kübeln und ein frischer Wind sorgte für erhebliche und unangenehme Abkühlung. Letztendlich siegte, auch angesichts des nächtlichen Rückwegs, dann doch die Bequemlichkeit und ich entschied mich dafür, mit dem Auto zu fahren und in unmittelbarer der Halle zu parken. Ich hatte mich mit einigen Freunden im 60/40, dem Restaurant des Schlachthof für ein "Warm Up" bei Pizza und Äppler verabredet, doch offensichtlich war ich nicht der einzige, der auf diese Idee gekommen war. Da es draußen wetterbedingt keine Sitzmöglichkeit gab, drängte sich alles im Innenraum, der entsprechend voll war. Nach einiger Wartezeit gelang es mir und meinen Begleitern aber tatsächlich einen Stehtisch zu ergattern und dort auf das Öffnen der Türen zu warten.

Kurz nach 20 Uhr mache ich mich auf den Weg ins Kesselhaus, in dem praktisch noch nichts los ist. Entsprechend nutze ich die Gelegenheit um mir das neue Album zu sichern, das noch in meiner Sammlung fehlt. Auch an der Theke herrscht noch weitgehende Leere und schnell wird noch etwas für den Flüssigkeitshaushalt getan. Gegen 21 Uhr dimmt sich schließlich das Licht und aus den Boxen kommt mit "#LadyGagaSeinSohn" das Intro für Kafvka, die an diesem Abend den Einheizer geben. Die vier Herren aus Berlin spielen Crossover, so wie er Ende des letzten Jahrtausends recht beliebt war: harte Gitarrenriffs treffen dabei auf heftige Schlagzeug- und Bass-Passagen über die Frontmann Jonas seine politisch sehr engagierten Lyrics in deutscher Sprache rappt. Das Ganze liegt mir nicht so wirklich und passt auch nicht unbedingt zum Hauptact des Abends.

Stattdessen gehe ich doch lieber vor die Tür, mittlerweile ist es trocken und angenehm, und bewege mich in Richtung der Großen Halle, aus deren Türen "This is not a love song" von PiL dröhnt. Die Punkrock-/Wave-Veteranen um den ehemaligen Sex Pistols-Frontmann John Lydon rocken heute die größere Location und haben schon deutlich früher angefangen; allerdings auch zu einem stolzen Eintrittspreis. Immer mehr Menschen kommen aus dem Kesselhaus und es hat den Anschein, dass viele davon nicht wirklich von der Vorband begeistert sind. Diese macht zwar, zumindest was ich gehört habe, einen recht ordentlichen Job, aber es will einfach nicht so richtig passen. Doch nach einer guten halben Stunde ist das Set zu Ende und gefolgt von einer kurzen Pause geht es zurück in die Halle.

Ungewöhnlich für einen Wochentag und für solch einen späten Konzertbeginn ist das Kesselhaus sehr gut besucht, jedoch nicht ganz ausverkauft. So bleibt vor der Bühne immerhin noch etwas Raum zum Bewegen. Nach einem kurzen Intro aus der Konserve betritt die Band gegen 22 Uhr endlich die Bühne und legt mit "Class War" vom neuen Album los. Das Publikum geht mit, ist aber noch ein kleines bisschen reserviert, was sich allerdings schon beim zweiten Stück "The Shame" in kürzester Zeit erledigt hat. Die ersten Reihen vor der Bühne hüpfen und springen beim Gitarrensolo wild durcheinander und auch der Rest der Halle kann nicht mehr still stehen. Nicht ganz so aggressiv geht es mit "Faster Faster Harder Harder" weiter, zu dem ebenfalls ausgelassen gepogt wird und die Temperatur in der Halle trotz Klimaanlage schnell ansteigt. Zwischendurch weist Sängerin Cecilia Boström noch auf ihren heutigen Geburtstag hin (den 35sten), den sie gedenkt in Wiesbaden ordentlich zu feiern. Ganz folgerichtig bekommt sie nach einem wilden "Me, Myself And I" von einigen Damen in der ersten Reihe auch ein kleines Geburtstags-Bierchen überreicht und die ganze Halle singt artig "Happy Birthday". Nach diesem kurzen, sehr sympathischen Intermezzo rockt die Band schnörkellos mit "I Will Go On" weiter und beim folgenden „Playing With Fire“ darf Gitarrist Håkan Sörle sogar kurz das Mikrofon übernehmen um eine Strophe (in Spanish) beizusteuern. Mittlerweile ist praktisch die ganze Halle am Hüpfen, Springen oder doch zumindest energisch Mitwippen, was die Temperatur weiter hoch treibt. Nachdem Frau Boström nochmals auf ihren Geburtstag hingewiesen hat, mit dem Vorsatz nach dem Konzert alkoholische Getränke zu konsumieren, folgt mit "The History" meine ganz persönlicher Favorit vom Album Damnation.
Den Reaktionen in der Halle kann ich entnehmen, dass ich mit dieser Meinung wohl nicht alleine stehe. Bei "Working All Night And Day" bekommen wir eine fachkundige Anleitung was den Gesang des Refrains angeht, was dann auch in Folge hervorragend funktioniert, und die Feierlaune im Publikum weiter anheizt. Nach einer guten dreiviertel Stunde setzt die Band mit „Tonight“ etwas, dass in Anbetracht des restlichen lauten, schnellen und sehr direkten Sets schon als Ruhepunkt durchgeht. Und während sich Frau Boström auf den Händen der Fans quer durch den Raum zur Theke tragen lässt um dort einige Alkoholika für die Band zu organisieren, muss nochmals der Gitarrist das Mikrofon übernehmen. Nach dieser kleinen Stärkung folgt die Vorstellung der vier Bandmitglieder, wobei jeder die Gelegenheit für ein kleines Solo bekommt. Schließlich endet mit "Punkrock Harbour" vom gleichnamigen Album nach etwas mehr als einer Stunde der erste Teil des Sets.
Nach einem kurzen Augenblick meldet sich die Band jedoch schon wieder auf der Bühne zurück und zieht mit "Queen Of The Dagger" die Geschwindigkeit ein wenig an. Für das folgende "Gareth" wagt sich Drummer Niclas Svensson hinter das Mikrofon um Teile der Vocals zu übernehmen und bringt dabei sogar eine Strophe des Klassikers "War Pigs" unter. Ein letztes Mal muss sich das Publikum bei "Heidi Heidi Ho Ho" anstrengen und aus vollem Hals mitsingen oder besser gröhlen, da die meisten zu diesem Zeitpunkt schon heiser sind. Noch während die Band dabei ist, sich auf der Bühne feiern zu lassen legt der DJ recht merkwürdige Musik auf, wohl in der Hoffnung, die Besucher möglichst schnell aus der Halle zu treiben. Irgendwann ist dann auch The Baboon Show im Backstage-Bereich verschwunden, doch trotz der fortgeschrittenen Stunde leert sich die Halle nur sehr zögerlich. Viele Besucher drängen sich um den kleinen Merchandise-Stand oder warten auf die Musiker um sich Autogramme geben zu lassen, während andere einfach an der Theke stehen um noch eine Kleinigkeit zu trinken.

Ich bin zu diesem Zeitpunkt völlig durchgeschwitzt, habe mehrere blaue Flecken und muss an die frische Luft. Dort stehe ich dann mit einem seeligen, zufriedenen Grinsen im Gesicht vor der Halle und betrachte die Leute um mich herum, denen es ähnlich geht. Kurz überlege ich in die Halle zurück zu gehen um mir die CD signieren zu lassen, aber ich bin zu diesem Zeitpunkt viel zu müde und kaputt, die Füße tun wehen, die Ohren pfeifen und langsam macht sich auch eine gewisse Müdigkeit bemerkbar. Trotzdem bleibe ich auch noch einige Minuten, unterhalte mich mit einigen Bekannten und versuche ein wenig runter zu kommen.
Eigentlich fehlen mir die Worte um den Auftritt von The Baboon Show adäquat zu beschreiben; es war schlicht großartig! Die Band ging direkt, schnörkellos, rockig und mit offensichtlich viel Spaß an der Sache in dieses Konzert und konnte diese Stimmung hervorragend ins Publikum transportieren. Viel von der Wirkung, die die Schweden auf der Bühne entfalten ist sicherlich der unglaublich starken Präsenz ihrer Frontfrau zu verdanken. Sie geht körperlich und stimmlich an ihre Grenzen, steht niemals still, macht sogar Liegestütze auf der Bühne und schafft es nebenbei noch immer mit dem Publikum und ihren Mitmusikern zu interagieren. Aber auch die drei anderen Musiker haben sichtlich Freude daran auf der Bühne zu stehen und den Menschen in der Halle richtig einzuheizen. Zu keinem Zeitpunkt hat man den Eindruck, dass dort oben vier Unterhaltungskünstler stehen, die ihr vertraglich vereinbartes Set seelenlos runterschrammeln; so wie ich es schon auf dem einen oder anderen Konzert gesehen habe. Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: Eine tolle Show ohne viel Schnickschnack, die ich mir jederzeit gerne wieder anschauen würde.

Von der technischen Seite gab es erfreulicherweise ebenfalls nichts zu meckern, die Instrumente waren ordentlich abgemischt, auch wenn die Gitarre eine Kleinigkeit leiser hätte sein können. Selbst die Vocals, häufig ein Problem bei lauten, krachigen Bands, kamen fast immer sauber und klar durch die Boxen. Das Kesselhaus ist für den Tontechniker wohl eine sehr dankenswerte Location. Was ich dagegen nicht verstanden habe war, dass der Stand mit dem Merchandise in der Halle selbst und nicht im Vorraum untergebracht war. Zum einen hat dies den ohnehin schon raren Platz noch knapper gemacht, zum anderen war während des Konzertes eine Verständigung mit dem Menschen hinter dem Stand praktisch unmöglich. Auch ist mir zum wiederholten Male aufgefallen, dass einige Leute der Meinung sind, ihre Rucksäcke mit auf Konzerte schleppen zu müssen. Keine dezenten Täschchen, sondern prall gefüllte Säcke mit denen sie rücksichtslos durch die Menge pflügen und beim Tanzen wild um sich schlagen. Ist wahrscheinlich so ein Generationen-Ding, dass ich in meinem fortgeschrittenem Alter nicht mehr verstehe...