Montag, 6. Februar 2017

 
[Messe] Spielwarenmesse 2017
Donnerstag, 2. Februar 2017
Nürnberg

Alle Jahre wieder versammelt sich auf der Spielwarenmesse in Nürnberg alles, was in der Branche Rang und Namen hat zum großen Schaulaufen. Hier werden nicht nur die kommenden Neuerscheinungen präsentiert, es gibt auch die Gelegenheit sich im besten Licht zu zeigen. Daneben ist die Messe ein guter Zeitpunkt um Geschäfte abzuwickeln, neue Trends zu begutachten, zu sehen, was die Mitbewerber auf dem hart umkämpften Spielemarkt zu bieten haben, oder einige Fachvorträge zu besuchen. Im Gegensatz zur SPIEL in Essen steht dabei allerdings nicht das Spielen selbst im Vordergrund, sondern eher der wirtschaftliche Aspekt, was auch sehr schön am Publikum zu sehen ist. Grade auf dem deutschen Spielemarkt tut sich aktuell einiges - der französische Verlag Iello hat seine Kooperation mit dem Heidelberger Spieleverlag beendet und agiert nun zusammen mit Hutter Trade - Heidelberger hat dagegen mit Asmodee fusioniert, die ihr Firmengeflecht damit um ein weiteres Schwergewicht erweitern. Auch der britische Tabletopgigant Games Workshop scheint wieder etwas aktiver zu werden und drängt verstärkt in den Brettspiel-, aber auch in den Modellbaubereich, was aktuell in einer Zusammenarbeit mit Revell mündet.


Wie in den Jahren zuvor blieb mir auch 2017 wieder nur Zeit für einen eintägigen Abstecher nach Nürnberg, der dann entsprechend straff organisiert sein musste. Nach einigen Mails blieb mir zwischen den Terminen (theoretisch) noch genug Zeit mir auch den Rest der Messe anzuschauen. Fahr- und Eintrittskarte waren ebenfalls schnell beschafft und sogar der nötige Urlaub wurde, trotz grassierenden Grippewelle im Büro, anstandslos genehmigt. Und so machte ich mich dann, müde und verschlafen, früh morgens auf den Weg zum Bahnhof von wo aus mich ein Zug nach Frankfurt und anschließend nach Nürnberg bringen sollte. Tatsächlich war meine Bahn pünktlich und in Frankfurt wartete schon der ICE auf mich. Auch dieser Streckenabschnitt verlief ruhig und ereignislos, da hatte ich schon deutlich schlimmere Erfahrungen gemacht – sogar das W-LAN funktionierte, zumindest die meiste Zeit über. Einzig der Mitreisende gegenüber trübte mit seinem sehr ausdauernden und enthusiastischen Schniefen ein wenig die ansonsten entspannte Reise.


Wie in jedem Jahr führt mich mein erster Gang direkt vom Bahnhof zum Pressezentrum der Messe und dieses Mal bekomme ich sogar noch ein Schließfach – etwas woran ich in den vorherigen Jahren regelmäßig gescheitert bin. Nach einer kurzen Sichtung der ausliegenden Flyer und Presseinformationen mache ich mich auf zur ersten Runde durch die Messehallen. Mein Fokus liegt zwar eindeutig im Bereich der Brett- und Gesellschaftsspiele, aber natürlich lasse ich mir, als passionierter Tabletop-Spieler und Miniaturenmaler, nicht die Gelegenheit entgehen, bei einigen Firmen aus diesem Bereich vorbeizuschauen.


Sehr zentral gelegen und damit eine meiner ersten Anlaufstellen ist wie immer der Stand des spanischen Farbenherstellers Acrylicos Vallejo. Neben einigen neuen Hilfsmitteln zur Geländegestaltung fällt vor allem die neue Airbrush-Farbserie Mecha Color auf, die auf die Bemalung der gleichnamigen japanischen Kampfroboter abzielt. Daneben gibt es eine Vorführung zum Weathering, zum Altern von Modellen, zu sehen und ich kann mich nur mühsam losreißen und meinen Weg zum britischen Tabletop-Hersteller Games Workshop fortsetzen. Gerne hätte ich gewusst, wie es mit den Brett-, Karten- und Rollenspielen weitergeht, nachdem die Zusammenarbeit mit Fantasy Flight Games im letzten Jahr beendet wurde. Auch künftige Neuerscheinungen für die Tabletop-Spiele der Briten wollte ich mir anschauen. Allerdings findet sich am Stand nur eine (sehr kleine) Vitrine mit alten Miniaturen und ein Display in dem einige, ebenfalls schon recht betagte, Boxen präsentiert werden. Meine Fragen werden vom Standpersonal freundlich aber doch recht eindeutig abgewiegelt - sinngemäß in etwa „Leider können wir Dir darüber nichts sagen, wir sind nur zum Verkaufen hier!“. Hier habe ich doch tatsächlich etwas mehr erwartet, wirklich überrascht bin ich, nach der schwachen Vorstellung in Essen, aber auch nicht. Bei einem kurzen Abstecher zum Pinselhersteller Leonhardy lasse ich mir die Adressen einiger regionaler Händler geben, da der Hersteller leider keine Direktkunden beliefert und ich unbedingt einige Pinsel aus der Kappel-Serie haben möchte.
Als ich die Halle 10 erreiche läuft bei Kosmos grade die Vorführung einiger Zaubertricks, und trotz angestrengtem Beobachten kann ich nicht erkennen, wie die Kugeln unter den drei Bechern ausgetauscht werden. Passend dazu präsentiert der Verlag drei neue Sets mit verschiedenen Zaubertricks. Auch einen Barbie-Experimentierkasten gibt es neu im Sortiment, wobei da Farbwahl und Thematik immer noch den gängigen Klischees entsprechen. Die schon obligatorische Neuerscheinung für Catan liefert mit Die Legende der Seeräuber einige zusammenhängende Szenarien, die sich um die Ankunft der Freibeuter auf der einstmals so friedlichen Insel drehen. Sehr schick ist die Präsentation der drei demnächst erscheinenden Spiele aus der EXIT-Serie ausgefallen. Ein Teil des Messestandes ist zu einem plüschigen Salon umgebaut und die Besucher können hier selbst eine kurze Runde spielen. Mit Die verbotene Burg, Die Station im ewigen Eis und Die vergessene Insel wird wieder thematisch ein breites Spektrum abgedeckt. 5 Minute Dungeon ist ein kooperatives Kartenspiel, bei dem die Spieler unter Zeitdruck den Endgegner im Verlies besiegen müssen. Der erste Eindruck ist vielversprechend und die Illustrationen sind witzig – sicherlich ein Spiel, das ich mir genauer anschauen werde, wenn es im Mai auf den Markt kommt. Das Deduktionsspiel Sherlock sieht ebenfalls sehr nett aus, über den Spielmechanismus habe ich aber noch keine weitergehenden Informationen. In diesem Jahr wahrscheinlich unvermeidlich ist Luther – Das Spiel. Hier bereisen die Spieler Deutschland auf den Spuren des Reformators, sammeln Erfahrungspunkte und versuchen das berühmte Portrait Cranachs zu vervollständigen. Daneben gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Neuerscheinungen zu sehen, allerdings reicht meine Zeit leider nur für einen Schnelldurchlauf.
Weiter führt mich mein Weg in die entgegengesetzte Ecke der Halle. Am Stand von Q Workshop informiere ich mich über die neuesten Würfelkreationen des polnischen Herstellers. Vor allem bin ich neugierig auf die angekündigten Cthulhu-Metall-Würfel, die im nächsten Monat über eine Crowdfunding-Kampagne finanziert werden sollen. Die nette Dame am Stand kann mir sogar die Prototypen dieser Würfel zeigen und lässt mich einige Probewürfe machen - leider darf ich aber nicht fotografieren oder gar mitnehmen. Einen Gang weiter, wo sich die letzten Jahre der Stand des Heidelberger Spieleverlag befand stehen nur noch einige Vitrinen mit Neuheiten. Für Fragen und das komplette Verlagsprogramm werde ich in den ersten Stock zum Stand von Asmodee verwiesen.
Doch bevor ich mich auf den Weg dorthin mache gehe ich noch weiter zu Pegasus, die sich wieder im Spiele-Café niedergelassen haben. In Mein Traumhaus können die Spieler ihre wildesten Inneneinrichtungsfantasien ausleben. Optisch sehr hübsch, spricht mich allerdings weder die Thematik noch der Spielablauf sonderlich an – eher ein klassisches Familienspiel. In eine ähnliche Richtung geht Cottage Garden, bei dem die Spieler ihre Gartenparzelle mit ansprechenden Gewächsen ausstatten müssen. Viel spannender finde ich dagegen Axio von Reiner Knizia, hier werden Symbole aneinander gereiht um Punkte zu bekommen. Mit den geometrischen Formen vielleicht kein besonderer Blickfang, aber durchaus anspruchsvoll und spannend. Ansonsten sind schon wieder zahlreiche große und kleine Erweiterungen für die unendliche Munchkin-Serie in Arbeit. So konzentrieren sich die Booster Wilde Welpen, Krasse Kätzchen und Hipster auf einen bestimmten Themenschwerpunkt, während Grimme Mären sich mit der Märchenwelt auseinander setzt. Zum Munchkin-Sammelkartenspiel konnte ich aber leider keine Informationen finden. Dennoch ist es immer wieder erstaunlich, dass es den Autoren gelingt, aus dem Thema so viel heraus zu holen.
Da ich schon wieder hinter meinem Zeitplan hinterherhinke, verzichte auf eine ausführliche Tour durch die Neuheiten und kehre zurück in Halle 10 um mir nun den ersten Stock vorzunehmen.

Bei Iello gibt es mehrere Spiele zu entdecken, die in der Endphase ihrer Produktion sind und im Laufe des Jahres veröffentlicht werden. Neben neuen Erweiterungen zur King of Tokyo-Serie ist für mich vor allem Mountains of Madness interessant. In diesem, auf der Geschichte von H.P. Lovecraft basierendem, kooperativen Brettspiel müssen sich die Spieler unter Zeitdruck einen Weg durch die Antarktis bahnen. Zumindest optisch macht das Spiel schon einen sehr guten Eindruck und auch aus spielerischer Sicht scheint es interessant, wenn auch ein wenig chaotisch, zu werden. Ebenfalls sehr hübsch, aber thematisch für mich nicht ganz so spannend, ist Bunny Kingdom von Richard Garfield, bei dem die Spieler mit ihren Nagern eine Landkarte besiedeln, Dörfer, Städte und Burgen errichten und dem Land seine Bodenschätze entreißen. Das Spiel bietet eine Mischung aus Draftmechanismus, Worker Placement, niedlichen Illustrationen und sehr opulenter Ausstattung und sollte gegen Ende des Jahres erscheinen. Im letzten großen Spiel, Arena: For the Gods, stehen sich bis zu vier Spieler mit ihren mythischen Helden gegenüber und versuchen die Gegner in den Staub der titelgebenden Arena zu schicken. Die Mechaniken sind eher aus dem Tabletop-Bereich bekannt und so dürfte das Spiel ein weiteres Bindeglied zwischen den Genres werden.
Amigo haben, wie gewohnt, eine ganze Palette kleiner, schneller Würfel- und Kartenspiele dabei, die sich in erster Linie an jüngere Spieler richten. Schon obligatorisch ist ein Vertreter der Bohnanza-Serie, diesmal zum 20jährigen Jubiläum; auch das hinterhältige Zwergenspiel Saboteur bekommt mit Das Duell neues Material für einen oder zwei Spieler. Bei den Neuheiten sorgen Lecker Mammut!, Schwarz Rot Gelb Extreme und Deja-Vu für eine gewisse Hektik am Spieltisch. Bei allen drei Spielen geht es im Prinzip darum, zeitgleich mit den anderen Spielern, möglichst schnell Karten in seinen Besitz zu bringen. Vom Grundprinzip ähnlich, spielen sich alle drei Neuerscheinungen recht unterschiedlich und bieten bei der Sammlung von prähistorischen Tieren, abstrakten Formen oder alltägliche Gegenstände kurzweilige Unterhaltung. Die Spiele sind zwar nett anzuschauen, eignen sich auch für eine schnelle Runde zwischendurch, aber mir fehlt dann doch ein wenig der Tiefgang. Andererseits bin ich nicht unbedingt die Zielgruppe für diese drei Spiele und jüngere Spieler dürften daran sicherlich Spaß haben.
Nebenan bei Schmidt Spiele liegt der Fokus ebenfalls auf dem Spielernachwuchs. Vor allem das unkomplizierte Würfelspiel Raffzahn dürfte Freunde finden, die sich um die Zähne/Punkte streiten. Auch Mistkäfer! ist ein eher lockeres Würfelspiel dass sich an spielebegeisterte Familien richtet. Etwas mehr Anspruch bringt Valletta auf den Tisch, bei dem die Spieler Rohstoffe sammeln müssen um mit diesen eine prächtige Stadt zu errichten. Das Spiel sieht sehr hübsch aus und auch die Umsetzung der Thematik scheint gut gelungen zu sein. Für Zocker die Aufbauspiele mögen ist es sicherlich einen Blick wert. Ganz besonders freue ich mich auf ein anderes Städtebauspiel - Citadels. Ursprünglich unter dem Namen Ohne Furcht und Adel veröffentlicht, wurde das Spiel überarbeitet und mit neuen Illustrationen ausgestattet. Auch die beiden Erweiterungen, eine davon nie in Deutschland erschienen, haben den Weg in die Box gefunden. Für mich schon beinahe ein Pflichtkauf!
War Asmodee vor gut zehn Jahren nur eingefleischten Spiele-Fanatikern ein Begriff, so kommt mittlerweile niemand mehr an dem französischen Verlag vorbei. Unter seinem Dach tummeln sich eine ganze Legion von Herstellern - das jüngste Mitglied in diesem Konglomerat ist der Heidelberger Spieleverlag, mit dem Anfang des Jahres fusioniert wurde. Entsprechend wächst auch die Standfläche von Jahr zu Jahr - allerdings ist die Aufteilung am Hauptstand diesmal etwas unglücklich. Die Neuheiten werden in einem langen, schmalen Schlauch präsentiert, in dem es regelmäßig zu Staus, Engpässen und kleineren Unfällen kommt. Dennoch drücke ich mich (mehrfach) durch den Gang um einen Blick auf die Spiele zu werfen. Besonders gespannt bin ich auf Arkham Horror – Das Kartenspiel, bei dem jeder Spieler ein Kartendeck zusammenstellt und sie gemeinsam versuchen die Großen Alten zu bekämpfen. Inhaltlich zwar nichts Neues in dieser Spielserie, aber spielerisch unterscheidet sich das Kartenspiel doch merklich von den anderen Teilen. Andere Ableger aus diesem Spieleuniversum sind ebenso ausgestellt, so die zweite Edition von Villen des Wahnsinns die sinnvoll Brettspiel und App verknüpft oder die neuen Erweiterungen zu Eldritch Horror und Das Ältere Zeichen. Auch zahlreiche, verschwenderisch ausgestattete, Brettspiele sind hier zu bewundern. Einige davon wurden im letzten Jahr über Crowdfunding-Kampagnen finanziert und werden nun für den regulären Markt veröffentlicht. So beispielsweise das apokalyptische The Others, bei dem sich eine kleine Gruppe von Helden gegen eine ganze Flut von Dämonen und korrumpierten Menschen stellen muss. Ein sehr dynamischer Spielablauf, sehr ansehnliche Figuren, ein höllischer Schwierigkeitsgrad und das Potential für unzählige Erweiterungen dürften dem Spiel viele Fans einbringen. Auch Zombicide mit seinen Seasons und dem Ableger Black Plague nimmt erstaunlich viel Raum ein – allerdings dürfte das Thema mittlerweile ziemlich durch sein. Mit Figuren in niedlicher Chibi-Optik präsentiert sich Arcadia Quest, bei dem ebenfalls schon einige Erweiterungen erschienen sind. Hier stellen die Spieler kleine Trupps aus Helden zusammen, bekämpfen die vom Spiel gesteuerten Monster und natürlich auch die Mitspieler. Über mehrere ineinander übergehende Szenarien sammeln die Spieler so Gold, Erfahrung und Gegenstände um ihre Helden kontinuierlich aufzuwerten. Das letzte „große“ Spiel, das ich mir anschaue ist Fireteam Zero, bei dem eine kleine Eliteeinheit Soldaten den okkulten Machenschaften der Nazis im Zweiten Weltkrieg Einhalt gebieten soll. Optisch und von der Ausstattung recht eindrucksvoll, thematisch nicht unbedingt originell bietet das Spiel für den Genrefreund dennoch eine willkommene Abwechslung.
Daneben hat der Verlag noch Dutzende Spiele aufgebaut, doch der Messetag neigt sich langsam dem Ende entgegen und ich habe praktisch nur vier der zwölf Hallen gesehen. 
Auch bei Verlagen wie Hutter Trade, Queen Games oder Abacusspiele reichte meine Zeit leider nur für ein kurzes Sichten der ausgestellten Neuheiten und einige kurze Notizen.


Einen Abstecher in die Halle 12 kann ich mir dennoch nicht verkneifen, haben sich doch hier Branchengrößen wie Lego, Revell oder Hasbro niedergelassen. Bei Lego liegt der Fokus natürlich auf den beiden Kinofilmen die in diesem Jahr anlaufen. Neben Batman- und Ninjago-Figuren erscheinen zudem noch zahlreiche andere Sets, so beispielsweise das Yellow Submarine der Beatles, Produkte aus dem Star Wars-Universum oder Gebäude aus der City-Serie. Entsprechend herrscht hier dichtes Gedränge und ich beschränke mich auf einen kurzen Blick in die Vitrinen. Eine etwas schräge Kombination liefert Hasbro mit den Geschützen aus der Nerf Nitro-Serie. Diese Kanonen nutzen nicht mehr die bekannten Pfeile, sondern feuern kleine, weiche Autos ab, die durch einen Parcours mit Hindernissen und Sprungschanzen fliegen. Ebenfalls sehr skurril ist Pipi Party, bei dem die Spieler vermeiden müssen, vom Wasserstrahl aus der kleinen Toilette getroffen zu werden. 
Schließlich setze ich meinen Weg zum Modellbauer Revell fort und bekomme dort tatsächlich etwas Neues zum Thema Warhammer 40.000 zu sehen. Die Kooperation mit dem Tabletophersteller Games Workshop trägt erste Früchte – Ork- und Space Marine-Bausätze zu günstigen Preisen werden zusammen mit Farben und Pinsel für den Einstieg ins Tabletop-Hobby angeboten. Ansonsten wächst das Sortiment der Star Wars-Raumschiffe beständig an, auch allerlei Fahrbares, von der winzigen Drohne bis zum massiven Tieflader ist zu sehen. Auf extra eingerichteten Probestrecken können die Besucher erste Fingerübungen mit der Fernsteuerung machen.
Für den Rückweg muss ich mich mittlerweile sputen, aber ich will die Messe nicht verlassen, ohne wenigstens kurz bei den Modelleisenbahnen vorbei zu schauen. Für ein Miniaturenprojekt benötige ich Material für einen Wasserfall und werde sowohl bei NOCH als auch bei Woodland Scenics fündig. Das freundliche Standpersonal bei letztgenanntem Aussteller gibt mir sogar eine kurze Anleitung um einen realistischen Wasserfall in kleinem Maßstab zu bauen
Die Messehalle hat sich merklich geleert als ich meine Sachen im Pressezentrum zusammensuche und mich Weg zum Pressetreffen zu machen. Dieser letzte Programmpunkt des Tages ist für mich eines der heimlichen Highlights der Messe. Hier hat man die Gelegenheit an leckeren Cocktails zu nippen, sich mit den Kollegen auszutauschen und schließlich noch eine Kleinigkeit zu essen.


Der Weg zum Bahnhof führt mich dann durch praktisch leere Hallen, nur an einigen wenigen Ständen wird mehr oder minder wild gefeiert. Ich nutze die relative Ruhe um noch einige letzte Eindrücke der diesjährigen Spielwarenmesse in mich aufzunehmen, bevor es auf die Heimfahrt geht.


Wie schon die Hinfahrt so verläuft auch die Heimreise schon beinahe erschreckend pünktlich und ohne größere Zwischenfälle. Auf die volltrunkene Dame, die sich zwei Reihen hinter mir unter ihren Sitz übergibt, hätte ich zwar ebenso verzichten können, wie auf die fünf lautstarken Jugendlichen, die mich an einem kurzen Schläfchen hindern.




Die Merchandise-Spirale dreht sich auch in diesem Jahr wieder kräftig. Die Vorreiterrolle übernimmt in dieser Hinsicht, wenig überraschend, die Star Wars-Serie. Praktisch kein Produkt, auf das nicht der markante Schriftzug oder das Konterfei eines Charakters aufgedruckt ist. Andere Filme aus dem Disney-Imperium stehen diesem allerdings kaum nach und aus jedem noch so obskuren Film wird ein Maximum an Lizenzgebühren herausgeholt. Die großen Comicverlage Marvel und DC nutzen diese Gelddruckmaschine ebenfalls um den Fans auch den letzten Cent aus der Tasche zu ziehen. Dabei empfinde ich manche Sachen zwar als nervig, aber durchaus nachvollziehbar, beispielsweise Action- oder Sammel-Figuren zu den Charakteren. In den letzten Jahren treibt diese Industrie aber vermehrt seltsame Blüten, wie den Fellhocker im Chewbacca-Design, den Strickpullunder für Iron Man oder einen aufblasbaren Deadpool, der eher Ähnlichkeit mit einer Sex-Puppe hat. Zahlreiche Fachvorträge zur Lizenzverwertung gehören folgerichtig zum normalen Messeprogramm und viele der ausliegenden Fachzeitschriften beschäftigen sich mit diesem Thema.


Vor allem interessant war für mich der plötzliche Umschwung, was die Schwerpunkte angeht: Waren letztes und vorletztes Jahr Zombies in allen möglichen Varianten unglaublich dominant vertreten, so gab es diesmal mit Zomlings nur einen Hersteller, der auf die Untoten gesetzt hatte. Stattdessen galoppierten an gefühlt jedem zweiten Stand Einhörner in den unterschiedlichsten Varianten durch die Deko. Ganz gleich ob als Kunststoff-Variante von Schleich, als korpulente Plüsch-Figur von Nici oder als Spielmais-Skulptur bei fischer. Natürlich beschwere ich mich nicht wirklich darüber, konnte ich doch zum Schluss keine Zombies mehr sehen, aber nach einem Tag Messe hat sich ein schreiendes Pink in meine Netzhaut gebrannt. Sogar vor meinem geliebten King of Tokyo machen die gehörnten Pferde nicht halt.
Von diesen kleinen Dämpfern abgesehen war die diesjährige Spielwarenmesse für mich eine durchaus gelungene Veranstaltung. Ich hatte die Gelegenheit eine ganze Menge Neuerscheinungen zu begutachten, mich teilweise sogar intensiver mit ihnen auseinander zu setzen. Zeit für das eine oder andere Schwätzchen blieb auch noch und schließlich konnte ich sogar einige wertvolle Mal- und Modellbautipps mit nach Hause nehmen. Nur ein Tag war (wie eigentlich jedes Jahr) deutlich zu wenig um sich auch nur einen groben Überblick über die ganzen Neuheiten zu verschaffen - manche Hallen durchquerte ich erst nach dem eigentlichen Messeschluss auf dem Heimweg zum ersten Mal. Vielleicht schaffe ich es ja doch irgendwann einmal zwei oder gar drei Tage in Nürnberg zu verbringen, allerdings müsste ich dafür jetzt schon Zimmer buchen, wie mir ein Bekannter sagte.


Die Organisatoren haben, soweit ich das beurteilen kann, in diesem Jahr wieder hervorragende Arbeit geleistet. Alle Abläufe gingen reibungslos vonstatten, weder gab es Gedränge an den Eingängen noch lange Warteschlangen vor den U-Bahn-Stationen; Hallenpläne, Ausstellerverzeichnisse und Neuheitenlisten waren nicht nur auf der Homepage vorhanden, sie lagen auch in den Messehallen selbst aus. Wer den rein elektronischen Weg bevorzugt, konnte mit der dazugehörigen App zusätzlich noch seine Termine koordinieren und entsprechende Anmerkungen eintragen.
Laut der Messe selbst wurde die guten Zahlen von Vorjahr nochmals übertroffen: gut 73.000 Besucher und beinahe 2.900 Aussteller haben die sechs Tage genutzt sich und ihre Produkte dem interessierten Fachpublikum zu präsentieren.

Sonntag, 29. Januar 2017

[Live-Hörspiel] The Call of Cthulhu
Freitag, 27. Januar 2017
Alfons-Jung-Saal, Wiesbaden


Vor einigen Wochen landete ein kleiner Flyer in meinem digitalen Postfach, auf dem sehr prominent der Titel The Call of Cthulhu prangte. Neugierig wie ich bin, folgte ich dem Link und fand heraus, dass es sich dabei um Werbung für ein Live-Hörspiel handelte. Stattfinden sollte das Ganze im Alfons-Jung-Saal, der Wiesbadener St. Bonifazius-Gemeinde zugehörig.

Obwohl ich mich relativ viel mit der Kulturlandschaft der hessischen Landeshauptstadt befasse, hatte ich bisher weder von diesem Saal, noch von der Existenz des Veranstalters, dem Kryptonite Radio Theater, etwas gehört. Bei dieser Gruppe handelt es sich, wie eine kurze Recherche ergab, um zumeist US-amerikanischen Schauspieler, die schon seit 2010 immer wieder Hörspiele auf die Bühne bringen. Ihr Repertoire umfasst dabei so unterschiedliche Stücke wie den Klassiker Casablanca, das Fantasy-Epos Dungeons & Demons oder King Kong.

Die Veranstaltung ist praktisch ausverkauft und ich bin froh, dass ich so früh vor Ort bin. Ein Platz in der zweiten Reihe erlaubt mir einen ungehinderten Blick auf die Bühne und ich kann mir mit ein wenig unauffälligem Geschiebe noch etwas mehr Beinfreiheit erarbeiten. Schnell besorge ich mir noch ein Getränk an der Bar, während sich der Saal immer weiter füllt. Ein kurzer Blick in die Runde zeigt ein ungewöhnlich gut durchmischtes Publikum – ich hatte dagegen mit deutlich mehr schwarz Gekleideten gerechnet.

Mit kurzer Verspätung stattet der frisch gewählte US-Präsident Donald Trump (Christopher Buhr) dem Saal einen kurzen Besuch ab, freut sich über die zahlreichen Besucher, die nur seinetwegen hier sind und äußert sich abfällig über das völlig überbewertete Kryptonite Radio Theater. Als musikalische Einleitung erzählt Diana Schupp noch über ihre kurze, tragische (aber durchaus komische) Liebesgeschichte mit einem Spanier, bevor es dann wirklich losgeht.

Die Rahmenhandlung beginnt in Boston mit den beiden Polizisten, Detective Jack Mallory (David Mark) und Sergeant Nick Hale (Andrew Graham), die zu einem Tatort gerufen werden. Bei dem bedauernswerten Mordopfer handelt es sich um Francis Weyland Thurston, den Erzähler aus H.P. Lovecrafts Call of Cthulhu. Während Hale den Fall als eher alltägliches Verbrechen ansieht, vertieft sich Mallory immer weiter in die gefundenen Unterlagen und erfährt auf diesem Weg von den Forschungen die Thurstons Onkel, der kürzlich verstorbene Anthropologe Professor George Gammel Angell, angestellt hat.
Zu diesem Zeitpunkt tritt die Rahmenhandlung mit den beiden Polizisten weit in den Hintergrund und die eigentliche Geschichte startet mit dem ersten Teil "The Horror in Clay". Dabei übernimmt Laura Helmke-Long die Rolle der Erzählerin, während der Rest des Ensembles in wechselnde Rollen schlüpft.
Eben jener Professor Angell bekommt im Jahr 1925 Besuch von dem jungen Bildhauer Henry Wilcox, der in einem Traum die Skulptur eines monströsen Wesens geschaffen hat, das er Cthulhu nennt. Der Wissenschaftler hat schon früher von einem Kult gehört, der sich um diese Kreatur gebildet hat. Die Träume des Künstlers intensivieren sich und der Professor protokolliert die Inhalte akribisch. Daneben sammelt er Zeitungsberichte und befragt Freunde und Bekannte und erkennt, dass auch andere Menschen auf der ganzen Welt ähnliche Träume haben.

Der zweite Abschnitt der Geschichte, "The Tale of Inspector Legrasse", macht einen Sprung zurück ins Jahr 1908. Hier erfährt Professor Angell zum ersten Mal vom Kult des Cthulhu durch Inspector Legrasse (Michael Lee). Dieser erzählt von mörderischen Ritualen in den Sümpfen von New Orleans und zeigt den versammelten Wissenschaftlern eine merkwürdige Statue. Diese Mischung aus Drache, Tintenfisch und Mensch ähnelt sehr der Skulptur des Bildhauers und stellt die Gelehrten vor ein Rätsel. Einzig Professor Webb, eine Autorität auf dem Gebiet der Anthropologie, hat eine ähnliche Abbildung vor 50 Jahren auf Grönland bei einem degenerierten Eskimo-Stamm schon einmal gesehen. Polizist und Wissenschaftler vergleichen ihre Erkenntnisse und kommen zu dem Schluss, dass es sich um einen weltweiten Kult handelt, der den Großen Alten Cthulhu anbetet.

Daran schließt sich ein weiterer Werbeblock an, gefolgt von einer kurzen Pause. Wie schon am Anfang gibt es einen Kommentar des Präsidenten und eine Episode aus dem Leben von Diana Schupp. Diesmal singt sie den Zuhörern aus ihren bewegten Karriere auf den Bühnen der Welt vor.

Die eigentliche Geschichte wird mit dem dritten und letzten Kapitel "The Madness from the Sea" abgeschlossen. Nach dem Tod seines Onkels geht Francis Thurston weiter den Berichten über den Kult nach und reist dabei nach Neuseeland und Australien. Dort soll der Seemann Johansen (Mike Riepl) leben, der auf seinen Reisen ein merkwürdiges Erlebnis hatte. Thurston folgt Johansens Spur nach Oslo, muss aber feststellen, dass der Mann mittlerweile unter merkwürdigen Umständen verstorben ist. Jedoch hinterließ er seiner Witwe (Anna Gardner) ein Tagebuch, mit den Ereignissen seiner letzten Reise.
Auf dem Weg nach Kalau wurde sein Schiff von degenerierten Kultisten angegriffen, jedoch konnten sie diese besiegen. An Bord des feindlichen Schiffes fand Johansen eine Statue, die eine frappierende Ähnlichkeit mit den Abbildungen aus Grönland und New Orleans hatte. Auf der Weiterreise landete das Schiff, die Alert, auf einer Insel, die offensichtlich durch ein Erdbeben an die Oberfläche gehoben wurde. Die überlebenden Seeleute erkundeten die Bauwerke auf der Insel und es gelang ihnen die Tür zu einem der Gebäude zu öffnen. Aus dieser Gruft kroch schließlich jene gewaltige Kreatur, die als Vorbild für die Statuen diente. Nur Johansen und einem weiteren Matrosen gelang die Flucht von der Insel, die anderen starben vor Schreck, wurden von dem Großen Alten getötet oder von den abstrakten Winkeln der Gebäude verschlungen. Der Eintrag endet mit der Beschreibung, dass Johansen sein Boot direkt in das Monster hinein steuert und es damit zerstört. Während sich Cthulhu wieder zusammensetzt gelingt den beiden Seeleuten die Flucht, doch sie verlieren über den Schrecken den Verstand. Während der Matrose Briden stirbt, überlebt Johansen und kehrt, getrieben von schrecklichen Alpträumen, in seine Heimat zurück. Doch schon nach kurzer Zeit kommt er bei einem Unfall ums Leben und alles was Thurston bleibt, sind die Einträge in dem Tagebuch.

Damit endet die ursprüngliche Geschichte Lovecrafts und die Rahmenhandlung mit den beiden Bostoner Polizisten tritt wieder in den Vordergrund. Während Mallory sich ganz in die Aufzeichungen des Verstorbenen vertieft hat, gelingt es Hale tatsächlich einen Verdächtigen im Hafen zu lokalisieren und die Gesetzeshüter machen sich auf den Weg, um den Kultisten zu verhaften...


Diese Vorstellung des Kryptonite Radio Theater basiert auf der Adaption der H.P. Lovecraft Historical Society, die schon mehrere Geschichten des Autors im Stil alter Radio-Hörspiele aufbereitet haben.
Die sechs Schauspieler schlüpfen in die unterschiedlichsten Rollen - in einem Moment ein tapferer Polizeibeamter, wenige Sekunden später ein degenierter Kultist, eine Krankenschwester, ein Gelehrter, ein Seemann oder ein Hillbilly. Aussprache und Akzente wechseln dabei ebenso schnell wie Kopfbedeckungen und Accessoires, die den Rollenwechsel weiter verdeutlichen. Auch Mimik und Körpersprache wechseln beständig und demonstrieren eindrucksvoll die Vielseitigkeit der Beteiligten. Während meist nur zwei oder drei Charaktere direkt eingebunden sind, gibt es mehrere Szenen, in denen das komplette Ensemble gefordert ist, beispielsweise bei der Erkundung der mysteriösen Insel oder beim Kampf gegen die degenerierten Kultisten in den Sümpfen.

Die dezente, aber sehr effektive, musikalische Untermalung kommt aus der Konverse, die Soundeffekte werden dagegen live von Anna Gardner erzeugt. Mit ihren Utensilien nimmt sie den kompletten rechten Bühnenrand ein und plantscht fast zwei Stunden lang in Wasser, raschelt mit Bändern, stößt Messer in Salatköpfe, schlägt Türen zu oder klopft auf unterschiedlichste Oberflächen.

Unterbrochen wird die Geschichte auch immer wieder durch kleine (und sehr lustige) Werbejingles, beispielsweise für die neue, noch schleimigere Frühstücks-Cerealie "Cthuloops" oder Schinken-Aroma aus der Sprühdose - zur Abwehr von Veganern und Vegetariern. Auch die Gesangseinlagen von Diana Schupp, wenn auch ohne cthuloiden Bezug, sind sehr gelungen und lockern das eigentlich finstere Stück auf.

Bisher hatte ich keine Vorstellung, wie ein Live-Hörspiel funktioniert. The Call of Cthulhu hat sich als wirklich großartige Mischung aus Theater und szenischer Lesung erwiesen, die sehr gut zu unterhalten weiß. Einerseits wurde die Horror-Geschichte stimmig und sehr atmosphärisch umgesetzt, andererseits nahmen sich die Beteiligten nicht zu ernst und sorgten zwischendurch immer wieder für Lacher. Dabei agierten die Schauspieler mit sichtlich Spaß an der Sache und bescherten so den Zuschauern einen wirklich gelungenen, unterhaltsamen Abend mit einer ungewöhnlichen Veranstaltung. Es wird sicherlich nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich dem Kryptonite Radio Theater einen Besuch abgestattet habe.




 

Montag, 12. Dezember 2016

[Konzert] VNV Nation
Donnerstag, 8. Dezember 2016
Das Rind, Rüsselsheim
 

Ende der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts stolperte ich zum ersten Mal über die Musik des (ursprünglich) britischen Elektronik-Duos VNV Nation. "Honour" vom zweiten Album Praise the Fallen rotierte grade in den einschlägigen Clubs - die Mischung aus trocken, harten Beats, epischen Klangteppichen und eingängigen Melodien traf nicht nur bei mir einen Nerv. Schon nach kurzer Zeit entwickelte sich daraus mit Futurepop sogar ein eigenes Genre und die beiden Musiker wurden mit dem folgenden Album Empires auch außerhalb der Szene bekannt. Für die Band folgte eine beeindruckende Erfolgsgeschichte mit zahlreichen Alben, Chartplatzierungen und ausgedehnten Touren sowie Festivalauftritten, beispielsweise im letzten Jahr als Headliner des Amphi Festivals vor geschätzten 20.000 Besuchern.

Daher war es für mich ausgesprochen überraschend, dass die Band auf eine kleine Clubtour gehen würde, die unter dem Titel Automatic Empires lief. Direkt nachdem die sieben Termine bestätigt wurden, hatte ich das Glück noch Karten für das Konzert im Rüsselsheimer Das Rind zu bekommen, das nach gefühlt fünf Minuten ausverkauft war. Für diejenigen, die nicht so viel Erfolg hatten, gab es dann allerdings noch einen Zusatztermin...

Nachdem ich in den Wochen davor mit einem Hörsturz und einer Grippe zu kämpfen hatte, war ich Anfang Dezember dann doch wieder soweit hergestellt, dass ich es verantworten konnte auf das Konzert zu gehen. Die Zeit bis zum Öffnen der Tür verbrachte ich mit einem kleinen Bummel durch die Rüsselsheimer Innenstadt, die allerdings außer zahlreichen Baustellen für den Hessentag im kommenden Jahr nur wenige Sehenswürdigkeiten zu bieten hat. Nachdem ich mich noch mit einem Döner gestärkt hatte, machte ich mich auf den Weg ans Mainufer um mich in der Kneipe des Rind noch ein wenig aufzuwärmen.

Vor der Tür steht ein breit grinsender Ronan Harris, Sänger und Frontmann der Band, in Anzug und Mantel, nuckelt genüsslich an einer Zigarre und begrüßt mich mit einem freundlichen "Guten Abend!". Das ist mal ein Service für die Konzertbesucher!
Im Innern der Kneipe sind die Plätze rar, daher suche ich mir ein Fleckchen an der Theke und trinke noch eine Kleinigkeit, während ich den Gesprächen an den Nachbartischen lausche. Anscheinend waren einige der Besucher schon gestern beim Zusatztermin vor Ort und so bekomme ich schon einen groben Eindruck, von dem was mich gleich erwartet.
Kurz nach 19 Uhr öffnen sich dann auch die Türen zum kleinen Konzertsaal und die (noch gar nicht so zahlreichen) Besucher schlendern gelassen hinein. Da ich relativ weit vorne in der Schlange stehe, sichere ich mir im Innern einen Platz beinahe direkt an der Bühne, und traue mich auch nicht mehr diesen in den kommenden Stunden zu verlassen. Nach und nach trudelt immer mehr Publikum ein und nach einer guten halben Stunde ist Das Rind mit geschätzten 350 Besuchern auch ziemlich voll.

Die restliche Wartezeit vergeht erstaunlich schnell und während schließlich das Intro zu "Arclight" vom Band läuft, kommt langsam Bewegung auf die Bühne. Mark Jackson platziert sich hinter seinem Schlagzeug, gefolgt von zwei Keyboardern (deren Namen mir leider entfallen sind) und schließlich kommt auch Mr. Harris auf die Bühne. Die eher ruhige und von vielen Instrumentalparts getragene Nummer lässt dem Publikum Zeit sich ein wenig zu akklimatisieren und einzugrooven. Nach einer freundlichen Begrüßung, während der der Sänger zwischen Deutsch und Englisch wechselt, geht es deutlich treibender mit "Kingdom", ebenfalls vom 1999er Album Empires weiter. Ich riskiere einen kurzen Blick hinter mich und bis auf einige wenige Ausnahmen an der Bar wippt der komplette Saal im Takt mit. Danach folgt wieder ein wenig Smalltalk, die eigentliche Erklärung zum Konzept der Clubkonzerte (small, intimate) und einige Worte zu den beiden Alben Empires und Automatic, sowie der freundliche Hinweis "...to turn the fucking flash off...", nachdem der Sänger mehrfach aus unmittelbarer Nähe geblitzt wurde. Mit "Space & Time" gibt es eine schon fast poppige, eingängige Nummer, bei der lauthals mitgesungen und -geklatscht wird. Das Publikum erweist sich allerdings nicht bei allen Stücken als so textsicher, was auch den einen oder anderen Kommentar nach sich zieht. In die gleiche Kerbe schlägt "Darkangel", bei dem ebenfalls der ganze Saal feiert. Der Beat ist hier treibender und dominanter, die Melodien nicht ganz so ausgefeilt, aber dafür extrem tanzbar. Wirklich Bewegungsfreiheit gibt es zwar, vor allem im Bereich direkt vor der Bühne, nicht mehr, aber ich kann mich mit meinen Nebenleuten arrangieren, so dass zu keinen größeren Unfällen kommt.

"Fragments" präsentiert sich dagegen fast ausschließlich mit harten, trockenen EBM-Beats und einigen kurzen Samples, was von einem Teil des Publikum frenetisch gefeiert wird, während der andere, kleinere Teil mit dieser Art der Musik augenscheinlich wenig anfangen kann. Mit einem deutlich verringerten Tempo geht es mit "Further" von der Burning Empires-EP weiter. Die reinrassige Synthiepop-Nummer liefert den Zuschauern eine dringend benötigte Gelegenheit zur Erholung. Mr. Harris nutzt die Gelegenheit ebenfalls, um für einige kurze Minuten ruhig hinter dem Mikrofon zu stehen, anstatt die Bühne unentwegt auf und ab zu marschieren. "Legion", "Streamline" und "Gratitude" liefern die schon bewährte Mischung aus tanzbarem Rhythmus, gefälliger Melodie und einem eingängigem Text. Die Band hängt sich richtig rein, auch die Keyboarder an den Rändern der Bühne geben alles und auch die Zuschauer tanzen, singen und klatschen wild und ausgelassen.
Nach gut einer Stunde markiert "Distant" den emotionalen Ruhepunkt des Konzertes. Orchestrale Klangteppiche untermalen die melancholischen Vocals, während das Schlagzeug zum ersten Mal an diesem Abend komplett schweigt. Lediglich die Blitze und Sucherleuchten einiger Kameras stören die ansonsten großartigen Atmosphäre dieses Stückes. Nahtlos reihen sich "Rubicon" und, das seinerzeit als Single ausgekoppelte, "Standing" an. Zwei meiner persönlichen Lieblinge, die wieder Bewegung in den Saal bringen - der explizite Aufruf zum Tanzen ist dabei eigentlich gar nicht mehr nötig. Leichte technische Probleme gibt es zum ersten (und glücklicherweise einzigen Mal an diesem Abend) bei "Saviour": während die Musik immer lauter wird verschwinden die Vocals fast vollständig hinter den harten, treibenden Beats. Erst gegen Ende des Stückes wird es merklich besser, und der Klang wird wieder ausgewogener, um schließlich beim eigentlichen Höhepunkt des Konzertes wieder in gewohnt guter Qualität aus den Boxen zu dringen. Das Schlagwerk nimmt bei "Control" eine herausragende Rolle ein und prügelt Band und Zuschauer rücksichtslos nach vorne, lediglich unterbrochen von einigen kurzen Keyboardpassagen. Mittlerweile bewegen sich sogar die Leute an der Bar, und wirklich der ganze Saal tanzt ausgelassen und singt (oder eher, schreit) mit. Nach diesen gut sechs Minuten bin ich komplett durchgeschwitzt und merke, dass sich meine Stimme langsam verabschiedet. Da kommt es gelegen, dass sich VNV Nation für eine kurze Pause in den Backstagebereich zurückziehen.

Der zweite Teil des Konzertes beginnt mit "Nova" deutlich ruhiger und konzentriert sich wieder auf gefällige Melodien und eingängige Soundstrukturen. Dies liefert eine beinahe optimale Basis für die Vocals, die ebenfalls lautstark mitgesungen werden (zumindest von den Besuchern, die noch Stimme haben). Gegen Ende werden schließlich die Lichter der Halle komplett herunter gedimmt und die Handy-Taschenlampen im Saal sorgen für beinahe taghelle Beleuchtung. Mit der Club-Version von "Standing" vollzieht die Band einen erneuten Tempowechsel und liefert wieder einen Grund zum hemmungslosen Feiern. Länger, tanzbarer und etwas härter als die ursprüngliche Version wird das Stück gebührend bejubelt – leitet aber auch wieder eine kurze Pause ein, in der Musiker und Publikum kurz durchschnaufen können, bevor es zum Finale geht. Nach einem kleinen Plausch und der erneuten, nachdrücklichen Ermahnung den Blitz an der Kamera abzuschalten folgt "Radio", eine weitere durchaus mainstreamtaugliche, poppige Nummer. Den Abschluss bildet "Resolution", vom 2011er Album Automatic, das alle für die Band typischen Elemente verbindet und einen gelungenen Schlusspunkt unter dieses großartige Konzert setzt. Die vier Musiker lassen sich bejubeln und verabschieden sich artig von der Bühne - mit dem Versprechen in 20 Minuten am Merchandise-Stand wieder aufzutauchen. Leider habe ich am nächsten Tag keinen Urlaub und der Heimweg zieht sich erfahrungsgemäß ziemlich in die Länge. Daher mache ich mich, taub, blind, heiser und mit schmerzenden Füßen langsam auf den Heimweg.

Ich habe, glaube ich zumindest, schon lange keine Band mehr gesehen, die so offensichtlichen Spaß bei ihrer Arbeit hatte. Obwohl VNV Nation am Vorabend praktisch das gleiche Set in der gleichen Location (und sogar teilweise vor den gleichen Leuten) gespielt haben, grinste der Sänger praktisch die gesamte Zeit glücklich vor sich hin. Aber auch über das Gesicht des sonst so stoischen Mark Jackson hinter dem Schlagzeug huschte öfters ein seliges Lächeln. Die Interaktion mit dem Publikum war Ronan Harris augenscheinlich extrem wichtig - er lief permanent die Bühne auf und ab, sprach beinahe jeden in der ersten, zweiten und gar dritten Reihe irgendwann im Laufe des Konzertes persönlich an und schüttelte die hingestreckten Hände. Von den vielen Sängerinnen und Sängern, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, können es tatsächlich nur sehr wenige mit dieser Bühnenpräsenz und dem Charisma aufnehmen. Für mich das eindeutig beste Konzert des Jahres, auch wenn die Konkurrenz in dieser Hinsicht recht stark war.
Die Setlist umfasste bis auf einen Titel das komplette Album Empires und noch einige mehr aus der dazugehörigen EP Burning Empires, während von Automatic, wenn ich richtig mitgezählt habe, drei Stücke fehlten. Diese Werkschau ist ein interessantes Konzept, dass mittlerweile häufiger von Bands genutzt wird um den Zuhörern nicht nur eine "Best-Of"-Show, sondern einen Einblick auf eine bestimmte Schaffensperiode zu bieten. Für mich ist es dabei extrem spannend zu hören, ob manche Stücke auch nach 16 Jahre noch funktionieren – für die Band ist es dagegen eine gute Möglichkeit, den spät hinzugekommenen Fans die alten Sachen live zu präsentieren.

Die kurzfristig auftretenden Probleme mit der Technik hatte die Crew hinter dem Mischpult schnell im Griff – dagegen erwiesen sich die beratungsresistenten Fotografen als wesentlich größerer Störfaktor. Es sollte doch eigentlich jedem klar sein, wie unangenehm es ist, aus wenigen Metern geblitzt oder angestrahlt zu werden – und doch haben es einige Besucher auch nach mehrfacher Aufforderung nicht hinbekommen ihre Blitze auszuschalten. Vor allem in so einem kleinen Rahmen wie dem Rind ist dies für die Künstler, aber auch für die danebenstehenden Besucher extrem lästig.



Freitag, 21. Oktober 2016



[Messe] SPIEL '16
13.-16. Oktober 2016
Gruga, Essen

Nachdem in den letzten Jahren meine Besuche auf der SPIEL, der weltweit größten Messe für Gesellschaftsspiele aller Art, eher kurz und ein wenig planlos ausgefallen waren, sollte es in diesem Jahr wieder einmal das Hardcore-Programm mit Anreise schon am Mittwoch werden. Der nötige Urlaub (einschließlich ein paar Tage nach der Messe zur Erholung) wurde von meiner Chefin anstandslos durchgewunken, eine kostengünstige Unterkunft im nahe gelegenen Mülheim war ebenfalls schnell organisiert und auch die Akkreditierung mit Eintrittskarte und Parkticket ging problemlos über die Bühne. Da ich somit eine etwas stabilere Planungsgrundlage hatte konnte ich im Vorfeld schon einige Gesprächstermine machen, mir eine Liste der interessanten Spiele zusammenstellen und mir ein wenig Gedanken über das Abendprogramm machen.


Tatsächlich vergingen die Wochen bis zum Termin erschreckend schnell und beinahe hektisch musste ich dann meine Tasche und die benötigten Unterlagen für den Weg nach Essen packen. Ich hatte am Mittwoch zumindest einige der zahlreichen Verlagspräsentationen und die Neuheitenschau eingeplant, zudem wollte ich mir einen ersten Überblick über den Hallenaufbau verschaffen. Soweit verlief auch alles nach Plan und sowohl Fahrt, Parkplatzsuche und Termine funktionierten tadellos, selbst wenn ich die Hauptpressekonferenz an diesem Tag leider verpasste. Mit ersten Demospielen bei Amigo, einem kurzen Neuheitenüberblick bei Ulisses Spiele und netten Gesprächen am Stand von Freebooter Miniatures verging der inoffizielle erste Messetag recht schnell. Überall herrschte in den Hallen geschäftiges Treiben, Leute schleppten Kisten und Standdeko umher und die ersten Deals wurden bereits ausgehandelt. Ich konnte dabei schon auf meiner mentalen Karte einige Anlaufpunkte für den nächsten Tag markieren und den Blick auf manche vielversprechenden Spiele werfen.
Auf der Fahrt nach Mülheim zu meiner Unterkunft ergänzte ich noch die Vorräte für die kommenden Tage und wartete im Loft auf das Eintreffen meiner Mitreisenden. Diese trudelten nach und nach ein und während der gut eineinhalbstündigen Wartezeit auf die zwischenzeitlich bestellte Pizza ergaben sich dann auch Gelegenheiten für einen ersten Informationsaustausch.


War die Fahrt am Mittwoch, dem Aufbautag, noch sehr entspannt gewesen, so brach am frühen Donnerstag der Verkehr rund um die Messehallen komplett zusammen. Parkhäuser waren blockiert oder falsch zugewiesen, rücksichtslose Verkehrsteilnehmer versperrten zwei Fahrspuren oder gleich ganze Kreuzungen und auch der öffentliche Nahverkehr brach beinahe unter den spielewütigen Menschenmassen zusammen. Gegen 9 Uhr konnte ich vom Auto aus einen der Eingänge zu den Messehallen sehen, musste mich aber durch gewaltige Blechlawinen quälen und letztendlich einige obskure Schleichwege nutzen, damit ich deutlich nach 10 Uhr am Eingang war. Wie ich später erfuhr, lag ich damit gar nicht so schlecht in der Zeit, da andere Leute, auch das Personal vieler Stände, es teils erst gegen Mittag auf die Messe schaften.


Der erste Eindruck, den ich beim Betreten der Halle 1 hatte, war ein schier undurchdringlicher Menschenauflauf. Dies mag in erster Linie am „Schlauch“ gelegen haben, der Einkaufspassage des Heidelberger Spielerverlages. Die Tür zum Parkhaus öffnete sich genau auf die Ecke des Standes, an dem sich praktisch die ganzen vier Messetage über lange Schlangen bildeten und nur gruppenweise ins Innere gelassen wurden um Schnäppchen, aber auch Neuheiten, zu ergattern. Erst am Sonntag, kurz vor Ende der Messe, wagte ich ebenfalls einen Abstecher in das Areal, fand aber unter den, mittlerweile stark zusammengeschrumpften, Bergen von Spielen nichts, was mich wirklich angesprochen hätte. Deutlich stärkeres Interesse brachte ich dagegen der zweiten, offenen Seite des Verlagsstandes entgegen. Hier gab es an zahlreichen Demotischen die Möglichkeit aktuelle Messeneuheiten aber auch noch nicht veröffentlichte Spiele zu testen. Arkham Horror - The Card Game interessierte mich dabei naturgemäß besonders: Eine gelungene Mischung verschiedener Spielmechanismen, tolle Illustrationen und die gut umgesetzte Cthulhu-Thematik haben mich, zumindest in der kurzen Demorunde, sehr positiv überrascht und ich warte ungeduldig auf das Erscheinen der deutschen Version. Einen Ausflug in das Genre der Tabletop-Spiele wird es dann im nächsten Jahr mit RuneWars – Miniatures Game geben. Ob das Spiel tatsächlich etwas taugt war aber in der Kürze der Zeit nicht festzustellen, allerdings sehen die Figuren nicht übel aus.
Weiter ging mein Weg in Richtung des wirklich riesigen Standes von Asmodee, wo zahlreiche Demotische, eine Signierecke und mehrere Verkaufsflächen auf die Spieler warteten. Besonders die opulent ausgestatteten Spiel wie Zombicide mit seinen verschiedenen Ablegern oder der Wikinger-Epos Blood Rage zogen hier die Neugierigen an. Eher zufällig hatte ich die Gelegenheit eine Runde The Others: 7 Sins zu spielen, einen kooperativen Endzeit-Dungeon-Crawler, bei dem die Spieler verhindern müssen, dass eine Stadt von Dämonen überrannt wird. Die Backer, die das Spiel über Kickstarter finanziert haben (darunter auch ich) warten zwar immer noch auf ihre Boxen, aber die deutsche Version des Spiels ist offensichtlich vorrätig und verkaufte sich augenscheinlich recht gut. Einfache Spielmechanismen, sehr hübsche Figuren und Artworks sowie ein fast absurder Schwierigkeitsgrad haben einen etwas geteilten Eindruck bei mir hinterlassen. Sollte die Lieferung tatsächlich dann doch irgendwann einmal bei mir eintreffen, werde ich das Spiel aber sicherlich genauer unter die Lupe nehmen.
Der Rest der Halle bestand aus einer breit gefächerten Auswahl an größeren und kleineren Verlagen, mit durchaus interessanten Spielen, aber einen wirklichen Kracher konnte ich auf die Schnelle nicht entdecken. Einzig am Stand von Happy Game's Factory die das Endzeit-Skirmish-Tabletop Eden im Gepäck hatten hielt ich mich doch etwas länger auf und bekam vom Autor einen kurzen Einblick in das demnächst erscheinende dazugehörige Rollenspiel.


Die Halle 2 war für mich schon immer die wichtigste Halle, finden sich doch hier traditionell Rollenspiele, Brettspiele, Tabletops und Comics dichtgedrängt nebeneinander. Und so begann ich meinen eigentlich Streifzug über die diesjährige SPIEL wie gewohnt bei Freebooter Miniatures, die in den vergangenen zwölf Monaten besonders fleißig waren. Gleich mit zwei neue Erweiterungen für das Piraten-Skirmish-Tabletop Freebooter's Fate konnten Werner Klocke und seine Crew den Spielern eine Freude machen. Der Band Raging Rivers konzentriert sich dabei auf die Kämpfe und Entermanöver mit (kleinen) Booten und bringt einige neue Mechanismen sowie Figuren ins Spiel. Wie der Name vermuten lässt, erscheinen mit dem Regelwerk Big Trouble nun große Figuren auf den Spieltischen, beispielsweise der Piraten-Oger oder das spektakuläre Walross Franjo. Wie gewohnt wurde auch die Auswahl an normalen Figuren ausgeweitet und auch kleine Ruderboote mit den entsprechenden Accessoires finden sich mittlerweile im Programm des Miniaturenherstellers aus Oberhausen.
Nachdem Steamforged Games im letzten Jahr mit ihrem Fantasy-Football-Skirmish Guild Ball einen fulminanten Start hingelegt haben, wurde in diesem Jahr der nächste Kracher präsentiert: Die Umsetzung des Videospiels Dark Souls als Dungeon-Crawler war vor einigen Monaten als Crowdfunding-Projekt extrem erfolgreich. Interessierte Spieler konnten sich hier schon vorab einige Figuren anschauen und einen Kampf gegen den Endgegner wagen. Mich sprach das Design der Miniaturen allerdings nicht sonderlich an und auch die kleine Demorunde konnte mich nicht wirklich vom Spiel überzeugen. Ebenso erging es mir beim kleinen Kartenspiel Shadow Games, bei dem man sich ein Guild-Ball-Team zusammenkaufen muss. Den Spielablauf fand ich zu eintönig und vorhersehbar und auch die Aufmachung blieb hinter meinen, zugegeben recht hohen, Erwartungen zurück.
Nachdem es seit längerem vergriffen war, präsentierte die Redaktion Phantastik zur Messe das viktorianische Detektiv-Rollenspiel Private Eye in einer überarbeiteten und optisch ansprechenden neuen Auflage. Da ich das Spiel schon seit längerem meiner Sammlung einverleiben wollte, nutzte ich die Gelegenheit und packte es, einschließlich eines Abenteuers, in meinen merklich schwerer gewordenen Rucksack.
Recht prominent in der Halle 2 war der Stand des Tabletop-Herstellers Games Workshop aus Nottingham. Wirklich viel geboten wurde jedoch nicht, denn von einer einzigen kümmerlichen Vitrine, einer kleinen Business-Ecke und drei winzigen Demoflächen abgesehen war die riesige Standfläche leer. Die bekannten Spiele und Figuren des Herstellers, Warhammer – Age of Sigmar und Warhammer 40.000, kamen ebenso wenig vor wie das umfangreiche Sortiment an Romanen und die dazugehörigen Brettspiele. Einzig für die (noch nicht erhältliche) Neuauflage von Blood Bowl, einem Fantasy-Football-Spiel wurde hier Werbung gemacht. Da ich jahrelang in einer Liga gespielt hatte, nutzte ich das mangelnde Publikum an dem Stand für ein kleines Testspiel. Die Regeln sind im Prinzip immer noch die gleichen wie vor 20 Jahren, allerdings haben die Autoren einige zusätzliche Optionen eingebaut, die mich doch sehr deutlich an ein Konkurrenzprodukt erinnern. Nach wie vor macht das Spiel Spaß, ist spannend und durchaus für eine Turnierszene geeignet, auch wenn mich die Standpräsentation, das übermotivierte Personal und die nicht vorhandenen Informationen zu Preis und Veröffentlichungsdatum etwas irritiert, wenn nicht sogar abgeschreckt, haben. Auf der Rückseite hatte sich die Schwesterfirma Forge World mit Shirts, Resin-Miniaturen und Büchern niedergelassen, allerdings gab es für mich hier außer einigen Miniaturen nichts Spannendes zu entdecken.
Direkt nebenan und ebenfalls aus Nottingham angereist waren Warlord Games, die sich mittlerweile als feste Größe im Bereich der historischen Tabletops etabliert haben und immer wieder in andere Bereiche vorstoßen. War es im letzten Jahr das SciFi-Spiel Beyond the Gates of Antares gewesen, wurden in diesem Jahr gleich zwei neue Systeme vorgestellt. Project Z lässt kleine Truppe Überlebender gegen gewaltige Zombiehorden und auch gegeneinander antreten, während Konflikt '47 die (fiktive) Geschichte des Zweiten Weltkrieges mit Kampfläufern, Nazizombies und Exoskeletten weiterschreibt. Basierend auf dem sehr erfolgreichen Bolt Action-Regelwerk verbreitet sich grade letzteres System mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit. Auch die ersten Figuren für das kommende Doctor Who-Tabletop konnten schon in der Vitrine begutachtet werden. Allerdings war ich von diesen dann doch sehr enttäuscht, andere Miniaturenschmieden liefern da deutlich bessere Arbeit ab.
Sehr klein und etwas versteckt waren Code Orange Games untergebracht. Die junge niederländische Firma gab einen ersten Einblick in ihr Endzeit-Skirmish-Tabletop Collision. Ganz ohne Würfel, dafür mit einem Karten- und Bluff-Mechanismus treten hierbei kleine Trupps gegeneinander an. Dem Gelände kommt dabei eine ebenso große Bedeutung zu wie den Figuren selbst. Auf den ersten Blick ein interessantes, innovatives Spiel das derzeit, nicht wirklich überraschend, durch eine Kickstarter-Kampagne finanziert wird.
In einem der Durchgangsbereiche am Hallenrand hatten Monolith Board Games aus Frankreich ihren Platz gefunden und präsentierten mit Conan eine opulent ausgestattete Mischung aus Dungeon-Crawler, Strategiespiel und Ressourcenmanagement, der wahrscheinlich Ende des Jahres in den Handel kommt. Hier nahm ich mir tatsächlich die Zeit um eine kleine Einführung zu spielen, in der der Barbar und seine zwei Gefährten eine Prinzessin aus einem Dorf der Pikten befreien müssen. Sehr schön hat mir dabei das Ressourcen-Management gefallen, dass ich bei einem Spiel dieser Art eigentlich so nicht vermutet hätte. Ein sehr schön aufgemachtes, durchdachtes Spiel, dass auf den ersten Blick voll überzeugen kann und sicherlich in Kürze auf dem heimischen Spieltisch landen wird. Am gleichen Stand konnte ich schon einen ersten Blick auf Mythic Battles: Pantheon werfen, ein Skirmish-Tabletop, bei dem Götter und Sagengestalten ihre Schlachten gegeneinander austragen.
Der Uhrwerk Verlag hatte in diesem Jahr seine Standfläche mindestens verdoppelt um alle Neuerscheinungen für Splittermond und verschiedene anderen Rollenspiel-Systeme unterbringen zu können. Allerdings beließ ich es hier bei einer kurzen Unterhaltung mit dem Standpersonal. In drei Wochen auf der Dreieich Con, habe ich eine bessere Gelegenheit mir die Sachen in Ruhe anschauen zu können. Das Gleiche gilt auch für Ulisses Spiele, die nur wenige Meter weiter platziert waren. Das Schwarze Auge und Pathfinder standen in diesem Jahr wieder im Mittelpunkt, aber auch Tabletop-Spiele wie Warmachine/Hordes oder Brettspiele, beispielsweise Super Dungeon Explore und Ninja All-Stars konnten angetestet werden.


Auch die Comic Action war wieder in dieser Halle untergebracht, allerdings schrumpfte der Bereich mit den bunt bedruckten Heftchen im Vergleich zum letzten Jahr erneut. Ich kann nur vermuten, dass die Comic Con und die Buchmesse hier Ressourcen der Verlage binden. Einzig Panini Comics waren mit einem Verlagsstand vor Ort, boten Signierstunden und ihr umfangreiches Programm an. Ansonsten gab es noch die obligatorischen Stände einiger Händler zu sehen, bei denen Raritäten und Merchandise angeboten wurden. Die verschiedenen Zeichner und Illustratoren waren ungeschickterweise nicht an einer Stelle zu finden, sondern auf mehrere Standorte in der Halle verteilt und teilweise sehr versteckt. Neben einigen Postkarten und einem Poster für die Klotür hatten es mir die Zeichnungen von Ars Fantasio angetan und ich musste mir unbedingt zwei Kunstdrucke (natürlich mit cthuloider Thematik) mitnehmen.
Daneben gab es in der Halle zwar bei verschiedenen Händlern die Möglichkeit, kleine Skirmish-Tabletops anzuspielen, aber leider fehlte mir meist die Zeit. So konnte ich nur einen kurzen Blick auf die toll gestalteten Demotische für Wolsung, Dead Man's Draw (beide jetzt auch in deutscher Version), Batman Arkham City, Bushido und Infinity werfen, bevor ich weiter musste.
Allerdings konnte ich die Halle nicht verlassen ohne mir das Würfelangebot von Chessex und Qworkshop anzuschauen, die in diesem Jahr jedoch ausnahmsweise nichts für mich dabei hatten, von einem Satz Halloween-Würfel einmal abgesehen.




In der Halle 3 hatten sich einige der größten Verlage der Branche versammelt, um die Spieler mit einer regelrechten Flut an Neuheiten zu überwältigen. Das Gedränge in dieser Halle war die meiste Zeit über so dicht, dass ich kaum durch die Gänge kam, geschweige denn an einen Tisch zum Spielen. Glücklicherweise hatte ich Mittwoch schon bei Amigo einige Sachen anspielen können, so die beiden Neuheiten für die stetig wachsende Bohnen-Familien, Bohnedikt und Bohnanza – Das Duell, aber auch eher Spiele, die sich an den Nachwuchs richten, beispielsweise die kooperative Sammeltour Mino & Tauri.
Nicht nur, dass die Gänge in Halle 3 permanent verstopft waren, auch die Geräuschkulisse
schwoll, besonders am Samstag, bedrohlich an. Vor allem die Demogeber der Rollenspielrunden am Stand von Pegasus Spiele hatten dabei eine extrem undankbare Aufgabe zu erfüllen. Dennoch waren die Tische bei Shadowrun, H.P. Lovecrafts Cthulhu und der längst überfälligen Neuauflage des Piratenrollenspiels 7te See meistens gut besetzt. Da ich weder Zeit noch Nerven für eine Runde hatte, begnügte ich mich mit einem kurzen Schwatz und nahm mir die Kurzregelwerke mit, um in Ruhe ein bisschen über die Spiele nachlesen zu können. Die anderen, ausgesprochen zahlreichen, Neuveröffentlichungen des Verlags ignorierte ich allerdings weitgehend, da ich mir diese im Spieleladen meines Vertrauens oder in Kürze auf anderen Veranstaltungen in Ruhe anschauen kann.
Iello präsentierten in diesem Jahr zum ersten Mal die deutschsprachigen Versionen ihrer Spiele selbst, in den Jahren zuvor hatten sie dafür immer einheimische Partner gefunden. Die Unterwasser-Expedition Oceanos, wieder ein Spiel mit einem Draft-Mechanismus, richtete sich vor allem an jüngere Spieler und war schnell ausverkauft. Das Interesse an Sea of Clouds war ebenfalls groß und die Demotische für die Himmelspiraten waren alle vier Tage lang ausgebucht. Daneben gab es am Stand des französischen Verlages noch viele weitere Neuheiten, zahlreiche Signierstunden und ein Glücksrad mit kleinen Gewinnen.
Mittlerweile haben Portal Games aus Polen den Sprung auf den deutschen Markt gewagt und waren mit einem erstaunlichen großen Stand vor Ort. Die imposanten Brettspiele 51st State und Cry Havoc nahmen dabei einen zentralen Platz ein, waren aber auch permanent belegt. Daher begnügte ich mich mit einer Demorunde des kleinen Zwei-Personen-Kartenspiels Tides of Madness. Die Spieler versuchen hier über einen Draft-Mechanismus Karten zu sammeln und die aufgedruckten Symbolen entsprechend ihrer Aufgabe zu kombinieren. Die stimmigen, an den Cthulhu-Mythos angelehnten, Illustrationen werten das Spiel dabei zusätzlich auf. Gerne hätte ich mir noch bei Days of Wonder das Bauspiel Quadropolis oder die neueste Zug um Zug-Erweiterung angeschaut, aber auch hier schreckten mich die Menschenmassen eher ab.
Erst am Ende der Messetage, als sich die Hallen schon merklich geleert hatten, traute ich mich zu einem Abstecher an den Stand vom Sphinx Spieleverlag um dort meine beiden vorbestellten Exemplare von IÄÄ! Cthulhu! Fhtagn! abzuholen und auch gleich zu testen. Zwar kein Strategie-Kracher, aber dafür ein hübsches kleines, einfaches Würfelspiel bei dem es die Möglichkeit gibt seine Mitspieler zu ärgern.


In der Galerie, dem Übergang zwischen den großen und kleinen Hallen, waren traditionell viele Stände mit Speisen und Getränken untergebracht. Mit Gummibären, Schoko-Döner, asiatische Nudelgerichte oder einer schnöden Currywurst konnten sich ausgehungerte Spieler hier stärken, während der Nachwuchs mit Hüpfgestellen, Holzklötzen und einigen Zaubershows bespaßt wurde. Der Ravensburger Spieleverlag hatte einen Teil der Galerie dazu genutzt um einen Puzzleweltrekord (knapp über 40.000 Teile) aufzustellen, scheiterte aber wohl an wenigen hundert Teilen. Ein kleiner, abgetrennter Raum beherbergte eines der zahlreichen Escape-Spiele, in diesem Fall von Noris. Auch hier standen sich über vier Tage lang Besucher die Beine in den Bauch, die ihr Glück, Können oder Talent nutzen wollten um zu entkommen. Amigo hatten hier ebenfalls einen winzigen Stand aufgebaut, an dem die Spieler bei Ice Cool Pinguine auf der Jagd nach Fischen schnippen oder die beiden magnetischen Außerirdischen Mino & Tauri durch ein senkrecht stehendes Labyrinth führen konnten.


Mutete in den vorangegangenen Hallen die Platzierung der Aussteller schon recht willkürlich an, so bekamen die Besucher dies nochmals in der Halle 4 in komprimierter Form geboten. Händler mit Gebrauchtspielen standen hier neben Freßbuden, Vereinen und zumeist ausländischen Kleinstverlagen. Auch die Bandbreite der ausgestellten Spiele war erstaunlich: auf der einen Seite das traditionelle Go, im krassen Gegensatz dazu ein Fußball, der an einer Gummischnur durch die Gegend gekickt und geworfen wird und dessen genau Bezeichnung ich schon wieder verdrängt habe. Doch gab es in der schmalen, kleinen Halle durchaus einige Perlen zu entdecken, beispielsweise den heimlichen Publikumsliebling Topoum. Als Anführer eines Maulwurfsclans versuchen die Spieler ihr Territorium auszudehnen und die gegnerischen Maulwürfe zurückzudrängen. Dies, zusammen mit den niedlichen Illustrationen und vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges, ergibt ein lustiges, manchmal boshaftes aber immer unterhaltsames Spielvergnügen. Das auch Fantasy-Figuren gelegentlich feiern wollen setzen die Macher vom Orctoberfest voraus. Bratwurst, Brezeln und Bier gilt es hier möglichst schnell an die eigenen Spielfiguren zu bringen, während die anderen in der Schlange warten müssen. Das Spiel von Meeples Inc. macht einen recht originellen Eindruck, die Kickstarter-Kampagne zur Realisierung startet dann wahrscheinlich aber erst im Laufe des nächsten Monats. Bei 2Geeks gab es dagegen Im Schatten des Throns tatsächlich auch zu kaufen. In dem schnellen Kartenspiel geht es um Macht, Einfluss und die Kontrolle über wichtige Karten an einem mittelalterlichen Königshof. Optisch auf jeden Fall sehr ansprechend gestaltet, landete das Spiel spontan in meinem Rucksack und kommt sicherlich in Kürze zu einem ausführlichen Test auf den heimischen Spieltisch.


In meiner To-Do-Liste fanden sich nur wenige Einträge für die Halle 6, die etwas abseits vom Trubel lag und nur zur Hälfte genutzt wurde. Mein erster Anlaufpunkt waren die Herrschaften von Voodoo Games, bei denen ich ein (pünktlich fertig gestelltes) Kickstarter-Projekt, abholen konnte. Xibalba und die dazugehörige Generäle-Erweiterung waren erst am Tag vor der Messe angeliefert worden, zwei kleine Karten-Erweiterungen hatten es dagegen nicht mehr rechtzeitig nach Essen geschafft. Beide Autoren signierten, nachdem sie ihre anfängliche Zurückhaltung aufgegeben hatten, mein Exemplar und ich ließ mir vom Standpersonal eine kurze Einführung in das Spiel geben. Der Ausbau der eigenen Basis, die Rekrutierung von Soldaten und Zivilisten sowie die Ausbeutung einer außerirdischen Ressource stehen bei dem Spiel im Mittelpunkt. Die Kombination aus Würfel- und Kartenmechaniken funktioniert recht gut und alleine die Diesel-Punk-Optik, was auch immer man jetzt darunter verstehen mag, rechtfertigen zumindest einen Blick auf das Spiel. Meine zweite Anlaufstelle war der, nur wenige Meter daneben liegende, Stand von Scale75, einem spanischer Miniaturenhersteller. Neben zahlreichen Farbsets und der Figurenserie Smog Riders, niedliche Steampunk-Miniaturen in Chibi-Optik, gab es noch das SciFi-Tabletop Fallen Frontiers zu sehen. Gerne hätte ich hier eine kleine Demo angespielt, doch leider war der Tisch entweder besetzt oder kein Personal vorhanden und so musste ich mich mit einigen Fotos und einem Flyer begnügen. Davon abgesehen schlenderte ich relativ planlos durch die Halle und versuchte einen Bogen um den Stand mit den sehr geruchsintensiven Knoblauchbroten zu machen. Spiele wie Drinkopoly, Schmuseduell oder Die Partykracher sprachen mich ebenfalls nicht sonderlich an, auch das Programm der anderen Aussteller konnte mich nicht wirklich überzeugen und so machte ich mich nach einigen kurzen Gesprächen auf den weiteren Weg.


Die Halle 7 hatte dagegen schon ein paar interessante Anlaufstellen mehr zu bieten. So beispielsweise den Stand von Osprey Games. Eigentlich ein Ableger des auf militärhistorische Bücher spezialisierten Verlags haben sie in den letzten zwei Jahren ihr Spielsortiment extrem ausgebaut. Neben dem Skirmish-Tabletop Frostgrave oder der Neuauflage des über 40 Jahre alten Klassikers Escape from Colditz konnten hier auch einige, deutlich weniger militärisch orientierte Spiele angetestet werden. So versetzt Let them eat Cake die Spieler in die Wirren der französischen Revolution wo sie versuchen ihren Kopf vor der Guillotine zu retten, die Mitspieler ans Messer zu liefern und nebenbei auch noch das größte Stück vom Kuchen abzugreifen. Mit der richtigen Spielergruppe sicherlich sehr vergnüglich und schon für den nächsten Spielabend bereitgelegt. Daneben gab es noch einige kleinere Spiele, beispielsweise Odin's Ravens oder Secret Santa zu sehen, doch leider reichte meine Zeit dafür nicht aus. Viel mehr zog es mich zum Stand von Titan Forge, wo ich am Samstag endlich das heiß ersehnte Lobotomy abholen konnte, dass ich via Crowdfunding unterstützt hatte. Die Auslieferung hatte sich um einige Wochen verzögert und nur wenige Exemplare waren nach Essen geliefert worden. Auf ein Testspiel verzichtete ich jedoch und warf lieber einen intensiven Blick auf Vengeance. Das Spiel setzt Filme wie Kill Bill, Dirty Harry oder Ein Mann sieht rot recht treffend als Brettspiel um und mischt dabei Dungeon-Crawler- und Tabletop-Elemente. Die Spielrunde lief flüssig, machte Spaß und brachte das Film-Feeling ziemlich gut rüber; sicherlich ein Spiel, dass ich weiter im Auge behalten werde. Direkt nebenan drängten sich die Spieler bei Gray Fox Games um die kooperative viktorianische Verbrecher-/Monsterjagd London Dread. Auch hier wurde sehr viel Wert auf eine stimmige Optik gelegt, die Spielabläufe sind dagegen etwas gewöhnungsbedürftig. Den zahlreichen Testspielern schien es jedoch zu gefallen, war das Spiel doch bereits nach zwei Tagen ausverkauft. Leider waren auch hier die beiden Demo-Tische permanent belegt, aber nach Gesprächen mit den Autoren (und natürlich auch einigen Testspielern) packte ich die schwere Kiste ebenfalls in meine Tasche. Natürlich bot auch diese Halle viel mehr, beispielsweise das kuriose Kacke: Das Spiel, das extrem taktische Zwei-Personen-Kartenspiel Styx 666, oder Schäferstündchen (in dem die Spieler tatsächlich Schäfer oder eben Schafsräuber spielen). Recht versteckt in Halle 7 war auch die Packstation untergebracht, ein neuer Service des Messeveranstalters. Hier konnte die Besucher, die sich mit ihren Einkäufen leicht übernommen hatten, die Spiele direkt von der Messe aus nach Hause schicken lassen. Im Prinzip ein großartiger Einfall und eine echte Hilfe für obsessive Spielekäufer, nach den Preisen für diese Dienstleistung habe ich allerdings nicht gefragt...


Natürlich ist es hier nicht möglich alles aufzulisten, was es in den Hallen zu sehen gab - zu viele obskure, spannende, lustige oder auch einfach überflüssige Dinge hatten die Aussteller mitgebracht. So beispielsweise einen handgefertigten Spieltisch für den anspruchsvollen Brettspieler zum Preis eines Kleinwagens, Würfel in jeder erdenklich Form, Farbe und Seitenanzahl, LARP-Zubehör für jedwedes Setting oder auch Schaumstoffeinlagen für den Schutz der wertvollen Tabletop-Miniaturen. Während manche Aussteller, auch die kleinen, mit aufwändigen Ständen, Gewinnspielen und kostümiertem Personal versuchten auf sich aufmerksam zu machen begnügten sich andere mit einer Flipchart sowie einigen Buntstiften. Vom chaotischen Donnerstag abgesehen war die Stimmung an allen Tagen, trotz des Gedränges, sehr entspannt und ausgelassen. Zwar gab es immer wieder rücksichtslose Zeitgenossen, die mit ihren vollgepackten Bollerwagen oder Trolleys durch die Gänge walzten, aber auch daran hat man sich mittlerweile (leider) gewöhnt. Wirklich unangenehm wurde es jedoch, wenn man in einer Schlange hinter jemandem festgeklemmt war, der es mit der Körperhygiene nicht so genau nahm. Mehr als einmal stockte mir der Atem und ich konnte mich durch nur mit Mühe in einen der Innenhöfe retten. Ansonsten gab es pelzige Yetis zu sehen, die Flyer verteilten, junge Damen mit Regenbogensöckchen und einem Horn auf der Stirn gaben Demos und „fürsorgliche“ Eltern packten ihren Nachwuchs auf den Arm um den Kinderwagen vollladen zu können. Auffällig war, im Gegensatz zu den vorangegangenen Jahren, der Mangel an Gewandeten und Cos-Playern. Nur vereinzelt waren aufwändige Kostüme zu bestaunen, und wenn, dann meist nur beim Standpersonal.


Wie in jedem Jahr, so waren auch diesmal wieder einige Trends zu beobachten, auf die sich die Spielehersteller anscheinend alle gleichzeitig stürzten. Obwohl die Zombie-Welle mittlerweile eigentlich abgeklungen ist, kommen immer noch zahlreiche Spiele mit dieser Thematik auf den Markt. Einige davon sind wenig mehr als ein lauwarmer Aufguss schon bekannter Veröffentlichungen, andere punkten tatsächlich mit innovativen Ansätzen oder außergewöhnlicher Aufmachung, wie beispielsweise Z War One: Damnation oder das Kartenspiel Totenstadt.
Ein weiteres beliebtes Thema waren Spiele, die irgend einen Bezug zu Wikingern oder der nordischen Mythologie herstellten. Gefühlt an jedem dritten Stand gab es irgend etwas mit „Vikings“, „Odin“ oder „Norse“ im Titel zu kaufen. Die Bandbreite reichte dabei von Deckbuilding-Spielen über Tabletops und Strategiespielen bis hin zu kindgerechten Würfelspielen. Nach kurzen Runden mit dem wirklich sehr guten Blood Rage und dem etwas schwächeren In the Name of Odin hatte ich allerdings von Drachenschiffen und Methörnern genug und widmete mich einem anderen Trend, den sogenannten Escape-Spielen.
Bei dieser Art von Spiel sind die Spieler in einem Raum eingeschlossen und müssen unter Zeitdruck Aufgaben lösen um wieder zu entkommen. Ursprünglich als Event- oder Party-Spaß in speziellen Räumlichkeiten gedacht, machten sich mehrere Firmen daran, dieses Konzept auch in die heimischen vier Wände zu übertragen. Die Bandbreite reichte dabei, je nach Verlag, von winzig kleinen Schachteln mit ein paar Blatt Papier, beispielsweise Exit – Das Spiel bei Kosmos, bis hin zu ausgeklügelten technischen Apparaturen in die die Spieler Kunststoffschlüssel in der richtigen Kombination stecken mussten, so gesehen bei Escape Room – Das Spiel von Noris. Gemein war aber allen Spielen, dass sich lange Schlangen vor den Demo-Tischen und -Räumen bildeten und ich keine Möglichkeit sah, ohne übermäßig lange Wartezeiten, eine Testrunde zu ergattern. Sind die Rätsel allerdings erst einmal geknackt, so kennen die Spieler die Lösung, was die Angelegenheit ziemlich reizlos macht und mich bisher auch von Spielen dieser Art abschreckt.
Der Cartoonist John Kovalic hat vor einigen Jahren gesagt, dass alles besser wird mit Cthulhu. Und tatsächlich haben die Spieleverlage die Schöpfung des Autors H.P. Lovecraft für sich entdeckt. Ob dies nun eine neue Version von Pandemie ist oder das Kartenspiel Tides of Madness, das schnelle Würfelspiel IÄÄ! Cthulhu! Fhtagn! oder das CoSim Shadows over Normandie, überall hat der Große Alte seine Tentakel im Spiel. Im Rollenspielbereich kümmerten sich Pegasus Press und Chaosium um diese Thematik und sogar die Deutsche Lovecraft Gesellschaft war mit einem kleinen Stand vor Ort um ihr Vereinsmagazin zu präsentieren. Einigen dieser Spiele gelingt es tatsächlich so etwas wie einen Bezug zum Cthulhu-Mythos herzustellen, sei es nun inhaltlich oder optisch, doch die meisten scheitern daran und versuchen wahrscheinlich nur mit dem Namen ein paar schnelle Euros zu machen.
Ein letzter Trend der mir in diesem Jahr verstärkt auffiel war die schon beinahe inflationäre Präsenz von Dungeon-Crawlern. Bei dieser Art von Spiel bewegt sich eine Handvoll Helden durch ein mittelalterliches Verlies, ein havariertes Raumschiff oder eine verlassen Stadt, besiegt Gegnerhorden und sammelt dabei Schätze ein. War vor einigen Jahren das altehrwürdige HeroQuest praktisch der einzige Vertreter dieser Spielegattung, so gibt es mittlerweile eine riesige Auswahl. Die Hersteller liefern sich regelrechte Materialschlachten um Figuren, Bretter, Marker und die Komplexität der Spielregeln und ich bin sicher, in den kommenden Jahren wird dieser Trend noch weiter eskalieren. Die Konsolenspielumsetzung Dark Souls, die Endzeitvision The Others, das bereits erwähnte Conan, das Kampagnenspiel Star Wars: Imperial Assault oder das wahnsinnige Lobotomy aus Polen waren dabei nur einige, wenn auch besonders auffällige, Vertreter.



Laut den offiziellen Angaben des Messeveranstalters, dem Friedhelm Merz Verlag, kamen in diesem Jahr rund 174.000 Besucher und über 1.000 Aussteller mit fast 1.200 Neuheiten auf die Messe, was wiederum einen deutlichen Anstieg im Vergleich zum Vorjahr bedeutet. Von den nackten Zahlen abgesehen war auch für mich, rein subjektiv, die Steigerung deutlich spürbar. Ich fahre nun seit über 20 Jahren auf die Messe und habe nie ein solches Gedränge erlebt. In den Hallen der „großen“ Verlage war es kaum möglich einen Platz an den Demotischen zu ergattern und selbst der Weg durch die Gänge war mühsam. Erst am späten Nachmittag gab es hier die Möglichkeit Spiele ohne längere Wartezeiten auszuprobieren und sich die Neuheiten in Ruhe anzuschauen.

Eine besondere Erwähnung verdient die chaotische Anreisesituation am Donnerstag. Die Messehalle in Sichtweite mussten viele Besucher, aber auch zahlreiche Aussteller, mitunter stundenlang warten bis sie sich zu einem Parkplatz vorgearbeitet hatten. Für wenige Kilometer Anreise wurden durchaus zwei Stunden oder mehr benötigt. Selbst der Öffentliche Nahverkehr war mit der Situation heillos überfordert. Erst als gegen Mittag die Polizei ordnend eingriff entspannte sich die Lage ein wenig. Dennoch war an diesem ersten Tag die Stimmung gedämpft, teilweise sogar aggressiv. Glücklicherweise waren die Verantwortlichen in der Lage, die Anreisesituation in den darauf folgenden Tagen ein wenig zu entschärfen und so kam es nicht mehr zu diesen massiven Behinderungen.
Dennoch kann ich mich langsam nicht des Eindrucks erwehren, dass die SPIEL in den Grugahallen langsam an ihre Kapazitätsgrenzen stößt, sowohl was die Besucher- aber auch die Ausstellerzahlen angeht.