Freitag, 21. Oktober 2016



[Messe] SPIEL '16
13.-16. Oktober 2016
Gruga, Essen

Nachdem in den letzten Jahren meine Besuche auf der SPIEL, der weltweit größten Messe für Gesellschaftsspiele aller Art, eher kurz und ein wenig planlos ausgefallen waren, sollte es in diesem Jahr wieder einmal das Hardcore-Programm mit Anreise schon am Mittwoch werden. Der nötige Urlaub (einschließlich ein paar Tage nach der Messe zur Erholung) wurde von meiner Chefin anstandslos durchgewunken, eine kostengünstige Unterkunft im nahe gelegenen Mülheim war ebenfalls schnell organisiert und auch die Akkreditierung mit Eintrittskarte und Parkticket ging problemlos über die Bühne. Da ich somit eine etwas stabilere Planungsgrundlage hatte konnte ich im Vorfeld schon einige Gesprächstermine machen, mir eine Liste der interessanten Spiele zusammenstellen und mir ein wenig Gedanken über das Abendprogramm machen.


Tatsächlich vergingen die Wochen bis zum Termin erschreckend schnell und beinahe hektisch musste ich dann meine Tasche und die benötigten Unterlagen für den Weg nach Essen packen. Ich hatte am Mittwoch zumindest einige der zahlreichen Verlagspräsentationen und die Neuheitenschau eingeplant, zudem wollte ich mir einen ersten Überblick über den Hallenaufbau verschaffen. Soweit verlief auch alles nach Plan und sowohl Fahrt, Parkplatzsuche und Termine funktionierten tadellos, selbst wenn ich die Hauptpressekonferenz an diesem Tag leider verpasste. Mit ersten Demospielen bei Amigo, einem kurzen Neuheitenüberblick bei Ulisses Spiele und netten Gesprächen am Stand von Freebooter Miniatures verging der inoffizielle erste Messetag recht schnell. Überall herrschte in den Hallen geschäftiges Treiben, Leute schleppten Kisten und Standdeko umher und die ersten Deals wurden bereits ausgehandelt. Ich konnte dabei schon auf meiner mentalen Karte einige Anlaufpunkte für den nächsten Tag markieren und den Blick auf manche vielversprechenden Spiele werfen.
Auf der Fahrt nach Mülheim zu meiner Unterkunft ergänzte ich noch die Vorräte für die kommenden Tage und wartete im Loft auf das Eintreffen meiner Mitreisenden. Diese trudelten nach und nach ein und während der gut eineinhalbstündigen Wartezeit auf die zwischenzeitlich bestellte Pizza ergaben sich dann auch Gelegenheiten für einen ersten Informationsaustausch.


War die Fahrt am Mittwoch, dem Aufbautag, noch sehr entspannt gewesen, so brach am frühen Donnerstag der Verkehr rund um die Messehallen komplett zusammen. Parkhäuser waren blockiert oder falsch zugewiesen, rücksichtslose Verkehrsteilnehmer versperrten zwei Fahrspuren oder gleich ganze Kreuzungen und auch der öffentliche Nahverkehr brach beinahe unter den spielewütigen Menschenmassen zusammen. Gegen 9 Uhr konnte ich vom Auto aus einen der Eingänge zu den Messehallen sehen, musste mich aber durch gewaltige Blechlawinen quälen und letztendlich einige obskure Schleichwege nutzen, damit ich deutlich nach 10 Uhr am Eingang war. Wie ich später erfuhr, lag ich damit gar nicht so schlecht in der Zeit, da andere Leute, auch das Personal vieler Stände, es teils erst gegen Mittag auf die Messe schaften.


Der erste Eindruck, den ich beim Betreten der Halle 1 hatte, war ein schier undurchdringlicher Menschenauflauf. Dies mag in erster Linie am „Schlauch“ gelegen haben, der Einkaufspassage des Heidelberger Spielerverlages. Die Tür zum Parkhaus öffnete sich genau auf die Ecke des Standes, an dem sich praktisch die ganzen vier Messetage über lange Schlangen bildeten und nur gruppenweise ins Innere gelassen wurden um Schnäppchen, aber auch Neuheiten, zu ergattern. Erst am Sonntag, kurz vor Ende der Messe, wagte ich ebenfalls einen Abstecher in das Areal, fand aber unter den, mittlerweile stark zusammengeschrumpften, Bergen von Spielen nichts, was mich wirklich angesprochen hätte. Deutlich stärkeres Interesse brachte ich dagegen der zweiten, offenen Seite des Verlagsstandes entgegen. Hier gab es an zahlreichen Demotischen die Möglichkeit aktuelle Messeneuheiten aber auch noch nicht veröffentlichte Spiele zu testen. Arkham Horror - The Card Game interessierte mich dabei naturgemäß besonders: Eine gelungene Mischung verschiedener Spielmechanismen, tolle Illustrationen und die gut umgesetzte Cthulhu-Thematik haben mich, zumindest in der kurzen Demorunde, sehr positiv überrascht und ich warte ungeduldig auf das Erscheinen der deutschen Version. Einen Ausflug in das Genre der Tabletop-Spiele wird es dann im nächsten Jahr mit RuneWars – Miniatures Game geben. Ob das Spiel tatsächlich etwas taugt war aber in der Kürze der Zeit nicht festzustellen, allerdings sehen die Figuren nicht übel aus.
Weiter ging mein Weg in Richtung des wirklich riesigen Standes von Asmodee, wo zahlreiche Demotische, eine Signierecke und mehrere Verkaufsflächen auf die Spieler warteten. Besonders die opulent ausgestatteten Spiel wie Zombicide mit seinen verschiedenen Ablegern oder der Wikinger-Epos Blood Rage zogen hier die Neugierigen an. Eher zufällig hatte ich die Gelegenheit eine Runde The Others: 7 Sins zu spielen, einen kooperativen Endzeit-Dungeon-Crawler, bei dem die Spieler verhindern müssen, dass eine Stadt von Dämonen überrannt wird. Die Backer, die das Spiel über Kickstarter finanziert haben (darunter auch ich) warten zwar immer noch auf ihre Boxen, aber die deutsche Version des Spiels ist offensichtlich vorrätig und verkaufte sich augenscheinlich recht gut. Einfache Spielmechanismen, sehr hübsche Figuren und Artworks sowie ein fast absurder Schwierigkeitsgrad haben einen etwas geteilten Eindruck bei mir hinterlassen. Sollte die Lieferung tatsächlich dann doch irgendwann einmal bei mir eintreffen, werde ich das Spiel aber sicherlich genauer unter die Lupe nehmen.
Der Rest der Halle bestand aus einer breit gefächerten Auswahl an größeren und kleineren Verlagen, mit durchaus interessanten Spielen, aber einen wirklichen Kracher konnte ich auf die Schnelle nicht entdecken. Einzig am Stand von Happy Game's Factory die das Endzeit-Skirmish-Tabletop Eden im Gepäck hatten hielt ich mich doch etwas länger auf und bekam vom Autor einen kurzen Einblick in das demnächst erscheinende dazugehörige Rollenspiel.


Die Halle 2 war für mich schon immer die wichtigste Halle, finden sich doch hier traditionell Rollenspiele, Brettspiele, Tabletops und Comics dichtgedrängt nebeneinander. Und so begann ich meinen eigentlich Streifzug über die diesjährige SPIEL wie gewohnt bei Freebooter Miniatures, die in den vergangenen zwölf Monaten besonders fleißig waren. Gleich mit zwei neue Erweiterungen für das Piraten-Skirmish-Tabletop Freebooter's Fate konnten Werner Klocke und seine Crew den Spielern eine Freude machen. Der Band Raging Rivers konzentriert sich dabei auf die Kämpfe und Entermanöver mit (kleinen) Booten und bringt einige neue Mechanismen sowie Figuren ins Spiel. Wie der Name vermuten lässt, erscheinen mit dem Regelwerk Big Trouble nun große Figuren auf den Spieltischen, beispielsweise der Piraten-Oger oder das spektakuläre Walross Franjo. Wie gewohnt wurde auch die Auswahl an normalen Figuren ausgeweitet und auch kleine Ruderboote mit den entsprechenden Accessoires finden sich mittlerweile im Programm des Miniaturenherstellers aus Oberhausen.
Nachdem Steamforged Games im letzten Jahr mit ihrem Fantasy-Football-Skirmish Guild Ball einen fulminanten Start hingelegt haben, wurde in diesem Jahr der nächste Kracher präsentiert: Die Umsetzung des Videospiels Dark Souls als Dungeon-Crawler war vor einigen Monaten als Crowdfunding-Projekt extrem erfolgreich. Interessierte Spieler konnten sich hier schon vorab einige Figuren anschauen und einen Kampf gegen den Endgegner wagen. Mich sprach das Design der Miniaturen allerdings nicht sonderlich an und auch die kleine Demorunde konnte mich nicht wirklich vom Spiel überzeugen. Ebenso erging es mir beim kleinen Kartenspiel Shadow Games, bei dem man sich ein Guild-Ball-Team zusammenkaufen muss. Den Spielablauf fand ich zu eintönig und vorhersehbar und auch die Aufmachung blieb hinter meinen, zugegeben recht hohen, Erwartungen zurück.
Nachdem es seit längerem vergriffen war, präsentierte die Redaktion Phantastik zur Messe das viktorianische Detektiv-Rollenspiel Private Eye in einer überarbeiteten und optisch ansprechenden neuen Auflage. Da ich das Spiel schon seit längerem meiner Sammlung einverleiben wollte, nutzte ich die Gelegenheit und packte es, einschließlich eines Abenteuers, in meinen merklich schwerer gewordenen Rucksack.
Recht prominent in der Halle 2 war der Stand des Tabletop-Herstellers Games Workshop aus Nottingham. Wirklich viel geboten wurde jedoch nicht, denn von einer einzigen kümmerlichen Vitrine, einer kleinen Business-Ecke und drei winzigen Demoflächen abgesehen war die riesige Standfläche leer. Die bekannten Spiele und Figuren des Herstellers, Warhammer – Age of Sigmar und Warhammer 40.000, kamen ebenso wenig vor wie das umfangreiche Sortiment an Romanen und die dazugehörigen Brettspiele. Einzig für die (noch nicht erhältliche) Neuauflage von Blood Bowl, einem Fantasy-Football-Spiel wurde hier Werbung gemacht. Da ich jahrelang in einer Liga gespielt hatte, nutzte ich das mangelnde Publikum an dem Stand für ein kleines Testspiel. Die Regeln sind im Prinzip immer noch die gleichen wie vor 20 Jahren, allerdings haben die Autoren einige zusätzliche Optionen eingebaut, die mich doch sehr deutlich an ein Konkurrenzprodukt erinnern. Nach wie vor macht das Spiel Spaß, ist spannend und durchaus für eine Turnierszene geeignet, auch wenn mich die Standpräsentation, das übermotivierte Personal und die nicht vorhandenen Informationen zu Preis und Veröffentlichungsdatum etwas irritiert, wenn nicht sogar abgeschreckt, haben. Auf der Rückseite hatte sich die Schwesterfirma Forge World mit Shirts, Resin-Miniaturen und Büchern niedergelassen, allerdings gab es für mich hier außer einigen Miniaturen nichts Spannendes zu entdecken.
Direkt nebenan und ebenfalls aus Nottingham angereist waren Warlord Games, die sich mittlerweile als feste Größe im Bereich der historischen Tabletops etabliert haben und immer wieder in andere Bereiche vorstoßen. War es im letzten Jahr das SciFi-Spiel Beyond the Gates of Antares gewesen, wurden in diesem Jahr gleich zwei neue Systeme vorgestellt. Project Z lässt kleine Truppe Überlebender gegen gewaltige Zombiehorden und auch gegeneinander antreten, während Konflikt '47 die (fiktive) Geschichte des Zweiten Weltkrieges mit Kampfläufern, Nazizombies und Exoskeletten weiterschreibt. Basierend auf dem sehr erfolgreichen Bolt Action-Regelwerk verbreitet sich grade letzteres System mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit. Auch die ersten Figuren für das kommende Doctor Who-Tabletop konnten schon in der Vitrine begutachtet werden. Allerdings war ich von diesen dann doch sehr enttäuscht, andere Miniaturenschmieden liefern da deutlich bessere Arbeit ab.
Sehr klein und etwas versteckt waren Code Orange Games untergebracht. Die junge niederländische Firma gab einen ersten Einblick in ihr Endzeit-Skirmish-Tabletop Collision. Ganz ohne Würfel, dafür mit einem Karten- und Bluff-Mechanismus treten hierbei kleine Trupps gegeneinander an. Dem Gelände kommt dabei eine ebenso große Bedeutung zu wie den Figuren selbst. Auf den ersten Blick ein interessantes, innovatives Spiel das derzeit, nicht wirklich überraschend, durch eine Kickstarter-Kampagne finanziert wird.
In einem der Durchgangsbereiche am Hallenrand hatten Monolith Board Games aus Frankreich ihren Platz gefunden und präsentierten mit Conan eine opulent ausgestattete Mischung aus Dungeon-Crawler, Strategiespiel und Ressourcenmanagement, der wahrscheinlich Ende des Jahres in den Handel kommt. Hier nahm ich mir tatsächlich die Zeit um eine kleine Einführung zu spielen, in der der Barbar und seine zwei Gefährten eine Prinzessin aus einem Dorf der Pikten befreien müssen. Sehr schön hat mir dabei das Ressourcen-Management gefallen, dass ich bei einem Spiel dieser Art eigentlich so nicht vermutet hätte. Ein sehr schön aufgemachtes, durchdachtes Spiel, dass auf den ersten Blick voll überzeugen kann und sicherlich in Kürze auf dem heimischen Spieltisch landen wird. Am gleichen Stand konnte ich schon einen ersten Blick auf Mythic Battles: Pantheon werfen, ein Skirmish-Tabletop, bei dem Götter und Sagengestalten ihre Schlachten gegeneinander austragen.
Der Uhrwerk Verlag hatte in diesem Jahr seine Standfläche mindestens verdoppelt um alle Neuerscheinungen für Splittermond und verschiedene anderen Rollenspiel-Systeme unterbringen zu können. Allerdings beließ ich es hier bei einer kurzen Unterhaltung mit dem Standpersonal. In drei Wochen auf der Dreieich Con, habe ich eine bessere Gelegenheit mir die Sachen in Ruhe anschauen zu können. Das Gleiche gilt auch für Ulisses Spiele, die nur wenige Meter weiter platziert waren. Das Schwarze Auge und Pathfinder standen in diesem Jahr wieder im Mittelpunkt, aber auch Tabletop-Spiele wie Warmachine/Hordes oder Brettspiele, beispielsweise Super Dungeon Explore und Ninja All-Stars konnten angetestet werden.


Auch die Comic Action war wieder in dieser Halle untergebracht, allerdings schrumpfte der Bereich mit den bunt bedruckten Heftchen im Vergleich zum letzten Jahr erneut. Ich kann nur vermuten, dass die Comic Con und die Buchmesse hier Ressourcen der Verlage binden. Einzig Panini Comics waren mit einem Verlagsstand vor Ort, boten Signierstunden und ihr umfangreiches Programm an. Ansonsten gab es noch die obligatorischen Stände einiger Händler zu sehen, bei denen Raritäten und Merchandise angeboten wurden. Die verschiedenen Zeichner und Illustratoren waren ungeschickterweise nicht an einer Stelle zu finden, sondern auf mehrere Standorte in der Halle verteilt und teilweise sehr versteckt. Neben einigen Postkarten und einem Poster für die Klotür hatten es mir die Zeichnungen von Ars Fantasio angetan und ich musste mir unbedingt zwei Kunstdrucke (natürlich mit cthuloider Thematik) mitnehmen.
Daneben gab es in der Halle zwar bei verschiedenen Händlern die Möglichkeit, kleine Skirmish-Tabletops anzuspielen, aber leider fehlte mir meist die Zeit. So konnte ich nur einen kurzen Blick auf die toll gestalteten Demotische für Wolsung, Dead Man's Draw (beide jetzt auch in deutscher Version), Batman Arkham City, Bushido und Infinity werfen, bevor ich weiter musste.
Allerdings konnte ich die Halle nicht verlassen ohne mir das Würfelangebot von Chessex und Qworkshop anzuschauen, die in diesem Jahr jedoch ausnahmsweise nichts für mich dabei hatten, von einem Satz Halloween-Würfel einmal abgesehen.




In der Halle 3 hatten sich einige der größten Verlage der Branche versammelt, um die Spieler mit einer regelrechten Flut an Neuheiten zu überwältigen. Das Gedränge in dieser Halle war die meiste Zeit über so dicht, dass ich kaum durch die Gänge kam, geschweige denn an einen Tisch zum Spielen. Glücklicherweise hatte ich Mittwoch schon bei Amigo einige Sachen anspielen können, so die beiden Neuheiten für die stetig wachsende Bohnen-Familien, Bohnedikt und Bohnanza – Das Duell, aber auch eher Spiele, die sich an den Nachwuchs richten, beispielsweise die kooperative Sammeltour Mino & Tauri.
Nicht nur, dass die Gänge in Halle 3 permanent verstopft waren, auch die Geräuschkulisse
schwoll, besonders am Samstag, bedrohlich an. Vor allem die Demogeber der Rollenspielrunden am Stand von Pegasus Spiele hatten dabei eine extrem undankbare Aufgabe zu erfüllen. Dennoch waren die Tische bei Shadowrun, H.P. Lovecrafts Cthulhu und der längst überfälligen Neuauflage des Piratenrollenspiels 7te See meistens gut besetzt. Da ich weder Zeit noch Nerven für eine Runde hatte, begnügte ich mich mit einem kurzen Schwatz und nahm mir die Kurzregelwerke mit, um in Ruhe ein bisschen über die Spiele nachlesen zu können. Die anderen, ausgesprochen zahlreichen, Neuveröffentlichungen des Verlags ignorierte ich allerdings weitgehend, da ich mir diese im Spieleladen meines Vertrauens oder in Kürze auf anderen Veranstaltungen in Ruhe anschauen kann.
Iello präsentierten in diesem Jahr zum ersten Mal die deutschsprachigen Versionen ihrer Spiele selbst, in den Jahren zuvor hatten sie dafür immer einheimische Partner gefunden. Die Unterwasser-Expedition Oceanos, wieder ein Spiel mit einem Draft-Mechanismus, richtete sich vor allem an jüngere Spieler und war schnell ausverkauft. Das Interesse an Sea of Clouds war ebenfalls groß und die Demotische für die Himmelspiraten waren alle vier Tage lang ausgebucht. Daneben gab es am Stand des französischen Verlages noch viele weitere Neuheiten, zahlreiche Signierstunden und ein Glücksrad mit kleinen Gewinnen.
Mittlerweile haben Portal Games aus Polen den Sprung auf den deutschen Markt gewagt und waren mit einem erstaunlichen großen Stand vor Ort. Die imposanten Brettspiele 51st State und Cry Havoc nahmen dabei einen zentralen Platz ein, waren aber auch permanent belegt. Daher begnügte ich mich mit einer Demorunde des kleinen Zwei-Personen-Kartenspiels Tides of Madness. Die Spieler versuchen hier über einen Draft-Mechanismus Karten zu sammeln und die aufgedruckten Symbolen entsprechend ihrer Aufgabe zu kombinieren. Die stimmigen, an den Cthulhu-Mythos angelehnten, Illustrationen werten das Spiel dabei zusätzlich auf. Gerne hätte ich mir noch bei Days of Wonder das Bauspiel Quadropolis oder die neueste Zug um Zug-Erweiterung angeschaut, aber auch hier schreckten mich die Menschenmassen eher ab.
Erst am Ende der Messetage, als sich die Hallen schon merklich geleert hatten, traute ich mich zu einem Abstecher an den Stand vom Sphinx Spieleverlag um dort meine beiden vorbestellten Exemplare von IÄÄ! Cthulhu! Fhtagn! abzuholen und auch gleich zu testen. Zwar kein Strategie-Kracher, aber dafür ein hübsches kleines, einfaches Würfelspiel bei dem es die Möglichkeit gibt seine Mitspieler zu ärgern.


In der Galerie, dem Übergang zwischen den großen und kleinen Hallen, waren traditionell viele Stände mit Speisen und Getränken untergebracht. Mit Gummibären, Schoko-Döner, asiatische Nudelgerichte oder einer schnöden Currywurst konnten sich ausgehungerte Spieler hier stärken, während der Nachwuchs mit Hüpfgestellen, Holzklötzen und einigen Zaubershows bespaßt wurde. Der Ravensburger Spieleverlag hatte einen Teil der Galerie dazu genutzt um einen Puzzleweltrekord (knapp über 40.000 Teile) aufzustellen, scheiterte aber wohl an wenigen hundert Teilen. Ein kleiner, abgetrennter Raum beherbergte eines der zahlreichen Escape-Spiele, in diesem Fall von Noris. Auch hier standen sich über vier Tage lang Besucher die Beine in den Bauch, die ihr Glück, Können oder Talent nutzen wollten um zu entkommen. Amigo hatten hier ebenfalls einen winzigen Stand aufgebaut, an dem die Spieler bei Ice Cool Pinguine auf der Jagd nach Fischen schnippen oder die beiden magnetischen Außerirdischen Mino & Tauri durch ein senkrecht stehendes Labyrinth führen konnten.


Mutete in den vorangegangenen Hallen die Platzierung der Aussteller schon recht willkürlich an, so bekamen die Besucher dies nochmals in der Halle 4 in komprimierter Form geboten. Händler mit Gebrauchtspielen standen hier neben Freßbuden, Vereinen und zumeist ausländischen Kleinstverlagen. Auch die Bandbreite der ausgestellten Spiele war erstaunlich: auf der einen Seite das traditionelle Go, im krassen Gegensatz dazu ein Fußball, der an einer Gummischnur durch die Gegend gekickt und geworfen wird und dessen genau Bezeichnung ich schon wieder verdrängt habe. Doch gab es in der schmalen, kleinen Halle durchaus einige Perlen zu entdecken, beispielsweise den heimlichen Publikumsliebling Topoum. Als Anführer eines Maulwurfsclans versuchen die Spieler ihr Territorium auszudehnen und die gegnerischen Maulwürfe zurückzudrängen. Dies, zusammen mit den niedlichen Illustrationen und vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges, ergibt ein lustiges, manchmal boshaftes aber immer unterhaltsames Spielvergnügen. Das auch Fantasy-Figuren gelegentlich feiern wollen setzen die Macher vom Orctoberfest voraus. Bratwurst, Brezeln und Bier gilt es hier möglichst schnell an die eigenen Spielfiguren zu bringen, während die anderen in der Schlange warten müssen. Das Spiel von Meeples Inc. macht einen recht originellen Eindruck, die Kickstarter-Kampagne zur Realisierung startet dann wahrscheinlich aber erst im Laufe des nächsten Monats. Bei 2Geeks gab es dagegen Im Schatten des Throns tatsächlich auch zu kaufen. In dem schnellen Kartenspiel geht es um Macht, Einfluss und die Kontrolle über wichtige Karten an einem mittelalterlichen Königshof. Optisch auf jeden Fall sehr ansprechend gestaltet, landete das Spiel spontan in meinem Rucksack und kommt sicherlich in Kürze zu einem ausführlichen Test auf den heimischen Spieltisch.


In meiner To-Do-Liste fanden sich nur wenige Einträge für die Halle 6, die etwas abseits vom Trubel lag und nur zur Hälfte genutzt wurde. Mein erster Anlaufpunkt waren die Herrschaften von Voodoo Games, bei denen ich ein (pünktlich fertig gestelltes) Kickstarter-Projekt, abholen konnte. Xibalba und die dazugehörige Generäle-Erweiterung waren erst am Tag vor der Messe angeliefert worden, zwei kleine Karten-Erweiterungen hatten es dagegen nicht mehr rechtzeitig nach Essen geschafft. Beide Autoren signierten, nachdem sie ihre anfängliche Zurückhaltung aufgegeben hatten, mein Exemplar und ich ließ mir vom Standpersonal eine kurze Einführung in das Spiel geben. Der Ausbau der eigenen Basis, die Rekrutierung von Soldaten und Zivilisten sowie die Ausbeutung einer außerirdischen Ressource stehen bei dem Spiel im Mittelpunkt. Die Kombination aus Würfel- und Kartenmechaniken funktioniert recht gut und alleine die Diesel-Punk-Optik, was auch immer man jetzt darunter verstehen mag, rechtfertigen zumindest einen Blick auf das Spiel. Meine zweite Anlaufstelle war der, nur wenige Meter daneben liegende, Stand von Scale75, einem spanischer Miniaturenhersteller. Neben zahlreichen Farbsets und der Figurenserie Smog Riders, niedliche Steampunk-Miniaturen in Chibi-Optik, gab es noch das SciFi-Tabletop Fallen Frontiers zu sehen. Gerne hätte ich hier eine kleine Demo angespielt, doch leider war der Tisch entweder besetzt oder kein Personal vorhanden und so musste ich mich mit einigen Fotos und einem Flyer begnügen. Davon abgesehen schlenderte ich relativ planlos durch die Halle und versuchte einen Bogen um den Stand mit den sehr geruchsintensiven Knoblauchbroten zu machen. Spiele wie Drinkopoly, Schmuseduell oder Die Partykracher sprachen mich ebenfalls nicht sonderlich an, auch das Programm der anderen Aussteller konnte mich nicht wirklich überzeugen und so machte ich mich nach einigen kurzen Gesprächen auf den weiteren Weg.


Die Halle 7 hatte dagegen schon ein paar interessante Anlaufstellen mehr zu bieten. So beispielsweise den Stand von Osprey Games. Eigentlich ein Ableger des auf militärhistorische Bücher spezialisierten Verlags haben sie in den letzten zwei Jahren ihr Spielsortiment extrem ausgebaut. Neben dem Skirmish-Tabletop Frostgrave oder der Neuauflage des über 40 Jahre alten Klassikers Escape from Colditz konnten hier auch einige, deutlich weniger militärisch orientierte Spiele angetestet werden. So versetzt Let them eat Cake die Spieler in die Wirren der französischen Revolution wo sie versuchen ihren Kopf vor der Guillotine zu retten, die Mitspieler ans Messer zu liefern und nebenbei auch noch das größte Stück vom Kuchen abzugreifen. Mit der richtigen Spielergruppe sicherlich sehr vergnüglich und schon für den nächsten Spielabend bereitgelegt. Daneben gab es noch einige kleinere Spiele, beispielsweise Odin's Ravens oder Secret Santa zu sehen, doch leider reichte meine Zeit dafür nicht aus. Viel mehr zog es mich zum Stand von Titan Forge, wo ich am Samstag endlich das heiß ersehnte Lobotomy abholen konnte, dass ich via Crowdfunding unterstützt hatte. Die Auslieferung hatte sich um einige Wochen verzögert und nur wenige Exemplare waren nach Essen geliefert worden. Auf ein Testspiel verzichtete ich jedoch und warf lieber einen intensiven Blick auf Vengeance. Das Spiel setzt Filme wie Kill Bill, Dirty Harry oder Ein Mann sieht rot recht treffend als Brettspiel um und mischt dabei Dungeon-Crawler- und Tabletop-Elemente. Die Spielrunde lief flüssig, machte Spaß und brachte das Film-Feeling ziemlich gut rüber; sicherlich ein Spiel, dass ich weiter im Auge behalten werde. Direkt nebenan drängten sich die Spieler bei Gray Fox Games um die kooperative viktorianische Verbrecher-/Monsterjagd London Dread. Auch hier wurde sehr viel Wert auf eine stimmige Optik gelegt, die Spielabläufe sind dagegen etwas gewöhnungsbedürftig. Den zahlreichen Testspielern schien es jedoch zu gefallen, war das Spiel doch bereits nach zwei Tagen ausverkauft. Leider waren auch hier die beiden Demo-Tische permanent belegt, aber nach Gesprächen mit den Autoren (und natürlich auch einigen Testspielern) packte ich die schwere Kiste ebenfalls in meine Tasche. Natürlich bot auch diese Halle viel mehr, beispielsweise das kuriose Kacke: Das Spiel, das extrem taktische Zwei-Personen-Kartenspiel Styx 666, oder Schäferstündchen (in dem die Spieler tatsächlich Schäfer oder eben Schafsräuber spielen). Recht versteckt in Halle 7 war auch die Packstation untergebracht, ein neuer Service des Messeveranstalters. Hier konnte die Besucher, die sich mit ihren Einkäufen leicht übernommen hatten, die Spiele direkt von der Messe aus nach Hause schicken lassen. Im Prinzip ein großartiger Einfall und eine echte Hilfe für obsessive Spielekäufer, nach den Preisen für diese Dienstleistung habe ich allerdings nicht gefragt...


Natürlich ist es hier nicht möglich alles aufzulisten, was es in den Hallen zu sehen gab - zu viele obskure, spannende, lustige oder auch einfach überflüssige Dinge hatten die Aussteller mitgebracht. So beispielsweise einen handgefertigten Spieltisch für den anspruchsvollen Brettspieler zum Preis eines Kleinwagens, Würfel in jeder erdenklich Form, Farbe und Seitenanzahl, LARP-Zubehör für jedwedes Setting oder auch Schaumstoffeinlagen für den Schutz der wertvollen Tabletop-Miniaturen. Während manche Aussteller, auch die kleinen, mit aufwändigen Ständen, Gewinnspielen und kostümiertem Personal versuchten auf sich aufmerksam zu machen begnügten sich andere mit einer Flipchart sowie einigen Buntstiften. Vom chaotischen Donnerstag abgesehen war die Stimmung an allen Tagen, trotz des Gedränges, sehr entspannt und ausgelassen. Zwar gab es immer wieder rücksichtslose Zeitgenossen, die mit ihren vollgepackten Bollerwagen oder Trolleys durch die Gänge walzten, aber auch daran hat man sich mittlerweile (leider) gewöhnt. Wirklich unangenehm wurde es jedoch, wenn man in einer Schlange hinter jemandem festgeklemmt war, der es mit der Körperhygiene nicht so genau nahm. Mehr als einmal stockte mir der Atem und ich konnte mich durch nur mit Mühe in einen der Innenhöfe retten. Ansonsten gab es pelzige Yetis zu sehen, die Flyer verteilten, junge Damen mit Regenbogensöckchen und einem Horn auf der Stirn gaben Demos und „fürsorgliche“ Eltern packten ihren Nachwuchs auf den Arm um den Kinderwagen vollladen zu können. Auffällig war, im Gegensatz zu den vorangegangenen Jahren, der Mangel an Gewandeten und Cos-Playern. Nur vereinzelt waren aufwändige Kostüme zu bestaunen, und wenn, dann meist nur beim Standpersonal.


Wie in jedem Jahr, so waren auch diesmal wieder einige Trends zu beobachten, auf die sich die Spielehersteller anscheinend alle gleichzeitig stürzten. Obwohl die Zombie-Welle mittlerweile eigentlich abgeklungen ist, kommen immer noch zahlreiche Spiele mit dieser Thematik auf den Markt. Einige davon sind wenig mehr als ein lauwarmer Aufguss schon bekannter Veröffentlichungen, andere punkten tatsächlich mit innovativen Ansätzen oder außergewöhnlicher Aufmachung, wie beispielsweise Z War One: Damnation oder das Kartenspiel Totenstadt.
Ein weiteres beliebtes Thema waren Spiele, die irgend einen Bezug zu Wikingern oder der nordischen Mythologie herstellten. Gefühlt an jedem dritten Stand gab es irgend etwas mit „Vikings“, „Odin“ oder „Norse“ im Titel zu kaufen. Die Bandbreite reichte dabei von Deckbuilding-Spielen über Tabletops und Strategiespielen bis hin zu kindgerechten Würfelspielen. Nach kurzen Runden mit dem wirklich sehr guten Blood Rage und dem etwas schwächeren In the Name of Odin hatte ich allerdings von Drachenschiffen und Methörnern genug und widmete mich einem anderen Trend, den sogenannten Escape-Spielen.
Bei dieser Art von Spiel sind die Spieler in einem Raum eingeschlossen und müssen unter Zeitdruck Aufgaben lösen um wieder zu entkommen. Ursprünglich als Event- oder Party-Spaß in speziellen Räumlichkeiten gedacht, machten sich mehrere Firmen daran, dieses Konzept auch in die heimischen vier Wände zu übertragen. Die Bandbreite reichte dabei, je nach Verlag, von winzig kleinen Schachteln mit ein paar Blatt Papier, beispielsweise Exit – Das Spiel bei Kosmos, bis hin zu ausgeklügelten technischen Apparaturen in die die Spieler Kunststoffschlüssel in der richtigen Kombination stecken mussten, so gesehen bei Escape Room – Das Spiel von Noris. Gemein war aber allen Spielen, dass sich lange Schlangen vor den Demo-Tischen und -Räumen bildeten und ich keine Möglichkeit sah, ohne übermäßig lange Wartezeiten, eine Testrunde zu ergattern. Sind die Rätsel allerdings erst einmal geknackt, so kennen die Spieler die Lösung, was die Angelegenheit ziemlich reizlos macht und mich bisher auch von Spielen dieser Art abschreckt.
Der Cartoonist John Kovalic hat vor einigen Jahren gesagt, dass alles besser wird mit Cthulhu. Und tatsächlich haben die Spieleverlage die Schöpfung des Autors H.P. Lovecraft für sich entdeckt. Ob dies nun eine neue Version von Pandemie ist oder das Kartenspiel Tides of Madness, das schnelle Würfelspiel IÄÄ! Cthulhu! Fhtagn! oder das CoSim Shadows over Normandie, überall hat der Große Alte seine Tentakel im Spiel. Im Rollenspielbereich kümmerten sich Pegasus Press und Chaosium um diese Thematik und sogar die Deutsche Lovecraft Gesellschaft war mit einem kleinen Stand vor Ort um ihr Vereinsmagazin zu präsentieren. Einigen dieser Spiele gelingt es tatsächlich so etwas wie einen Bezug zum Cthulhu-Mythos herzustellen, sei es nun inhaltlich oder optisch, doch die meisten scheitern daran und versuchen wahrscheinlich nur mit dem Namen ein paar schnelle Euros zu machen.
Ein letzter Trend der mir in diesem Jahr verstärkt auffiel war die schon beinahe inflationäre Präsenz von Dungeon-Crawlern. Bei dieser Art von Spiel bewegt sich eine Handvoll Helden durch ein mittelalterliches Verlies, ein havariertes Raumschiff oder eine verlassen Stadt, besiegt Gegnerhorden und sammelt dabei Schätze ein. War vor einigen Jahren das altehrwürdige HeroQuest praktisch der einzige Vertreter dieser Spielegattung, so gibt es mittlerweile eine riesige Auswahl. Die Hersteller liefern sich regelrechte Materialschlachten um Figuren, Bretter, Marker und die Komplexität der Spielregeln und ich bin sicher, in den kommenden Jahren wird dieser Trend noch weiter eskalieren. Die Konsolenspielumsetzung Dark Souls, die Endzeitvision The Others, das bereits erwähnte Conan, das Kampagnenspiel Star Wars: Imperial Assault oder das wahnsinnige Lobotomy aus Polen waren dabei nur einige, wenn auch besonders auffällige, Vertreter.



Laut den offiziellen Angaben des Messeveranstalters, dem Friedhelm Merz Verlag, kamen in diesem Jahr rund 174.000 Besucher und über 1.000 Aussteller mit fast 1.200 Neuheiten auf die Messe, was wiederum einen deutlichen Anstieg im Vergleich zum Vorjahr bedeutet. Von den nackten Zahlen abgesehen war auch für mich, rein subjektiv, die Steigerung deutlich spürbar. Ich fahre nun seit über 20 Jahren auf die Messe und habe nie ein solches Gedränge erlebt. In den Hallen der „großen“ Verlage war es kaum möglich einen Platz an den Demotischen zu ergattern und selbst der Weg durch die Gänge war mühsam. Erst am späten Nachmittag gab es hier die Möglichkeit Spiele ohne längere Wartezeiten auszuprobieren und sich die Neuheiten in Ruhe anzuschauen.

Eine besondere Erwähnung verdient die chaotische Anreisesituation am Donnerstag. Die Messehalle in Sichtweite mussten viele Besucher, aber auch zahlreiche Aussteller, mitunter stundenlang warten bis sie sich zu einem Parkplatz vorgearbeitet hatten. Für wenige Kilometer Anreise wurden durchaus zwei Stunden oder mehr benötigt. Selbst der Öffentliche Nahverkehr war mit der Situation heillos überfordert. Erst als gegen Mittag die Polizei ordnend eingriff entspannte sich die Lage ein wenig. Dennoch war an diesem ersten Tag die Stimmung gedämpft, teilweise sogar aggressiv. Glücklicherweise waren die Verantwortlichen in der Lage, die Anreisesituation in den darauf folgenden Tagen ein wenig zu entschärfen und so kam es nicht mehr zu diesen massiven Behinderungen.
Dennoch kann ich mich langsam nicht des Eindrucks erwehren, dass die SPIEL in den Grugahallen langsam an ihre Kapazitätsgrenzen stößt, sowohl was die Besucher- aber auch die Ausstellerzahlen angeht.

Freitag, 7. Oktober 2016

[Konzert] Madness
Support: The Frits
Dienstag, 4. Oktober 2016
RuhrCongress, Bochum


Eine meiner ersten Musik-Cassetten (die komischen schwarzen Plastikkästchen mit zwei Löchern und einem Magnetband) war Keep Moving von Madness aus dem Jahr 1984. Nicht unbedingt das beste/typischste Album der Band, aber für mich war es der Einstieg in die Musik des Septetts aus London. In kurzen Abständen folgten die anderen Alben (diesmal auf Platte) und auch andere Künstler aus dem Ska-Genre wanderten schließlich in meine stetig wachsende Sammlung. Leider hatte ich nie Gelegenheit gehabt die Band live zu erleben, waren die wenigen Konzerte in den letzten Jahre doch meist auf London beschränkt. Daher überraschte mich die Ankündigung, dass Madness, inzwischen zum Sextett geschrumpft, im Rahmen einer Promo-Tour für ihr neues Album auch für zwei Termine nach Deutschland kommen würden. Ohne lange nachzudenken buchte ich Tickets und Hotel für Bochum, da das Konzert in Berlin aus verschiedenen Gründen für mich nicht in Frage kam. Nun musste ich nur noch das halbe Jahr bis zu dem Termin irgendwie überbrücken. Glücklicherweise sind Konzerte von Ska-Bands im Rhein-Main-Gebiet keine Seltenheit, daher hatte ich genug Möglichkeiten mich bis Oktober einzustimmen, beispielsweise erst Ende September mit den wirklich großartigen Buster Shuffle.

Die Fahrt nach Bochum verlief trotz der zahlreichen Baustellen erfreulich unproblematisch, auch das Zimmer im Ramada ging für den Preis durchaus in Ordnung, auch wenn ich in der Hinsicht mittlerweile doch etwas verwöhnt bin. Bis zum Konzert blieben mir noch ein paar Stunden, die ich für eine kleine Sightseeing-Tour durch die Bochumer Innenstadt nutzen wollte. Viel zu sehen gab es hier nicht, von einer erstaunlich großen Zahl an Süßwaren-Outlets und der Freßmeile Bermuda3eck abgesehen. Wieder zurück im Hotel war ich dankbar ein Zimmer im Erdgeschoß zu haben, war der Fahrstuhl doch noch immer defekt.

Nach einer kurzen Verschnaufpause schnürte ich schließlich meine Doc Martens und schlenderte die paar Meter zum RuhrCongress, dessen Türen sich um 19 Uhr öffnen sollten. Der Besucherandrang hielt sich in einem sehr überschaubaren Rahmen und vielleicht hundert Leute standen vor der Halle, tranken, rauchten und unterhielten sich miteinander. Offensichtlich waren auch viele Fans aus den umliegenden Ländern angereist, konnte ich doch Gesprächsfetzen in den unterschiedlichsten Sprachen auffangen.

Recht pünktlich wird uns Einlass gewährt, und die, mittlerweile etwas angewachsene, Menge schiebt sich geordnet in die Räumlichkeiten. Ich lasse den Merchandise-Stand und die Bar schnell hinter mir und gehe direkt in den Saal um noch einen Platz direkt an der Absperrung in wenigen Metern Entfernung zur Bühne zu bekommen. Immer mehr Besucher strömen nun in den Innenraum auch die beiden Emporen füllen sich stetig und als um 20 Uhr die Lichter ausgehen ist die Halle fast komplett voll.



Den Einheizer geben an diesem Abend The Frits, die in Bochum praktisch ein Heimspiel haben. Unterstützt wird die achtköpfige Band dabei durch den allgegenwärtigen Dr. Ring Ding an der Posaune, den ich damit in diesem Jahr schon zum dritten Mal mit drei verschiedenen Bands gesehen habe. Die Herren eröffnen mit "Concrete Jungle", eher eine Rockabilly-Nummer, ihr Set und das Publikum wippt beinahe vom ersten Ton an mit. Neben eigenen reinrassigen Ska-Stücken aus der mittlerweile über 30jährigen Bandgeschichte, wie "Hey Girl", "Streetfighter" oder "Little Idiots", geben sie auch zwei Cover-Versionen zum Besten. "Rat Race", im Original von The Specials gehört bei vielen Bands des Genres zum festen Repertoire und wird vom Publikum entsprechend gefeiert. Etwas überrascht hat mich dagegen die locker-leichte Version von "Always Look On The Bright Side Of Life" mit der sich The Frits nach etwas mehr als einer halben Stunde von der Bühne verabschieden. Trotz der zahlreichen und lautstarken Rufe nach einer Zugabe bleibt die Band leider im Backstage-Bereich verschwunden, was zwar schade aber, angesichts des straffen Zeitplans, nicht unerwartet ist.

Nach einer erstaunlich kurzen Umbaupause verdunkelt sich um ziemlich genau 21 Uhr die Bühne und ein zuckersüßes Intro vom Band wird eingespielt, ziemlich rüde unterbrochen von Sirenen und verzerrten Soundschnipseln.

Verstärkt von einer dreiköpfigen Bläsersektion betreten die verbliebenen Bandmitglieder, Cathal Smyth aka Chas Smash hat die Band vor einiger Zeit verlassen, im Anzug und mit Hut die Bühne und geben mit "One Step Beyond" aus dem Jahr 1979 die Richtung vor. Saxophonist Lee Thompson balanciert am Bühnenrand und schlendert von einer Ecke zur anderen bevor er seinen Platz findet. Beim folgenden "Embarrassment" ist Sänger Suggs McPherson stellenweise schwer zu verstehen, aber das Publikum singt laut genug mit um diese kleine Panne zu kaschieren. Im Gedenken an das kürzlich verstorbene Ska-Urgestein Prince Buster spielt die Band "The Prince", seinerzeit ihre Debüt-Single. Dazwischen macht Suggs seine Späße mit dem Publikum, liefert kleine Tanzeinlagen, begrüßt das Publikum auf spanisch, kündigt einige Cover von One Direction an, nur um dann doch "NW5" vom 2009er Album The Liberty Of Norton Folgate zu spielen. Nach einigen Frotzeleien innerhalb der Band folgen mit "My Girl", "Take It Or Leave It" und "Wings Of A Dove" Stücke aus den frühen 80ern, die vom Publikum entsprechend gefeiert werden. Die meisten Besucher beschränken sich darauf, zur Musik zu wippen und mitzusingen, was weitgehend dem fortgeschrittenen Alter geschuldet sein dürfte. Nur vereinzelt wird ausgelassen getanzt und gesprungen, allerdings in einem sehr überschaubaren, zivilisierten Rahmen – da bin ich durchaus Schlimmeres gewohnt.

Mit "Herbert" spielen Madness dann das erste Stück vom Album Can't Touch Us Now, das Ende Oktober erscheinen wird. Das Lied lässt ein wenig den Schwung vermissen, ist aber doch sehr entspannt und eingängig, was mir (und wohl auch den anderen Zuschauern) recht gut gefällt. Wieder zurück in die 80er geht es mit "The Sun And The Rain", eine großartige Schunkelnummer bei der praktisch die ganze Halle im Takt mitwippt. Auch eine Cover-Version hat es in die Setlist des Abends geschafft: mit "I Chase The Devil" von Max Romeo spielt die Band fast klassischen Reggae, bei dem das Saxophon eine extrem exponierte Stellung einnimmt. Letzte Woche hatten die großartigen (und deutlich jüngeren) Buster Shuffle bei einem Konzert im Wiesbadener Schlachthof dem selten gehörten Stück eine völlig andere Richtung und deutlich mehr Druck verpasst. Schwer zu sagen, welche der beiden Varianten nun die bessere war. Das Titelstück des neuen Albums "Can't Touch Us Now" groovt, ist melodisch und durchaus tanzbar, verfügt aber auch über einige melancholische Untertöne. Eine schöne Nummer, die nahtlos mit viel Bläsern und Keyboard an die klassischen Stück anknüpfen kann. Der "nutty sound", das frühe Markenzeichen der Band, kommt bei "Bed And Breakfast Man" vom Debüt zum ersten Mal an diesem Abend richtig durch. Mittlerweile steht niemand mehr im Saal still, die Herrschaften auf den Sitzplätzen der Empore einmal abgesehen und auch bei "Shut Up" zählen alle artig bis drei und feiern mit der Band. Erneut wird Prince Buster bemüht, diesmal mit einem Cover von "Girl Why Don't You?", wieder sehr reggaelastig aber durchaus tanzbar. 


 Während der Rest der Band die Bühne verlässt um Getränke nachzufüllen und den Schweiß zu trocknen bleibt Gitarrist Chris Foreman alleine zurück und singt mit Halbplayback und sehr viel Enthusiasmus "Highway To Hell". Erholt und motiviert kommen Madness zurück, und liefern mit "House Of Fun" wohl eines der bekanntesten und erfolgreichsten Stücke ihrer Geschichte. Auch nach gut 30 Jahren funktioniert das Lied immer noch ganz hervorragend und tatsächlich kommt jetzt auch wirklich Bewegung ins Publikum. Das es noch etwas schneller geht beweist das folgende "Baggy Trousers", eines meiner Lieblingsstücke. Nur folgerichtig das die Band noch "Our House" nachlegt, über das eigentlich keine Worte verloren werden müssen. Das deutlich ruhigere "It Must Be Love" leitet das Ende des Sets ein und die Musiker verschwinden im Anschluss hinter die Bühne.
Nach einer angemessenen, glücklicherweise nicht zu langen, Pause beginnt die Zugabe mit "Mr. Apples" vom neuen Album. Das Stück fügt sich nahtlos in das restliche Repertoire der Band ein und hätte auch auf einem der frühen Alben seinen berechtigten Platz gehabt. Für den Endspurt müssen "Madness" und "Night Boat To Cairo" herhalten, mit denen die Band sich, das Publikum und den Abend feiert. Hier wird noch einmal richtig Gas gegeben und im kompletten Saal ist Bewegung, sogar auf den Rängen wird (ein kleines bisschen) gefeiert.

Nach nicht ganz 90 Minuten verabschieden sich Madness dann endgültig vom Publikum und lassen sich auch durch noch so viel Rufe und Klatschen nicht zu einer weiteren Zugabe bewegen. Schade eigentlich, aber dafür, dass die Herren mittlerweile alle stramm auf die 60 zugehen haben sie, vor allem Suggs McPherson und Lee Thompson, eine ziemlich tolle Show geboten, viel mit dem Publikum gearbeitet und ihre Späße gemacht. Die Menge strömt schließlich in Rekordzeit aus der Halle nur um dann im Vorraum die Theke, die Garderobe und den Merchandise-Stand zu belagern. Ich drängele mich ebenfalls am Tisch um mir die Auslage ansehen zu können. Die Auswahl an Shirts ist recht umfangreich und groß, gleiches gilt leider auch für die Preise die hier aufgerufen werden. Tonträger finden sich leider gar nicht und die Kosten für ein Polo-Shirt oder gar einen Hoodie finde ich schon recht grenzwertig. Also spare ich lieber mein Geld und nehme mir vor, dieser Tage einen Blick in den gut sortierten Online-Shop der Band zu werfen.

Langsam macht sich bei mir eine gewisse Müdigkeit breit und nachdem ich ein paar Minuten vergeblich in der Hoffnung ausgeharrt habe, dass sich die Musiker blicken lassen kehre ich der Halle den Rücken. Glücklicherweise sind es nur ein paar Meter vom RuhrCongress bis zum Hotel und so kann ich schon bald müde, kaputt, aber glücklich und zufrieden auf die Matraze sinken.

Die Song-Auswahl war eine gelunge Mischung aus vielen alten Stücken, aufgelockert mit noch unveröffentlichtem Material vom kommenden Album sowie einigen Cover-Versionen von Ska- und Reggae-Legenden, die die Band als The Dangermen vor einigen Jahren bereits eingespielt hat. Ein paar Lieder habe ich zwar schmerzlich vermisst, so beispielsweise "Drip Fed Fred" oder "Uncle Sam", aber ich will mich nicht beschweren, die Setlist war toll und es war für jeden etwas dabei. Zudem hatte man zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass Madness hier einfach nur ein paar Lieder runterschrubben um ein bisschen Kohle einzufahren. Die Musiker hatten, zumindest sah es für mich danach aus, tatsächlich Spaß daran auf der Bühne zu stehen und sich vom Publikum feiern zu lassen.

Sehr interessant fand ich die Publikumszusammenstellung: Die meisten Besucher waren deutlich über 40, teilweise sogar mit dem Nachwuchs im Schlepptau. Aber auch genug Leute irgendwo zwischen 20 und 30, die eigentlich zu jung sind um die Hochzeiten der Band mitbekommen zu haben, hatten sich eingefunden. Obwohl es im Saal und besonders vor der Bühne doch recht eng wurde, blieben die befürchteten wilden Tanz- und Spring-Attacken aus, auch um Bierduschen kam ich herum. Konzerte mit einem hohen Altersdurchschnitt haben doch tatsächlich ihre guten Seiten.
Technisch gab es an dem Konzert ebenfalls kaum etwas auszusetzen. Zumindest direkt vor der Bühne war der Sound sehr gut, selbst wenn Mr. McPherson hin und wieder von den Bläsern, besonders vom Saxophon, übertönt wurde. Die Bühnenbeleuchtung war, abgesehen vom ersten Stück, eher dezent und stimmig auf die jeweiligen Lieder angepasst, setzte die einzelnen Musiker in Szene oder richtete sich gelegentlich ins Publikum.

Von nur einigen winzigen Schönheitsfehler abgesehen beweisen Madness, dass sie noch im fortgeschrittenen Alter durchaus in der Lage sind eine tolle Show zu bieten, auch wenn die Exzesse früherer Jahre wohl endgültig der Vergangenheit angehören.

Sonntag, 31. Juli 2016

[Festival] Amphi
23.-24. Juli  2016
Tanzbrunnen,Köln

Nachdem ich im letzten Jahr mit einem etwas zwiespältigen Eindruck aus Köln vom Amphi nach Hause zurückgekehrt bin, hatte ich eigentlich vorgehabt, dem Festival 2016 fern zu bleiben. Das Ambiente der Lanxess-Arena konnte mich nicht wirklich begeistern und auch das diesjährige Line-Up fand ich nur bedingt spannend. Als die Veranstalter jedoch die Rückkehr zum Tanzbrunnen ankündigten war dies für mich jedoch das beste Argument das Festival doch zu besuchen. Und so entschied ich mich relativ spontan doch ein verlängertes Wochenende in Köln zu verbringen. Kurzfristig konnte ich ein ein recht komfortables Hotel (zu einem akzeptablen Preis) buchen, jedoch waren die Karten für die Warm-Up-Party am Freitag schon lange vergriffen.
Da ich im Büro unabkömmlich bin, mache ich mich erst am Freitag Nachmittag auf den Weg in die Domstadt. Glücklicherweise verläuft die Fahrerei ohne großartige Staus und Baustellen, eigentlich sehr ungewöhnlich für diese Strecke, und auch das Einchecken im Hotel ist schnell erledigt. So bleibt mir noch Zeit für einen kleinen Bummel durch die Stadt, wo ich zwei, drei Anlaufpunkte habe, die eigentlich bei jedem Köln-Besuch auf dem Programm stehen. Unterwegs treffe ich Bekannte aus der Gegend um Freiburg, die ebenfalls für das Amphi in der Stadt sind. Nachdem ich mich, länger als erwartet, fest gequatscht habe, muss ich mich beeilen um noch einige Vorräte für das Wochenende zu besorgen.
 

Wieder im Hotel angekommen überlege ich noch kurz einen Abstecher zum Tanzbrunnen zu machen und das Gelände in Augenschein zu nehmen. Doch nachdem ich mich meiner Schuhe entledigt habe fehlt einfach die Motivation noch einmal das Zimmer zu verlassen. So bleibe ich im Bett liegen und schaue mir die beängstigenden Berichte aus München an, die nach und nach durch die verschiedenen Nachrichtensender veröffentlicht werden.
Immerhin bin ich am nächsten Morgen einigermaßen erholt und arbeite mich mit Hingabe durch das wirklich exzellente Frühstücksbuffet des Dorint, bevor es gegen 11 Uhr im leichten Nieselregen in Richtung des Festival-Geländes geht.

Als ich am Tanzbrunnen ankomme höre ich schon von weitem die Lokalmatadore [x]-RX, die trotz der frühen Stunde ein recht derbes elektronisches Programm fahren. Für diese Art von Musik ist es mir allerdings dann doch noch viel zu früh und ich bummele lieber erst einmal über das Gelände. An den meisten Ständen wird noch gebaut, dekoriert oder die Auslage geordnet, einige Aussteller haben es noch nicht einmal zum Festival geschafft und die Vorhänge bleiben zugezogen. Kleidung, Accessoires, Schuhwerk, Schmuck und natürlich Tonträger kann der solvente Festivalbesucher hier erstehen. Auch Exotischeres gibt es zu sehen; so kann man sich bei Father Sebastiaan auf dem Daywalker Market Vampirzähne einsetzen lassen, am Stand von Tinnef gehäkelte Zombiepüppchen kaufen oder ein paar Meter weiter (ich habe leider den Namen des Ausstellers vergessen) selbst geschweißte Steampunk-Deko für die Wohnung erstehen.
 

Zwischenzeitlich stehen die Herren von Solitary Experiments auf der Bühne und bringen schon ein wenig mehr Schwung in die immer recht träge schwarze Masse. Gefälliger, eingängiger und tanzbarer Future-Pop vertreibt bei mir die letzte Müdigkeit und langsam komme ich auf Betriebstemperatur.

Das erste Konzert das an diesem Tag auf meiner To-Do-Liste steht findet jedoch auf der Orbit Stage statt, die in den Innereien der MS RheinEnergie untergebracht ist. Das Schiff liegt einige hundert Meter vom Tanzbrunnen entfernt, in Richtung der Hohenzollernbrücke, vor Anker und so mache ich mich schon frühzeitig auf den Weg um mir einen ordentlichen Platz zu sichern. Nach kurzer Wartezeit und einer erneuten Taschenkontrolle geht es dann auch über die Gangway ins angenehm klimatisierte Innere des Schiffes.
 
Hatten die Veranstalter im letzten Jahr mit der Buchung der Psychobilly-Band The Creepshow aus Toronto das richtige Gespür bewiesen, so war es nur konsequent, das auch 2016 eine Band dieses Genres auf die Bühne musste. Die Wahl fiel dabei auf die Bloodsucking Zombies From Outer Space aus der österreichischen Hauptstadt, die trotz der frühen Stunde (und natürlich der starken Konkurrenz auf den beiden anderen Bühnen), vor recht zahlreich erschienenem Publikum auftreten. Neben der blutig ausgefallenen Deko fallen die recht ungesund aussehenden Musiker ins Auge, vor allem der singende Schlagzeuger Dead Richy Gein ist ein Blickfang. Ansonsten präsentiert sich die Band gut gelaunt und spielt sich durch ihr umfangreiches Repertoire, wobei es mir die beiden Stücke „Vienna Calling“ (ein Falco-Cover) und „Der Kopf deiner Mutter“ vom aktuellen Album Mörder Blues 2 ziemlich angetan haben. Die Leute vor der Bühne tanzen, manche wild und ausgelassen, andere dann doch eher reserviert. Und sogar bei mir auf der Galerie vibriert der Boden ein wenig unter dem rhythmischen Stampfen der Stiefel.
Nach diesem, doch sehr vielversprechenden, Auftakt herrscht am Merch-Stand und auch bei der anschließenden Autogramm-Session reges Gedränge. Die vier gutgelaunten Herren lassen sich, immer noch in ihren Bühnenoutfits, dabei nicht hetzen und jeder bekommt eine Unterschrift, ein Selfie oder kann ein kurzes Schwätzchen mit den Musikern halten.
Die verblieben Zeit bis zur nächsten Band will ich für einen kurzen Abstecher auf das Sonnendeck nutzen um ein wenig frische Luft zu schnappen. Doch schon beim ersten Treppenabsatz bleibt mir die Luft weg; es nieselt immer noch, diesmal etwas stärker, mittlerweile ist die Temperatur jedoch deutlich angestiegen. Dies ergibt eine extrem unangenehme, schweißtreibende Mischung und ich flüchte wieder ins abgedunkelte und klimatisierte Bootsinnere.
Die Umbauarbeiten für Laura Carbone sind schon fast abgeschlossen, daher spare ich mir die Suche nach einer Sitzgelegenheit und nehme wieder meinen Platz auf der Galerie ein. Nicht unbedingt typisch für ein „schwarzes“ Festival spielt die junge Frau aus Mannheim mit ihren drei Mitstreitern durchaus gefälligen Indie-Rock. Die Stücke vom Sirens-Album werden recht gut aufgenommen, allerdings eignet sich die Musik nicht unbedingt zum Feiern. So belassen es die meisten Zuschauer bei wohlwollendem Kopfnicken, lediglich bei „Swans“ und dem grandiosen „Heavy Heavy“ kommt etwas Bewegung in die ersten Reihen. Auch der Rest des Sets gefällt mir recht gut und dies wird sicherlich nicht der letzte Auftritt der jungen Dame gewesen sein, den ich besuche.
Da ich doch etwas lernresistent bin, versuche ich erneut mein Glück oben auf dem Schiff, doch eine wirkliche Verbesserung der Luftqualität hat sich bisher nicht eingestellt. Immerhin regnet es nicht mehr und ich habe die leichte (und wie sich herausstellt, begründete) Hoffnung, dass sich die Wetterlage noch etwas weiter entspannt. Da ich mittlerweile doch ein leichtes Hüngerchen verspüre gebe ich dem schiffseigenen Catering eine Chance und verleibe mir eine Currywurst ein. Nicht unbedingt ein kulinarischer Hochgenuss, aber wahrscheinlich auch nicht viel schlimmer als die anderen Gerichte auf der Speisekarte.

Mittlerweile stehen Larissa Iceglass und William Maybelline auf der Bühne und legen letzte Hand an ihre Instrumente. Ich hatte Lebanon Hanover zwar erst vor wenigen Wochen in der Oetinger Villa in Darmstadt gesehen, aber wenn ich schon die Gelegenheit habe, ein zweites Konzert des Duos zu besuchen, nehme ich dies natürlich auch war. Die Musik der Band ist zwar nur bedingt tanzbar, doch das enthält einen sehr enthusiastischen Fan nicht davon ab wild um sich zu schlagen und zu treten. Nach den mehr oder minder freundlichen Ermahnungen der umstehenden Besucher hält er sich zwar zurück, doch die blauen Flecken bleiben. Während Frau Iceglass für die Vocals bei den unterkühlten, emotionslosen Stücke wie „Hall of Ice“ oder natürlich dem grandiosen „Gallowdance“ verantwortlich ist übernimmt Herr Maybelline bei den eher energischeren Stücken das Mikrofon. Wirklich herausragend ist dabei „Totally Tot“, mit dem sich die Band von der Bühne verabschiedet.
Das Wetter ist zwar immer noch alles andere als angenehm, doch für mein nächstes Konzert muss ich notgedrungen zurück an die Hauptbühne. Vorbei geht es an der Besucherschlange, die auf Einlass in das Theater hofft, wieder durch eine Taschenkontrolle und zu einem kurzen Zwischenstopp an einem der beiden Trinkbrunnen um die Flasche wieder aufzufüllen.

Das Gedränge vor der Bühne hält sich noch in einem überschaubaren Rahmen als ich an der Main Stage ankomme und mir recht weit vorne einen Platz sichere. Auch Tarja habe ich vor gar nicht allzu langer Zeit schon live gesehen; allerdings war der Rahmen doch ein völlig anderer: auf der vorweihnachtlichen „Ave Maria“-Tour in einer kleinen, bestuhlten Location, begleitet von Klavier, Violine und Cello hat Frau Turunen gezeigt, dass sie eine grandiose Sängerin ist. Hier in Köln liegt der Fokus auf der rockigen Seite ihres Schaffens, besonders auf dem kommenden Album The Shadow Self. Nach den doch eher ruhigen Klängen der vorangegangenen Band liefern die fünf Musiker der finnischen Sopranistin doch ein recht heftiges Brett ab. Sehr gut gefallen mir von den neuen Sachen „Demons in You“ und das Muse-Cover „Supremacy“, der Rest ist nicht schlecht, aber auch nicht herausragend. Ansonsten liefert Tarja eine solide Metal-Show, tobt über die Bühne, bangt was die Nackenmuskulatur hergibt und strahlt das Publikum an. Dabei stört mich dann auch beinahe gar nicht mehr, dass die zweite Stimme vom Band kommt und Gitarre sowie Schlagzeug die anderen Instrumente fast vollständig übertönen.
Die Menge verteilt sich nach dem Auftritt überraschend schnell auf die umliegenden Merchandise- und Catering-Stände, während ich noch einige Minuten stehenbleibe um meinen Ohren eine kleine Verschnaufpause zu gönnen. Die Stimme der Dame ist schon recht heftig und hinterlässt bei mir ein leichtes Pfeifen – trotzdem toll und ich werde sicherlich versuchen für die Tour im Oktober ein Ticket zu bekommen. Mittlerweile muss ich mich schon fast beeilen um wieder auf das Schiff zu kommen, da dort das nächste Konzert bald anfängt, das ich auf keinen Fall verpassen will.

Auf den Auftritt von Der Fluch hatte ich mich schon im letzten Jahr riesig gefreut, doch leider musste seinerzeit das Konzert auf Grund der katastrophalen Wetterlage abgesagt werden. Doch die Veranstalter haben Wort gehalten und die Band in diesem Jahr (ebenso wie auch Neuroticfish) wieder auf das Festival geholt um den entfallenen Termin nachzuholen.
Wenig überraschend beginnt das Set mit „Ich bin der Fluch“, dem eine ganze Reihe von Klassikern aus beinahe 30 Jahren Bandgeschichte folgen. Jedes Stück wird von Deutscher W mehr oder minder ausführlich anmoderiert, der sich auch teils bissige Kommentare nicht verkneifen kann. Sehr schön beispielsweise: „Draußen spielt Peter Heppner schöne Musik für schöne Menschen. Was wollt ihr also hier drin?“. Ansonsten liefert die Band ein recht vielseitiges Set, wobei „Herr der Fliegen“, „Gottes Schwert“ und „Der Rabe“ nicht fehlen dürfen. Der Sänger kraxelt dabei die Boxentürme hinauf, hangelt sich an der Galerie entlang und landet, eher unsanft, wieder auf der Bühne – nur um im nächsten Augenblick durch den Zuschauerraum zu streifen. Das Publikum dankt es der Band, singt lauthals die Texte mit und feiert ordentlich. Nach gut 50 Minuten verlassen Der Fluch die Bühne, nur um kurz darauf für das unvermeidliche „Halb Mensch Halb Tier“ zurückzukehren und damit das Konzert standesgemäß zu beschließen.
Die Wahl auf die letzte Band des Tages fällt mir nicht leicht. In der Orbit Stage werden gleich die Goth-Rocker von Nosferatu die Bühne betreten; durchaus reizvoll, aber ich würde gerne den Abend mit ein wenig mehr „Wumms!“ beenden. Nach den bisherigen, eher rockig-gitarrenlastigen Bands wäre ein wenig elektronische Musik eine gelungene Abwechslung. Also ist das Theater der logische Anlaufpunkt, wo mit Front Line Assembly ein Klassiker des Genres auf der Bühne steht, den ich zudem noch nie live gesehen habe. Offensichtlich bin ich jedoch nicht alleine mit meinen Überlegungen, zieht sich die Besucherschlange beinahe unüberschaubar in die Länge. Nach nur wenigen Minuten Wartezeit gebe ich entnervt auf und gehe in Richtung der Hauptbühne, die grade für den Auftritt von Blutengel vorbereitet wird.
Das erfolgreichste Projekt von Chris Pohl ist mir eigentlich viel zu poppig und pathetisch, aber ich habe keine Lust nochmal auf dem Schiff oder beim Theater mein Glück zu versuchen. Der Platz vor der Hauptbühne, und weit darüber hinaus, ist mittlerweile brechend voll und ich bin dankbar, dass es ein wenig aufgefrischt hat als das Set mit einem sehr markanten Drum-Part eingeleitet wird. Gitarre, Schlagwerk und Keyboard begleiten die beiden Vokalisten Ulrike Goldmann und Chris Pohl, hinzu kommen noch drei Damen (anfangs) im Nonnen-Habit. Während die Musik, einschließlich „Sing“ und „Reich mir die Hand“, fast alle meine Vorurteile über die Band aufs Neue bestätigt, kann die Live-Show doch recht passabel unterhalten. Nach einer Handvoll Stücke wird es mir aber schließlich doch zu eng und ich bahne mir meinen Weg an die Strandbar um dort ein wenig die Füße hochzulegen.
Mit einem kühlen Getränk in der Hand, der Musik angenehm gedämpft im Hintergrund, einem bequemen Liegestuhl und mittlerweile tatsächlich angenehmen Temperaturen lässt es sich tatsächlich hier Aushalten – deutlich gemütlicher und entspannter als im letzten Jahr. Und der Blick auf das andere Rheinufer mit Dom und Sommerfest ist ebenfalls großartig!

Nach dem Konzert stellt sich mir die Frage, welche der beiden Aftershow-Parties einen Besuch lohnen. Auf dem Schiff zusammen mit Honey (der von Welle: Erdball) auf die andere Rheinseite fahren, ein Musikstück zusammenschrauben und anschließend noch ein bisschen feiern? Oder doch lieber im Theater die halbe Nacht verbringen um sich von verschiedenen DJs die Gehörgänge durchpusten zu lassen? Nach einem abschließenden Bummel über das Festivalgelände entscheide ich mich für Variante C und mache mich auf den Weg zum Hotel. Nach einem kleinen Umweg über eine nahegelegene Tankstelle, wo erstaunlich viele schwarz gekleidete Gestalten die Alkoholvorräte plündern, schleppe ich mich auf mein Zimmer, entledige mich meiner Stiefel und lasse mich aufs Bett fallen. So langsam macht sich das Alter doch bemerkbar und ich döse noch vor dem Wort zum Sonntag weg.

Dies hat dann allerdings den Vorteil, dass ich mich am Sonntag frisch und ausgeruht auf den Weg in den Frühstücksraum mache. Von meinem Platz aus kann ich recht gut die misstrauischen Blicke der „normalen“ Gäste beobachten, die sie den tätowierten, gepiercten und ausnahmslos in schwarz gekleideten Gestalten zuwerfen, die nach und nach in den Saal schlurfen. Der kleine Junge am Nebentisch kann beispielsweise seinen Blick nicht von der Dame in eleganter Korsage abwenden, die sich am Obstkorb gefährlich weit nach vorne beugt. Und auch die ausweichende Antwort des Vaters auf die Frage warum denn hier die Leute so merkwürdig rumlaufen scheint ihm auch nicht wirklich auszureichen. Nach einem ziemlich leckeren (und sehr unterhaltsamen) Frühstück geht es noch für ein letztes Kräftesammeln aufs Zimmer und dann auch kurz darauf weiter in Richtung Tanzbrunnen.
Wie zu erwarten ist die Anzahl der Zuschauer bei Beyond Obsession und TÜSN am Sonntag morgen sehr überschaubar. Dies hält die Bands jedoch nicht davon ab, ordentlich Stimmung zu machen und die wenigen Unverdrossenen vor der Bühne zum Tanzen zu animieren. Ich bin noch nicht so ganz auf Betriebstemperatur und drehe erst eine gemächliche Runde über das Gelände, wobei ich mir diesmal sehr viel Zeit nehme und die Stände inspizieren. War am Vortag die Sonne praktisch nicht zu sehen gewesen, so knallt sie heute schon früh vom Himmel und ich bemitleide die Leute ein wenig, die sich in schwarzer Latex-Montur, Lack und Leder vor die Tür getraut haben.
War am Vortag das Programm im Theater doch eher elektronisch geprägt, ist die Auswahl heute deutlich differenzierter. Da ausnahmsweise keine Schlange vor dem Eingang steht nuze ich die Gelegenheit um beim schon laufenden Gig von Mantus vorbei zu schauen. Der Saal ist sehr voll, sehr dunkel und ich brauche erst ein paar Minuten um mich zu orientieren. Leider ist das Konzert dann auch schon fast vorbei bis ich mich zu einem vernünftigen Platz vorgearbeitet habe. Der Saal leert sich nur schleppend und ich überlege, ob ich nicht einfach hier drin bleiben soll, folgen doch noch ein oder zwei interessante Konzerte im Theater.
Letzten Endes gehe ich wieder hinaus auf das Festivalgelände um mir an den Ständen einige CDs sowie eine dringend benötigte Kopfbedeckung zu holen, da die Sonne mittlerweile schmerzhaft aufs lichte Haupthaar brennt. Die Musik ist nicht wirklich meins, dennoch schaue ich anschließend bei Unzucht vorbei, um mir zumindest einen kurzen Überblick über die Live-Qualitäten des Quartetts zu machen. Den zahlreichen Besuchern vor der Bühne gefällt es offensichtlich und die Band liefert ein rockiges Set ab, dass auch die letzte Müdigkeit vertreibt.

Nach einer kurzen Pause (und einem lecker Getränk) an der Strandbar geht es zum nächsten Konzert in Richtung Theater. Diesmal ist der Wechsel zur Theater Stage nicht ganz so unproblematisch und ich stehe fast eine halbe Stunde, ohne ein Fitzelchen Schatten, in der prallen Mittagssonne. Die einzigen Fortschritte in der Schlange ergeben sich, wenn Besucher vor mir entnervt aufgeben und wieder auf das reguläre Festivalgelände zurückkehren. Irgendwann schaffe ich es dann doch ins Theater; die sengende Sonne wird im Foyer durch abgestandene, verbrauchte und sehr, sehr warme Luft abgelöst – keine wirkliche Verbesserung; immerhin ist es hier einigermaßen schattig. In der Halle selbst ist die Luft schließlich deutlich angenehmer, verfügt die Location doch über eine funktionierende Klimaanlage. Trotz Umbaupause ist es recht finster und auf meinem Weg zur Bühne stolpere ich mehrmals über Konzertbesucher, die sich einfach auf dem Boden niedergelassen haben.

Irgendwann dröhnt dann auch das Intro durch die Boxen und Ost+Front marschieren auf die Bühne. Häufig als Rammstein-Kopie belächelt liefert die Band doch eine sehr energetische, mitreißende Show ab und das Publikum dankt es ihnen indem es lauthals das „Denkelied“ mitsingt, bei „Fleisch“ das (soweit vorhandene) Haupthaar schüttelt oder zu „911“ wild vor der Bühne pogt. Für mich sicherlich eines der besten Konzerte auf diesem Festival, auch wenn die Texte häufig weit über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus gehen und selbst mir stellenweise zu derbe sind.
Die Entscheidung über die nächste Band fällt mir nicht wirklich leicht. Die Gelegenheit The Devil & the Universe zu sehen bietet sich mir ausgesprochen selten, auch Coppelius machen sich ziemlich rar. Letzten Endes fällt die Wahl aber auf die schwedischen Elektroniker von Covenant.


Zum einen ist das Konzert in Frankfurt, auf das ich ursprünglich wollte, schon lange ausverkauft, zum anderen habe ich die Band, obwohl ich seit dem Debüt Dreams of a Cryotank alle CDs habe, noch nie live gesehen und schließlich will ich wieder draußen ein bisschen durchatmen. Das mit dem Durchatmen funktioniert nur bedingt: die Sonne brennt, vor der Bühne ist es richtig voll und Schatten gibt es praktisch keinen. Das hält Sänger Eskil Simonsson jedoch nicht davon ab, dem Publikum ordentlich einzuheizen, Unterstützung bekommt er dabei von seinen beiden Mitmusikern Joakim Montelius und Daniel Jonasson, die gelegentlich auch das Mikrofon übernehmen. Vor allem Stücke vom neuen Album The Blinding Dark stehen im Fokus des Auftrittes, aber auch Klassiker wie „Figurehead“, „Ritual Noise“ oder das fantastische „Dead Stars“ zum Abschluss werden vom Publikum gefeiert.
Nach diesem, schon ziemlich tollen, Auftritt bin ich völlig durchgeschwitzt, habe einen Sonnenbrand und kann meine Füße kaum noch heben. Auf der Suche nach etwas Erholung schleppe ich mich mühsam erneut zur Strandbar, die mit den wenigen, einigermaßen bequemen, Sitzgelegenheiten auf dem Festival aufwarten kann. Schatten gibt es zwar auch hier keinen mehr, doch es hilft schon, die Beine ein paar Minuten hochzulegen und kurz durchzuschnaufen, bevor es zurück auf die MS RheinEnergie geht. Nach dem üblichen Prozedere (Schlange, Taschenkontrolle, Flaschenentleerung) schaffe ich es grade rechtzeitig auf die Galerie bevor Thomas Elbern mit seinen beiden Kollegen die Bühne betritt.
Vor vielen, vielen Jahren hatte ich Escape with Romeo schon einmal live (damals im Mainzer KUZ) gesehen und mir gefiel die Kombination aus Gitarre und Elektronik seinerzeit recht gut. Die alten Stücke wie „Somebody“ und „Serious“ funktionieren für mich dann auch nach über 20 Jahren noch. Mit dem neueren Material kann ich dagegen nicht so viel anfangen, was aber dem schönen, entspannten Gesamteindruck des Konzertes keinen Abbruch tut.

Eigentlich hatte ich vorgehabt noch eine weitere Nacht in Köln zu verbringen und dann am Montag ganz entspannt den Heimweg anzutreten. Doch durch eine Verkettung unglücklicher Umstände wurde mein Urlaub kurzfristig gestrichen, so dass meine Zeitplanung ein wenig überarbeitet werden musste. Gerne hätte ich mir noch den Auftritt von Spiritual Front oder wahlweise auch den der Editors angeschaut, doch steht mir ein relativ langer Marsch zum Parkplatz und eine noch viel längere Heimfahrt bevor. Am Auto angekommen kann ich mich jedoch erst einmal über einen Strafzettel für Falschparken (unberechtigt) und nach einigen hundert Metern über den Blitzer, der meine Geschwindigkeitsübertretung (diesmal berechtigt) dokumentiert, ärgern. Dessen ungeachtet verläuft die Heimfahrt angenehm unkompliziert, lediglich einen kurzen Zwischenstopp muss ich einlegen, da ich unbedingt eine Pause brauche. Nach einer kleinen Stärkung geht es schließlich auf die letzte Etappe der Heimreise und ich komme, ziemlich kaputt, zu Hause an. Immerhin bleiben mir noch fast fünf Stunden bevor der Wecker klingelt und ich mich wieder auf den Weg ins Büro machen muss.


Im Vergleich zur Lanxess Arena ist der Tanzbrunnen sicherlich die bessere Location. Hier, direkt am Rhein, ist das Ambiente deutlich angenehmer als bei der mehr oder minder seelenlose Deutzer Mehrzweckhalle. Dazu kommen viele nette Kleinigkeiten wie die Strandbar mit ihren Liegestühlen, Cocktails und dem fantastischen Ausblick auf das gegenüberliegende Ufer. Auch die Orbit Stage auf der MS RheinEnergie unterzubringen hat, zumindest für mich, sehr gut funktioniert; der perfekte Ort, um mal ein bisschen abzuschalten und einfach nur die Musik in etwas ruhigerer Atmosphäre zu genießen. Was mir dagegen nur bedingt gefallen hat war die Theater Stage. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, wurde die Halle am Samstag mehrmals so heiß und stickig, dass nur eine beschränkte Anzahl Besucher hinein durften. Die endlose Warterei in der Schlange war ebenfalls nicht schön und auch die Taschenkontrollen waren irgendwann nur noch nervig. Für das nächste Jahr besteht hier sicherlich noch Verbesserungspotential.
Ansonsten haben die Veranstalter ziemlich viel richtig gemacht: Bei der Bandauswahl, den unterschiedlichsten Ausstellern und dem vielfältigen Cateringangebot war eigentlich für jeden etwas dabei. Sicherlich waren die Preise schon grenzwertig, aber zumindest bei den Getränken wurde dies etwas durch die Trinkbrunnen und den Wasserstand abgemildert. Davon abgesehen haben die beiden Kioske am Kennedy-Ufer an diesen beiden Tagen wahrscheinlich das Geschäft des Jahres gemacht.

Technisch gab es an den Auftritten eigentlich nichts auszusetzen – hier waren vielleicht die Vocals zu leise oder dort eine Gitarre zu heftig, aber nichts Gravierendes und die Jungs hinter den Mischpulten haben die Probleme meist rasch wieder im Griff gehabt. Was mich jedoch etwas störte war, dass viele Bands einfach nur ihr Programm herunter gespult haben. Anmoderationen oder sogar ein Dialog mit dem Publikum waren, zumindest bei den Auftritten, die ich gesehen habe, Mangelware, natürlich gab es löbliche Ausnahmen. Auch den häufigen Zugriff auf Gesangs- oder Musikpassagen aus der Konserve fand ich etwas schwach. Gehört dies bei Musikern aus dem elektronischen Bereich vielleicht zum guten Ton, so hätte ich mir grade bei Acts wie Tarja gewünscht, dass sie ihre Stücke entsprechend arrangieren um sie den Gegebenheiten anzupassen.